Ramadan: Exakt. Aber was Muslime in Europa erleben, wird enorme Auswirkungen auf die meisten islamischen Länder haben: Wir haben nun Erfahrungen damit, in Demokratien und freien Gesellschaften zu leben. Aber es gibt eine Gefahr. Wenn Muslime und Europäer als gleichwertige Bürger in Demokratien nicht imstande sein sollten, einander zu vertrauen, miteinander zu reden, wenn es uns nicht gelingen sollte, einen Weg des Zusammenlebens zu finden, senden wir ein Signal in die islamische Welt, dass es keinen Weg des Vertrauens für Muslime und den Westen gibt. Wir in Europa haben eine unglaublich große Verantwortung. Es ist wichtig, dass die Bürger in Europa eines verstehen: Wenn wir mehr voneinander wissen und uns mehr Respekt entgegenbringen, zeigen wir, dass es möglich ist. Derzeit senden wir also die exakt entgegengesetzte Botschaft.
SPIEGEL ONLINE: Um nicht übermäßig pessimistisch zu sein, das klingt nach einer ziemlich großen Aufgabe.
Ramadan: Es muss auf lokaler Ebene geschehen. Es ist an jedem Einzelnen zu entscheiden, ob er mehr über seine Mitbürger und die Muslime, die um ihn herumleben, erfahren will. Da ist viel Misstrauen zwischen den beiden Gruppen. Die Menschen müssen aus ihren intellektuellen, religiösen und kulturellen Ghettos ausbrechen und zu universellen Werten finden. Diese Werte existieren. Wir können nicht auf die nächste Krise warten, um dann zu reagieren. Es muss eine präventive Strategie sein, die auf einem wirklichen Verständnis darüber basiert, was Pluralismus erfordert.
SPIEGEL ONLINE: Außerhalb Europas scheint die muslimische Welt nicht verstanden zu haben, dass Europa und der Westen sich der Freiheit der Presse verschrieben haben, der Meinungsfreiheit und anderen Werten der Demokratie
Ramadan: Ich stimme zu. Viele in der muslimischen Welt glauben, dass europäische Regierungen für die Karikaturen verantwortlich sind. Sie kapieren nicht, dass dem nicht so ist. Diese Menschen leben unter Regimen, in denen der Präsident beides kontrolliert: die Regierung und die Presse. Das ist nicht die einzige Fehlinterpretation des Westens. Der Westen wird in der muslimischen Welt oft als eine verlorene Zivilisation wahrgenommen ohne moralische Standards und Ethik - was natürlich falsch ist. Es wäre wichtig, dass die in Europa lebenden Muslime ihnen sagen, dass es sogar im Westen unterschiedliche Meinungen zu den Karikaturen gab.
SPIEGEL ONLINE: Sie sagen also, viele Muslime wissen nicht, dass es auch im Westen eine Debatte über die Karikaturen gibt?
Ramadan: Und umgekehrt: Wenn man im Westen die Gewaltszenen in den islamischen Ländern sieht, hat man den Eindruck, das wären die Muslime. Das stimmt natürlich auch nicht. Es gibt in der islamischen Welt viele verschiedene Strömungen wie hier auch. Die Stimmen der Radikalen gewinnen deshalb die Oberhand, weil sie lauter schreien und mehr Widerhall finden. Wir müssen der Vernunft mehr Gehör verschaffen.
SPIEGEL ONLINE: Welche Strömungen gibt es in der islamischen Welt?
Ramadan: Da ist ein Machtkampf im Gange. In der Welt der Muslime hat man Angst vor Selbstkritik, weil man meint, dies stärke die andere Seite, den Westen. Wer zu viele kritische Fragen stellt, wird als einer betrachtet, der die Seiten gewechselt hat und zu einem Westler in muslimischer Kleidung geworden ist. Nahm man den Westen früher als politische Kolonialisten wahr, so denkt man heute an wirtschaftliche Kolonialisierung und kulturellen Imperialismus. Man sollte nicht vergessen, dass die große Mehrheit der arabisch-islamischen Länder keine Demokratien sind. Viele Menschen in Europa fragen zum Beispiel nach den Rechten der Christen in Saudi-Arabien. Welche Rechte aber haben die Saudis in Saudi-Arabien? Wie steht es um das Volk? Die gängige Meinung in den meisten islamischen Ländern ist, dass alle Probleme von außen kommen. Das stimmt nicht. Sie sind Folge der Tatsache, dass es keine wirkliche Freiheit gibt und keinen politischen Willen, die Probleme zu lösen.
SPIEGEL ONLINE: Was halten sie von der Idee der größten iranischen Zeitung, einen Karikaturen-Wettbewerb zum Holocaust auszuschreiben? Warum wird jeder Provokation aus dem Westen mit Antisemitismus begegnet?
Ramadan: Muslime müssen akzeptieren, dass es keine doppelten Standards geben kann. Wir setzen den israelisch-palästinensischen Konflikt - ein politischer Konflikt - mit allen Juden gleich. Alles was in diesem Zusammenhang verletzt und antisemitisch ist, müssen wir verurteilen. Der Holocaust sitzt an einer tiefen und schmerzempfindlichen Stelle des europäischen Gewissens. Dies auszunutzen, bedeutete, Menschen auszubeuten, die verletzt wurden, gelitten haben und ganz furchtbar misshandelt wurden. Das heißt, der Holocaust-Karikatur-Wettbewerb ist nicht akzeptabel. Er muss verurteilt werden.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem gegenwärtigen Karikaturen-Streit und dem möglichen Versuch Irans, die Atombombe zu bauen?
Ramadan: Ja, den gibt es. Der Karikaturen-Streit verschafft der iranischen Regierung Legitimation, da sie als Verteidiger der muslimischen Welt gegen den Westen auftritt. Als freie Bürger und Demokraten sollten wir zwischen den beiden Extremen stehen - zwischen Iran und jenen, die einen Krieg gegen Iran fordern. Sollte es zu einem Zusammenprall der Kulturen kommen, werden beide Seiten verlieren. Kommt es dagegen zu einem Dialog der Kulturen, so werden beide Seiten Gewinn davontragen. Wir müssen kapieren, dass ob wir gewinnen oder verlieren, es zusammen tun werden.
Das Interview führte Charles Hawley
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