Aus Tschernobyl berichtet Matthias Gebauer
Tschernobyl - Still ist es vor dem Reaktorblock IV. Nur ein dumpfes, eintöniges Brummen kommt irgendwo her. Ein Generator vermutlich. Irgendwo in dem riesigen, quadratischen Sarkophag. Er versiegelt Trümmer und Tonnen hoch radioaktiven Materials provisorisch. Wie blutende Wunden sehen die Stellen um die Moniereisen vom Rostwasser aus, die das Konstrukt tragen. Über dem Grab eines kühnen Menschheitstraums strahlt blauer Himmel. In ihn hinein ragt der weltberühmte Schornstein von Tschernobyl, dessen rote Streifen langsam verblassen.
Ungefährlich ist es hier, sagt das Kiewer Katastrophenschutzministerium. Gelassen posiert Touristenführer Maxim samt Dosimeter für die Kameras. Routiniert hält er das Gerät so, dass man Anzeige und Sarkophag aufs Bild bekommt. Es strahlt kaum, sagt er. Renate Künast wird trotzdem unruhig. "Irgendwie kribbelt es", sagt die grüne Politikerin, "lass uns fahren." Ihre EU-Kollegin Rebecca Harms nickt. Zu nahe will auch sie dem Ort des GAUs nicht kommen. Strahlen, sagt sie, kann man nicht sehen, riechen oder schmecken.
Es ist eine skurrile Reise mit den beiden altgedienten grünen Atom-Gegnern Künast und Harms. Wie viele andere Touristen dieser Tage kutschierte eine Firma die grüne Truppe samt Böll-Stiftungschef Ralf Füchs in die 30-Kilometer-Sperrzone. "Klar kann man das Katastrophen-Tourismus nennen", sagt Künast kurz nach Abfahrt, "aber manchmal muss man sich eben ein eigenes Bild machen." Die grüne Fraktionschefin war eigentlich für eine Atom-Konferenz gekommen, doch die Tour reizte sie. Reisen bildet ja manchmal auch, sagt sie.
Ruinen des Fortschritts
Wie verheerend das Spiel mit den Elementen sein kann, ist nirgends so sichtbar wie in der Sperrzone. Kein Katastrophenfilm Hollywoods kann eine Stadt wie Pripjat darstellen. Aus der extra für die Kernkraftarbeiter errichteten Hochhausstadt flohen 50.000 Menschen Hals über Kopf, nachdem der Reaktor explodiert war und in einer hohen Rauchsäule seinen tödlichen Inhalt ausspie. Nun strecken sich die Plattenbauten wie Skelette in die Höhe, das seichte Grün der Kastanien-Knospen und die wenigen Vögel kommen gegen die Öde nicht an.
Der Sperrbezirk ist durch und durch lebensfeindlich. Südlich des Atomkraftwerks dümpelt der strahlende Kühlsee. Das Wasser könnte irgendwann mal Kiew vergiften, wenn die Dämme nicht mehr halten. In den stillgelegten Blocks stecken noch Brennstäbe, deren Entsorgung ungeklärt ist. Wenig entfernt rosten in der Frühlingssonne die Bergungsgeräte vor sich hin. Hubschrauber, Lastwagen und Pkw - auch sie strahlende Erinnerungen an den 26. April und für die Tausende euphemistisch Liquidatoren genannten armen Aufräumarbeiter.
Doch für die Grünen symbolisiert Tschernobyl noch sehr viel mehr als das schlichte Versagen des Menschen bei der Kontrolle der Elementarteilchen. Der GAU war für die Partei auch eine Art Existenzberechtigung. Vor 1986 warnten die Grünen unermüdlich vor den Gefahren der Kernkraft, nach dem 26. April war die Gefahr plötzlich greifbar. Künast arbeitete zu dieser Zeit schon politisch in Berlin. "Wir wussten damals auch wenig, doch bei uns liefen die Telefone in der Fraktion heiß", erinnert sie sich an den Tag danach.
Ungleiche Speerspitze des AKW-Widerstands
Vor der grauen Kulisse der verrottenden Meiler wirken Harms und Künast wie die ungleiche Speerspitze der grünen AKW-Bewegung. Harms, die Jeanne d'Arc des Wendlands, dunkle Haare, roter Lippenstift, jahrelang an der Wasserwerfer- und Sitzstreikfront gegen die Castoren gestählt, heute EU-Parlamentarierin. Daneben Renate Künast, Igel-Kopf mit frechem Grinsen, durch die Anti-AKW-Bewegung zu den Grünen gekommen, dort sehr schnell sehr weit nach oben gestürmt. Einst die grüne Verbraucherschützerin im rot-grünen Kabinett, heute Fraktionschefin im Bundestag.
Der Abschied vom Amt, sagt Künast gern, habe nur eine Nacht gedauert. Gleichwohl, das ist leicht zu merken, würde die quirlige 50-Jährige gern noch einmal regieren. Während sie durch ein verlassenes Dorf in der Todes-Zone spaziert, sprudeln die Themen nur so aus ihr heraus. Dringend müssen die angepackt werden. Sofort eigentlich. Schnell redet sich Künast warm, der Machtverlust ist zumindest als Phantomschmerz noch da. Dass Grüne heute bestenfalls Bürgermeister sind und Künast mit weniger Abgeordneten als die FDP im Bundestag opponiert, scheint weit weg.
Doch der Machtwechsel hinterlässt längst Spuren. Vor allem dass die Union den Atomausstieg anzweifelt, schmeckt Künast nicht. Sollen sie mal machen, sagt sie spöttisch, da können wir nur gewinnen. Viel bitterer ist, wie die SPD agiert. "Dass sich der Gabriel hinstellt und alles als Verhandlungsmasse verrät, ist schon widerlich", sagt sie. Letztlich wisse die SPD aber, dass der Ausstieg richtig ist. Ein Abrücken jedenfalls werde es "mit uns" nicht geben. Eine leere Drohung. Denn gegenwärtig muss niemand die Grünen fragen.
"Fast so wie im Wendland"
Immer wieder an diesem Sonntag ist es die Vergangenheit, die die beiden Kämpferinnen versöhnlich werden lässt. "Hier sieht es ja fast so aus wie im Wendland", schwärmt Rebecca Harms, als sie durch die Gasse zwischen den fast überwachsenen Häusern schlendert.
Renate Künast erinnert an ganz andere Kämpfe, den von Neuhardenberg zum Beispiel. Immer wenn sich die Koalition auf dem Lande zur Klausur traf, trug sie ihre Ideen für eine Erneuerung des Landes vor. Und immer wieder sah sie dann das leicht arrogante Lächeln von Wolfgang Clement oder anderen Mitgliedern der Regierung. "Wir waren es, die die besseren Konzepte hatten", versucht sie die Erinnerung zu verscheuchen, "das sollte heute niemand vergessen." Heute würden sich Union und SPD mit den Konzepten der Grünen schmücken, ohne eigene Substanz zu haben.
So sehr sich Künast auch bemüht, sie steckt immer noch in der Vergangenheit. Als der Bus an einem Kiosk anhält, bittet einer der Mitstreiter "unsere Verbraucherschutzministerin" um Rat bei der Auswahl. "Ich war, ich war, mein Lieber", schießt es aus ihr heraus. "Naja, immerhin", brummt er. Danach geht es zurück nach Kiew. Dass es keine Delegationsreise wie früher ist, bekommen alle noch mal zu spüren. Aus Altersschwäche gibt der Bus seinen Geist auf. Die Fahrt dauert am Ende zehrende Stunden. Einer Ministerin wäre das nicht passiert.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Renate Künast | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH