Berlin - Im Leichenschauhaus von Bagdad liegen zurzeit die von Kugeln durchsiebten Körper von mindestens 80 Irakern. Das ist nur ein Teil der Opfer der Gewaltwelle, die das Land erschüttert, seit Terroristen gestern Morgen die den Schiiten heilige Moschee von Samarra zerbombten. Niedergebrannte Moscheen, ermordete und entführte Imame, willkürlich erschossene Zivilisten - fast im ganzen Land liefern sich militante Sunniten und Schiiten gewalttätige Auseinandersetzungen. Die Frage ist nicht mehr, ob das Land in einen Bürgerkrieg gleitet, sondern ob dieser sich rasch wieder eindämmen lässt oder nicht.
Heute griff die Eskalation auf die politische Sphäre über - auch das zarte Pflänzchen der irakischen Demokratie ist jetzt gefährdet. Das wichtigste sunnitische Parteienbündnis im Irak, die "Front der Nationalen Einheit", setzte seine Teilnahme an den Verhandlungen über eine Regierungsbildung aus. Als Begründung führten die Parteichefs die Vergeltungstaten radikaler Schiiten an. Dieser Schritt nährt Befürchtungen, dass die Bildung einer stabilen, demokratisch legitimierten und an Ausgleich und Versöhnung interessierten Regierung scheitern könnte.
Die Verhandlungen über eine Regierungsbildung hatten unmittelbar nach den Parlamentswahlen Ende Januar begonnen, in der letzten Woche aber einen ersten Höhepunkt erreicht: Der radikale Schiitenführer Muktada al-Sadr, quasi das Zünglein an der Waage, hatte mit allerlei Tricks und Drohungen durchgesetzt, dass die schiitische Mehrheit im Parlament überraschend den amtierenden Ministerpräsidenten Ibrahim al-Dschafari erneut für den Posten nominiert. Dschafari gilt als schwacher Politiker. Sadrs Anhänger erklärten jedoch, dass dieser ihnen zugesagt habe, ihr Programm umzusetzen. Das besteht vor allem aus zwei Forderungen: die US-Armee möglichst schnellen hinauszuwerfen und die föderale Struktur des neuen Irak wieder zu kassieren - mit dem Ziel, einen starken, schiitisch dominierten Zentralstaat zu errichten.
USA drohen mit Hilfsgeldkürzungen
Die USA reagierten Anfang der Woche mit unverhohlenen Drohungen auf Sadrs Manöver: "Amerikanische Steuerzahler erwarten, dass ihr Geld für vernünftige Dinge ausgegeben wird", erklärte der US-Botschafter in Bagdad, Zalmay Khalizad. "Wir werden die Ressourcen des amerikanischen Volkes nicht in Kräfte stecken, die von Menschen gesteuert werden, die Sektierer sind." Mit dieser Warnung, Hilfsgelder könnten gekürzt werden, versuchte Khalizad der US-Vorstellung einer irakischen Regierung Nachdruck zu verleihen. Nach den Wünschen der Besatzer soll diese möglichst auch sunnitische Politiker einschließen. Die Kernpositionen im Kabinett sollen mit Personen besetzt werden, die nicht eindeutig als Vertreter einer ethnischen oder religiösen Gruppe identifiziert würden.
Hintergrund dieser Forderung ist die Sorge, die schiitische Mehrheit könnte eine Art anti-sunnitische Diktatur errichten. Diese Äußerung Muktada al-Sadr denkt nicht daran, sie zu zerstreuen: An der immerhin per Referendum angenommenen Verfassung sei "nichts Gutes zu finden", tönt er.
Faktisch herrscht jetzt Anarchie im Irak: Die alte Übergangsregierung nimmt niemand mehr ernst, wie eine neue aussehen könnte, ist unklar. Längst haben die gewalttätigen Ausschreitungen mehr Einfluss auf den politischen Prozess als umgekehrt. Zwar riefen fast alle führenden Politiker gestern dazu auf, keine Gewalt anzuwenden - aber Heißsporne wie eben Muktada al-Sadr forderten lieber "Rache". Der Ruf wurde vielfach aufgenommen und in Handlung umgesetzt.
Dabei ist noch immer unklar, wer den Anschlag auf die Grabstätte der beiden Imame Ali al-Hadi und Hassan al-Askari ausgeführt hat. Abu Musab al-Sarkawi, der Statthalter des Terrornetzwerks al-Qaida im Irak, ist für viele der Hauptverdächtige. Seit über zwei Jahren legt er es darauf an, einen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten herbeizubomben. Anstatt sich jedoch zu bekennen, veröffentlichte er heute lediglich eine Erklärung, mit der er versuchte, den interkonfessionellen Kampf weiter anzuheizen.
Sarkawis Hetze
Die Vergeltungen der Schiiten gegen die Sunniten seien "nichts als ein Teil dessen, was jeden Tag geschieht, nur dass sonst die Medien nicht darüber berichten", heißt es in dem Bulletin, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Es wurde im Namen des "Ratgebergremiums der Mudschahidin" veröffentlicht, einer Art Dachverband im Irak aktiver Terrorgruppen, innerhalb dessen al-Qaida die tonangebende Kraft ist. "Das was geschehen ist", hetzen die Dschihadisten, "ist eine Folge der Taten der vom Glauben abgefallenen Regierung von Dschafari." Alles sei nur ein mit Unterstützung Irans durchgeführtes Projekt, die "Verbrechen" der Schiiten an den Sunniten zu vertuschen. Dass am Anfang der Eskalation ein Anschlag auf ein schiitisches Heiligtum stand, wird nicht erwähnt.
Al-Sarkawi versucht über die Erklärung des "Ratgebergremium der Mudschahidin" den Eindruck zu verbreiten, dass der Höhepunkt der Auseinandersetzungen noch lange nicht erreicht ist. Er ruft die Sunniten des Irak dazu auf, sich "wie ein Mann" dem Machtanspruch der Schiiten entgegen zu stellen. "Unsere Antwort", droht er, "wird wie ein Erdbeben sein."
Mit Ausgangssperren am Abend und in der Nacht versuchen nun die irakischen Behörden die Gewaltwelle einzudämmen. Polizei und die Armee wurden in Alarmbereitschaft versetzt, jeder Urlaub gestrichen. Doch weder eine faktische noch eine rhetorische Abkühlung ist bislang festzustellen: Im Stundentakt melden die Agenturen neue Leichenfunde, die jedes Mal selbst ernannte Rächer auf den Plan rufen. Sunnitische und schiitische Politiker und religiöse Würdenträger geben einander gegenseitig die Schuld für die Ausschreitungen. Großajatollah Ali al-Sistani, höchster schiitischer Würdenträger im Irak, der gestern sofort versuchte, die Gemüter zu beruhigen, dringt immer weniger durch.
Mit Spannung wird nun der morgige Freitag erwartet - in allen islamischen Ländern traditionell der Tag, an dem, im Anschluss an das Mittagsgebet, die größten Demonstrationszüge stattfinden. Kippen auch sie wieder ins Gewalttätige - der politische Prozess der Bildung der ersten demokratisch legitimierten Regierung in der Geschichte des Irak wäre wohl vorläufig am Ende.
Yassin Musharbash
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Irak | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH