Jericho/Gaza - Ahmed Saadat stellte sich am Abend den Soldaten, die in das palästinensische Gefängnis Jericho eingedrungen waren. Der Chef der radikalen Organisation Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) sei mit mehreren Gefolgsleute mit erhobenen Händen aus der Haftanstalt in Jericho gekommen, berichteten israelische Medien. Saadat saß seit 2002 in dem Gefängnis ein. Die Armee hatte das Gefängnis seit dem Morgen umstellt und mit dem Abriss begonnen. Saadat und weitere Männer sollten wegen des Mordes an dem israelischen Tourismusminister Rechwam Seewi im Jahr 2001 festgenommen werden. Die PFLP kündigte dem arabischen Sender al-Arabija gegenüber an, Israel werde die Festnahme "teuer bezahlen".
Der Sturm auf die Haftanstalt hatte in den palästinensischen Gebieten zu einer dramatischen Eskalation der Gewalt geführt. Bei anti-westlichen Protesten entführten palästinensische Extremisten mehrere Ausländer. Zudem nahmen Militante fliehende Ausländer unter Beschuss und stürmten Einrichtungen der Europäischen Union (EU), Großbritanniens und der USA oder setzten sie in Brand.
Die Anhänger der PFLP machten die USA und Großbritannien für den israelischen Militäreinsatz verantwortlich. Diese hatten offenbar zuvor Beobachter aus dem Gefängniskomplex abgezogen. Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Mussa, erhob er schwere Vorwürfe. "Der Abzug der internationalen Beobachter vor der Operation wirft die Frage auf, ob da nicht vorab eine Abstimmung zur Vorbereitung dieser Aggression stattgefunden hat", erklärte Mussa in Kairo.
Anhänger Saadats veranstalteten im Laufe des Tages eine regelrechte Hatz auf Ausländer und zogen auf der Suche nach ihnen durch Hotels und Büros internationaler Organisationen. Auf den Straßen gaben sie die Parole aus, jeder Europäer sei vogelfrei, werde entführt oder getötet. Die britische Regierung sprach daraufhin eine Reisewarnung für die Palästinenser-Gebiete aus.
Frankreich bestätigte, dass zwei seiner Staatsbürger in der Hand palästinensischer Extremisten seien. Ihren Angaben zufolge waren sie Mitglieder einer Hilfsorganisation. Eine Empfangsdame in einem Hotel in Gaza hatte die Geiselnahme beobachtet und sagte, mit den beiden sei auch ein Koreaner verschleppt worden. Am Abend kamen die französischen Frauen nach Angaben des palästinensischen Innenministers frei. Zwei Journalisten aus Frankreich würden aber immer noch festgehalten.
Extremisten stürmen EU-Vertretung
In einem anderen Teil der Stadt stürmten Extremisten das Büro des Roten Kreuzes und verschleppten der Organisation zufolge einen schweizerischen Mitarbeiter. Er soll Augenzeugen zufolge inzwischen wieder frei sein. Unter vorgehaltener Pistole wurden im Norden des Gaza-Streifens Angaben des palästinensischen Innenministeriums zufolge zwei Australier von einer Schule weg entführt. Sie kamen Augenzeugen zufolge bereits wieder wenig später frei. In Dschenin im Westjordanland wurde ein Lehrer aus den USA gekidnappt, berichteten Augenzeugen. Extremisten zufolge kam er später frei.
Die Extremisten stürmten auch die EU-Vertretung in Gaza, die während der Proteste gegen die in Europa veröffentlichten Karikaturen wiederholt Ziel palästinensischer Gewalt gewesen war. Zudem setzten sie britische Kulturzentren in der Stadt sowie in Ramallah in Brand. Palästinensische Polizisten brachten Ausländer in Sicherheit, die auf der Flucht von Gaza nach Israel in ihrem Konvoi beschossen wurden.
Angesichts der Erstürmung des Gefängnisses und der Unruhen in den Autonomiegebieten will der palästinensische Präsident Mahmud Abbas seine Europareise offenbar vorzeitig beenden. Ein palästinensischer Abgeordneter erklärte am Abend, Abbas werde wegen der Krise den Besuch abbrechen und zurückfliegen.
Der israelische Einsatz war der größte in den Palästinenser-Gebieten seit Monaten und diente der Regierung offenbar nicht zuletzt dazu, zwei Wochen vor der israelischen Parlamentswahl Härte zu zeigen. Israel erklärte, es habe den Sturm auf das Gefängnis in Jericho angeordnet, um einer Freilassung Saadats zuvorzukommen.
Abbas hatte diese Möglichkeit in der vergangenen Woche öffentlich erwogen. Die USA und Großbritannien kündigten zugleich am 8. März in einem Schreiben den Rückzug ihrer Beobachter aus dem Gefängnis an. Sie begründeten diesen Schritt mit anhaltenden Verletzungen der Vereinbarung zu dem Beobachtereinsatz von palästinensischer Seite. "Am Ende hat die Sicherheit unseres Personals Vorrang", erklärte der britische Außenminister Jack Straw heute vor dem Londoner Parlament.
Palästinenserbehörde war gewarnt
Regierungsangaben zufolge war die Palästinenser-Behörde mehrfach vor dem Schritt gewarnt worden, ohne dass sich an der Situation etwas verbessert habe. Saadat wurde in Jericho im Rahmen einer internationalen Vereinbarung festgehalten, die Israel im Mai 2002 durchgesetzt hatte. Die Regierung stimmte einer Inhaftierung des Extremisten in einem palästinensischen Gefängnis zu, nachdem eine internationale Kontrolle der Haft sichergestellt worden war.
Israel pocht auf das Recht, Saadat selbst vor Gericht zu stellen. Die israelische Armee umstellte das Gefängnis am Morgen, brach die Außenwand der Anlage auf und ließ dann Planierraupen vorfahren. Zwei Palästinenser wurden bei Schusswechseln getötet, die sich am Anfang des Einsatzes entwickelten. Einer der beiden war ein Häftling. Mindestens zehn Menschen wurden verletzt.
Per Lautsprecher forderte die Armee dann Insassen und Wachpersonal auf, sich zu ergeben. Mindestens 180 Männer verließen das Gebäude daraufhin mit erhobenen Händen. Einige der Häftlinge hatten nur Unterhosen an. Die sechs PFLP-Extremisten hatten sich aber offenbar mit etwa rund weiteren 120 Menschen in dem Gebäude verschanzt.
phw/AP/dpa/Reuters
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