Bagdad - Mit dem Sturz von Saddam Hussein hätten die USA und ihre Verbündete im Irak eine "Büchse der Pandora" mit unvorhersehbaren ethnischen Spannungen geöffnet, zitiert die "Los Angeles Times" den Botschafter Zalmay Khalilzad. Im Irak sei das "Potential" vorhanden, dass aus diesen Auseinandersetzungen ein Bürgerkrieg werde. Wenn es wieder zu einem Vorfall wie der Zerstörung der schiitischen Moschee in Samarra komme, sei der Irak dafür anfällig.
Ein rascher Rückzug der US-Truppen könne dramatische globale Folgen nach sich ziehen, warnte der Botschafter. Khalilzad widersprach damit optimistischen Einschätzungen der Lage durch US-Militärs. Noch am Wochenende hatte Marinegeneral Peter Pace in einem TV-Interview behauptet, die Situation im Irak entwickle sich "in allen Bereichen sehr, sehr gut".
Noch in dieser Woche kommt Präsident George W. Bush mit führenden US-Militärs zusammen, um über Zeitpunkt und Umfang eines amerikanischen Truppenrückzugs im Irak zu entscheiden. Es ist im Gespräch, das Kontingent von zurzeit 130.000 im Sommer auf 100.000 zu reduzieren.
Ein Truppenabzug wäre auch ein Signal, dass die US-Regierung die Entwicklung im Irak optimistisch sieht. Doch Botschafter Khalilzad ist skeptisch. Seit den Wahlen vom Dezember, bei denen die Schiiten dominierten, gebe es im Irak ein "Autoritätsvakuum und jede Menge Misstrauen".
Die Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten nach der Bombardierung der Moschee sei ein Beleg dafür, dass die Extremisten die "Zerbrechlichkeit" der Lage im Irak erkannt hätten und versuchten sie zu verschärfen, um einen Bürgerkrieg zu entfachen.
Im schlimmsten Fall könne die Gewalt im Irak sich ausweiten auf andere Staaten der Golfregion, sagte Khalilzad. "Dagegen wäre die Situation im Afghanistan des Taliban-Regimes ein Kinderspiel", sagte Khalilzad der "LA Times".
Heute kamen bei Sprengstoffanschlägen im Irak mindestens sechs Menschen ums Leben. In der Aufständischen-Hochburg Bakuba starben nach Angaben von Augenzeugen ein Polizist und ein Zivilist, als neben einer Polizeipatrouille ein Sprengsatz in einem geparkten Fahrzeug detonierte.
In der 100 Kilometer südlich von Bagdad gelegenen Stadt Hilla explodierten laut Polizei in der Innenstadt und an einer Zufahrtstraße fast zeitgleich zwei Autobomben. Zu möglichen Opfern lagen zunächst keine Angaben vor. Drei Polizisten starben bei einem Rebellenangriff in Baidschi.
Wie aus Armeekreisen bekannt wurde, explodierte gestern Abend in der Nachbarstadt Tikrit ein Sprengsatz im Schrein von Mahdi al-Dschabr, der von Anhängern des Sufismus - einer mystischen Tradition des Islam - verehrt wird. Es entstand Sachschaden. In der vergangenen Woche war in Tikrit eine Bombe in der Moschee explodiert, die Ex-Präsident Saddam Hussein zu Ehren seines Vaters hatte errichten lassen. Dabei wurde die Kuppel stark beschädigt.
"Daily Telegraph": Briten ziehen 2008 ab
Der größte Teil der rund 8000 im Irak stationierten britischen Soldaten soll nach einem Zeitungsbericht bis zum Sommer 2008 abgezogen werden. Wie die Zeitung "The Daily Telegraph" heute unter Berufung auf den ranghöchsten britischen Offizier in der irakischen Hauptstadt Bagdad, Generalleutnant Nick Houghton, berichtet, soll der Abzug in vier Stufen erfolgen und noch im Frühjahr, spätestens jedoch im Sommer dieses Jahres beginnen.
Dabei wolle man in den vier von den Briten kontrollierten Provinzen einen möglichst weichen Übergang der Kontrolle an die irakischen Sicherheitskräfte erreichen. Die Abzugspläne gründeten auf der Zuversicht, dass die irakischen Sicherheitskräfte im eigenen Land schon bald ohne fremde Unterstützung für Recht und Ordnung sorgen können, sagte Houghton.
Die australischen Soldaten im Irak sollen einem Zeitungsbericht zufolge bis 2007 in dem Golfstaat bleiben. "Wir werden ziemlich sicher dazu verpflichtet sein, auch bis ins kommende Jahr hinein im Südirak zu bleiben", zitierte das Blatt "The Australian" Verteidigungsminister Brendan Nelson. Insgesamt hat Australien rund 1300 Soldaten im Irak und in nahe gelegenen Ländern stationiert. Etwa 450 Soldaten sorgen in der südirakischen Provinz al-Muthanna für die Sicherheit japanischer Ingenieure.
Nelson hatte bereits zuvor signalisiert, die australischen Soldaten würden auch im Irak bleiben, wenn Japan seinen Abzug im Mai dieses Jahres abschließen werde. Während einer Irak-Reise unterstrich er, sein Land fühle sich der Stabilisierung und dem Wiederaufbau des Iraks verpflichtet und wolle diese Aufgabe erfüllen. "Obwohl viel erreicht worden ist, bleibt noch viel zu tun", hieß es in einer von seinem Büro veröffentlichten Mitteilung.
Sheehan vor Uno-Mission festgenommen
In den USA hat die Polizei vier Gegnerinnen des Irak-Kriegs festgenommen, unter ihnen die prominente Friedensaktivistin Cindy Sheehan. Mitstreiterinnen berichteten, die vier hätten am Montag versucht, in der US-Mission der Vereinten Nationen in New York eine Petition mit 72.000 Unterschriften für den Abzug der US-Truppen aus dem Irak zu übergeben. Die Frauen sollen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt angeklagt werden, hieß es.
Sheehan, deren Sohn 2004 in Bagdad bei einem Rebellenangriff getötet worden war, hatte aus Protest gegen den Irak-Krieg im Sommer des vergangenen Jahres vor der Ranch von Präsident George W. Bush in Texas campiert und dadurch internationale Berühmtheit erlangt.
als/lan/dpa/Reuters/AFP
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