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10.02.2006
 

SPIEGEL-ONLINE-Forum zu Mohammed-Karikaturen

"Herunterkühlen, Kopf einschalten"

Ist der Kampf der Kulturen noch zu verhindern? Diese Frage elektrisiert seit Tagen die SPIEGEL-ONLINE-Leser. In mehr als 1000 Postings täglich diskutieren sie im Forum über Meinungsfreiheit, Intoleranz und Religion – emotional und meistens fair.

Hamburg - Es ist die intensivste Debatte, die ein Forum von SPIEGEL ONLINE je erlebt hat. Ein Meinungsaustausch bisher nicht gekannten Ausmaßes, teilweise im Sekundentakt prasseln die Botschaften auf den Server. Seit die Welt über die Veröffentlichung der umstrittenen Karikaturen des Propheten Mohammed streitet, diskutieren unsere Leser, ob der oft zitierte Kampf der Kulturen noch zu verhindern ist. Wie groß der Bedarf des Diskurses ist, macht die immense Zahl neuer Forumsteilnehmer deutlich: Tausende Leser gesellten sich erst anlässlich der hitzigen Debatte zu den bis dahin rund 17.000 bereits bei SPIEGEL ONLINE registrierten Forumsteilnehmern. Das Forum als neuer Leserbrief: Hier finden Interessierte am schnellsten Gleichgesinnte.

Und so hat die Diskussion seit dem Ausbruch der gewaltsamen Proteste in der muslimischen Welt nichts von ihrer Dynamik verloren. Emotional, aber gleichzeitig sachlich und fair vertreten die Foristen ihre Meinungen. Und die sind vielschichtig. Für die einen ist der Kampf der Kulturen längst im Gange, vielleicht sogar ein Krieg unvermeidbar, andere wiederum sehen in den Demonstrationen den Versuch einer radikalen Minderheit, den Zorn gegen den Westen erst zu schüren und den Streit über die Karikaturen für sich zu instrumentalisieren.

Dazwischen suchen die Diskutanten eifrig nach den Ursachen des jetzt ausgebrochenen Konflikts und versuchen zu analysieren, wie ein friedliches Zusammenleben zukünftig möglich ist. "Am Ende kann es nur einen geben", lautet etwa die erschreckende Prognose in Highlander-Manier von Robert Nozick. Die Werte von islamischer und westlicher Welt liefen konträr und seien deswegen unvereinbar, findet er. Galileos hält dagegen und wünscht sich eine "kritische Auseinandersetzung mit Werten und Traditionen, den eigenen und denen des anderen". Ein Dialog der Kulturen, das ist worauf die meisten Forumsteilnehmer setzen.

Dass dieser nur möglich ist, wenn beide Seite sich nicht nur in Schuldzuweisungen, Forderungen und Ratschlägen an den jeweils anderen verlieren, ist für die meisten Leser selbstverständlich. "Toleranz ist keine Einbahnstraße", schreibt Balancer. In den Augen von svarez müssen einerseits die Muslime ihr "Verharren in mittelalterlichen Strukturen" überwinden, der Westen andererseits "seine Defizite im Bereich des gesellschaftlichen Zusammenlebens" beseitigen und "seine Fundamente nicht nur auf dem freien Kapitalverkehr" errichten.

Bildung wird als Schlüssel für ein respektvolleres Miteinander genannt, um die immer wieder angeführten "Missverständnisse" zwischen den Kulturen auszuräumen und das "ganze Chaos zu beruhigen", wie thunder road es ausdrückt. "Wir wissen zu wenig über den Islam und die islamische Welt", schreibt Fritz Katzfuß. Und tiberius setzt auf eine "deutliche Verbesserung des Bildungsniveaus" in der Zweiten und Dritten Welt, eine Maßnahme, die der Westen finanziell und materiell unterstützen müsse. "Bildung schafft Bewusstsein auch für andere Sachen und dieses Bewusstsein schafft Toleranz", meint Berthold32. Bemerkungen, die andere Forumsteilnehmer als "Gutmenschentum" verspotten. Sogar das Wort vom "Islamversteher" macht die Runde.

Auch wenn viele Foristen die Karikaturen als "läppisch", aber dennoch verletzend betrachten: Die Meinungs- und Pressefreiheit gilt als hohes Gut, dass bei aller Diplomatie und Besonnenheit nicht in Frage gestellt werden dürfe. Nach Meinung von Philip Köster sollte die gesamte säkulare Welt kompromisslos klarstellen, dass "gewisse Grundpfeiler unserer Gesellschaft wie Religionsfreiheit, Gleichberechtigung der Geschlechter, Pressefreiheit, freie Meinungsäußerung, Bildungsgleichheit und andere Errungenschaften nicht verhandelbar sind". Den Medien geben einige Diskutanten jedoch auch eine Mitschuld an der Eskalation. Oft wird darauf hingewiesen, dass im Fernsehen oder der Presse nur über die gewaltsamen Ausschreitungen berichtet werde, nicht jedoch über friedliche Demonstrationen.

Auch Muslime beteiligen sich an der Diskussion. Für ihre offenen, ausführlichen Stellungnahmen erhält etwa Hashmi viel Lob von anderen Foristen, auch wenn sie mit ihren Ansichten nicht übereinstimmen. "Wahr ist, dass der Islam keine Trennung von Staat und Religion vorsieht", schreibt sie und sagt ausdrücklich, dass für sie der Koran vor dem Grundgesetz komme. Durch solche Aussagen fühlen sich viele Forumsteilnehmer in ihren Zweifeln an der Möglichkeit eines respektvollen Miteinanders bestätigt.

Nach mehr als 3300 Beiträgen allein zur Ausgangsfrage, ob der Kampf der Kulturen noch vermeidbar ist, wird deutlich: Gewalt ist für die ganz große Mehrheit der SPIEGEL-ONLINE-Foristen keine Lösung, auf der einen wie auf der anderen Seite. Ein Konflikt wie der um die Mohammed-Karikaturen, der ferion mittlerweile "stark an kindliche Sandkastenstreitereien" erinnert, dürfe nicht in einem Kampf der Kulturen enden. "Eine Reibung zwischen den Kulturen wird wohl unvermeidlich sein", schreibt Chinasky, "nicht aber ein 'totaler Krieg' von Kultur gegen Kultur".

Es gilt, die Ruhe zu bewahren. "Herunterkühlen, Kopf einschalten (auf beiden Seiten!) und handeln wie erwachsene und vernünftige Menschen", meint Weser. Man habe schließlich nur diesen einen Planeten und müsse sich miteinander abfinden. "So einfach ist das."

phw

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