Kabul/Hebron - Mehrere hundert Demonstranten zogen am Morgen zum US-Stützpunkt in der südafghanischen Stadt Kalat. Polizisten eröffneten das Feuer, um sie vor der Kaserne zu stoppen. Dabei wurden nach Polizeiangaben vier Menschen tödlich getroffen. Elf Demonstranten erlitten Schussverletzungen, acht Polizisten und ein Soldat wurden von Steinen getroffen. Die aufgebrachte Menschenmenge gelangte danach auf einer anderen Straße vor den US-Stützpunkt. Dort setzten sie Augenzeugen zufolge drei Tankfahrzeuge in Brand. US-Soldaten gaben Warnschüsse ab.
Der afghanische Ulama-Rat, die höchste Vereinigung der muslimischen Geistlichen des Landes, rief im Rundfunk zur Beendigung der Proteste auf. "Wir verurteilen die Zeichnungen, aber dies rechtfertigt keine Gewalt", sagte der Geistliche Mohammed Usman der Nachrichtenagentur AP. Dies schade nur dem Ansehen des Islams. Auch die Vereinten Nationen, die Europäische Union (EU) und die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) riefen Muslime in aller Welt zur Ruhe auf.
Doch auch im Westjordanland kam es zu neuen Gewaltausbrüchen: In Hebron griffen etwa 300 meist jugendliche Palästinenser den Sitz der internationalen Beobachtermission an. Sie warfen Fensterscheiben ein und versuchten, eines der Gebäude in Brand zu setzen. Sie riefen: "Dänemark raus aus Hebron". In der Zentrale der Beobachtermission (TIPH) befanden sich zu diesem Zeitpunkt rund 60 Personen. Die TIPH (Temporary International Presence in Hebron) dient als Puffer zwischen der palästinensischen Bevölkerung und jüdischen Siedlern in der Stadt. Elf dänische Beobachter seien bereits bei Beginn der Proteste gegen die Karikaturen abgezogen worden, sagte TIPH-Sprecherin Gunhild Forselv.
In Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, gingen mehr als 1000 Menschen auf die Straße. Die Polizei hinderte die Menge daran, zur italienischen Botschaft zu ziehen. Die Demonstranten verbrannten mehrere dänische Flaggen. Auch in Pakistan und in Srinagar im indischen Teil von Kaschmir gingen mehrere hundert Bewohner mit Parolen gegen Dänemark auf die Straße. In Indonesien, wo es ebenfalls wieder zu Demonstrationen kam, bezeichnete Außenminister Hassan Wirajuda das Ausmaß der Protestaktionen als übertrieben. Radikale Gruppen nutzten die Karikaturen aus, um Stimmung zu machen, sagte Wirajuda in Jakarta.
Kairo: Dänen verschanzen sich auf Flughafen
Die Islamische Weltliga will nach Angaben eines Pariser Anwalts gegen die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in Frankreich jetzt vor Gericht ziehen. Wie Med Salah Djemaï der Nachrichtenagentur AFP sagte, sieht die Nichtregierungsorganisation mit Sitz im saudiarabischen Mekka in der Publikation der umstrittenen Zeichnungen "rassistische Beleidigungen und Aufstachelung zum Rassenhass". Er werde deswegen in den nächsten Tagen Klage bei den Ermittlungsrichtern in Paris einreichen. Die Islamische Weltliga solle dabei als Nebenklägerin auftreten.
Inzwischen forderte der dänische Ex-Außenminister Uffe Ellemann-Jensen den Rücktritt des "Jyllands-Posten"- Chefredakteurs Carsten Juste wegen der Mohammed-Karikaturen. Ellemann-Jensen, der von 1982 bis 1993 Minister war und zur rechtsliberalen Partei von Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen gehört, sagte in "Jyllands-Posten" selbst, Juste habe ja bereits eingestanden, dass er die Reaktionen bei der Veröffentlichung vor mehr als vier Monaten falsch eingeschätzt habe. "Wenn man einen so fatalen Fehler zugibt, der schon etliche Menschenleben gekostet hat, ist man seiner Aufgabe nicht gewachsen", sagte Ellemann-Jensen weiter. Man müsse den Funken auch dort zum Erlöschen bringen, wo er gezündet habe. Dazu habe "Jyllands-Posten" bisher nicht ausreichend beigetragen.
Eine Gruppe dänischer Touristen forderte heute in Kairo aus Sorge vor möglichen Übergriffen aufgebrachter Muslime gar Polizeischutz. Wie am internationalen Flughafen Kairo bekannt wurde, konnte eine Boing-737 der Fluggesellschaft Maersk Air nicht wie geplant von Kairo nach Kopenhagen starten, weil erst ein Defekt in einem Gerät im Cockpit repariert werden musste. Die Passagiere sollten in ein Hotel gebracht werden, um dort zu warten, bis die Maschine startklar sei.
43 Passagiere aus Dänemark weigerten sich jedoch sieben Stunden lang, das Flughafengebäude zu verlassen, da sie Übergriffe von Ägyptern wegen des Streits um die dänischen Mohammed-Karikaturen befürchteten. Sie wurden schließlich in Begleitung von Sicherheitskräften in ein Hotel in einem Vorort von Kairo gebracht.
Französisches Satireblatt druckt eigene Karikaturen
Das französische Satireblatt "Charlie Hebdo" hat die zwölf Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" nachgedruckt und eigene Karikaturen des Propheten hinzugefügt. Die linke Wochenzeitung hatte die Veröffentlichung zuvor gerichtlich durchgesetzt. Am Vortag wies ein Pariser Gericht im Eilverfahren eine Klage muslimischer Verbände ab, die darin Aufstachelung zum Rassen- und Religionshass sahen.
Als Titelbild veröffentlichte "Charlie Hebdo" eine eigene Karikatur. Sie zeigt unter der Überschrift "Mahomet débordé par les intégristes" (Mohammed überwältigt von den Fundamentalisten) den Propheten mit Turban. Mohammed schlägt die Hände vor den Kopf und knurrt mit zusammengebissenen Zähnen: "C'est dur d'être aimé par des cons" (sinngemäß: Es ist hart, wenn man von Deppen geliebt wird). Das Blatt veröffentlichte zudem weitere Karikaturen, auf denen Mohammed oder Vertreter anderer Religionen zu sehen waren.
Ein Zeichner von "Charlie Hebdo", der namentlich nicht genannt wurde, sagte im britischen BBC-Radio, sein Blatt habe großen Respekt vor muslimischen Gläubigen. Die Veröffentlichung der Karikaturen sei ein Beitrag zur Meinungsfreiheit, kein Versuch, Geld oder billige Werbung zu machen.
Zudem widmete das wöchentliche Satire- und Enthüllungsblatt "Le Canard enchaîné" dem Thema mehrere Artikel und Zeichnungen. Dabei bildete es den Propheten nicht ab. "Le Canard enchaîné" taufte sich aber von "satirische Mittwochszeitung" in "satanische Mittwochszeitung" um und versah alle Karikaturen zum Streit mit dem Stempel "satanische Zeichnung". In der Hauptschlagzeile heißt es: "Exklusiv - Mohammed ruft den 'Canard' an", dann folgt als angebliche Aussage des Propheten das unübersetzbare Wortspiel "Prophète l'amour, pas la guerre", eine Verballhornung aus dem Wort Prophet und dem US-Slogan "Make love, not war" (Macht Liebe, nicht Krieg).
Auch das deutsche Satire-Magazin "Titanic" plant in seiner kommenden Ausgabe die Publikation von "noch nicht veröffentlichten Karikaturen, die uns zugespielt worden sind", sagte Chefredakteur Thomas Gsella auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. In dem am 24. Februar erscheinenden Heft würden vor allem "Karikaturen abgedruckt, die in anderen kleineren Staaten - vergleichbar mit Dänemark - erschienen sind". Allerdings müssten sie, "wegen der schlechten Qualität im Originalzustand", noch von einem eigenen Karikaturisten überarbeitet werden, fügte Gsella hinzu.
lan/AP/AFP/dpa
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