SPIEGEL ONLINE: Mit der von Iran proklamierten erfolgreichen Urananreicherung ist noch keine Atombombe gebaut. Was fehlt den Iranern noch?
Ladurner: Es gibt eine Reihe technischer Schritte, die die Iraner noch nicht beherrschen. Derzeit kann Iran nach eigenen Angaben Uran auf 3,5 Prozent anreichern. Für die Bombe müssten es etwa 90 Prozent sein. Das wäre noch nicht das Problem – aber für eine ausreichende Produktion müssen sie genügend hochreines Urangas herstellen können, und das gelingt ihnen bisher nicht. Und wenn sie es geschafft haben, ein System aus Zentrifugen-Kaskaden zu installieren, müssen sie aus dem hochangereicherten Uran noch Sprengkörper bauen und auf Gefechtskopfgröße miniaturisieren.
SPIEGEL ONLINE: Wie weit ist Iran von der Bombe entfernt?
Ladurner: Wenn sie die Bombe wirklich bauen wollen, mindestens noch fünf Jahre.
SPIEGEL ONLINE: Woher könnte sich Iran noch fehlendes Know-how beschaffen?
Ladurner: Irans Wissenschaftler sind an einem Punkt, an dem sie mit dem vorhandenen Material und der ihnen bekannten Technik selbst weiterforschen können. Ob es für die Miniaturisierung der Sprengköpfe reicht, ist freilich ungewiß. Ob darüber hinaus der internationale Atomschmuggler-Ring um den Vater der pakistanischen Atombombe Abdul Quadir Khan, der in Pakistan unter Arrest steht, noch aktiv ist, ist schwer zu beurteilen. Ich glaube nicht, dass alle Löcher gestopft sind.
SPIEGEL ONLINE: Die Fronten sind verhärtet, auch weil sich beide Seiten nicht vertrauen. Zu oft hat Iran versucht zu tricksen. Ist das Regime unberechenbar?
Ladurner: Das System ist zurzeit darauf aus, als solches zu überleben. Der Führung ist bewusst, dass sie in der Bevölkerung nicht besonders populär ist, sie weiß um die wirtschaftlichen Probleme des Landes und dass sie international isoliert ist. Zudem gibt es seit jeher einen permanenten Kampf zwischen Gruppen von Konservativen und Reformern. Diese müssen die Pfründe unter sich aufteilen. Es gibt also vor allem Unwägbarkeiten innerhalb des Systems.
SPIEGEL ONLINE: Woran lässt sich die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem System festmachen?
Ladurner: Die Menschen im Land üben ganz offen Kritik. Vor der Wahl Ahmadinedschads zum Präsidenten gab es eine ganze politische Bewegung, die ankündigte, keine Stimme abzugeben, um dem System die Legitimation zu entziehen. Nicht zuletzt verlassen jährlich rund 200.000 junge Iraner das Land, weil sie hier keine Perspektive mehr sehen.
SPIEGEL ONLINE: In der Atomfrage stehen die Iraner jedoch hinter ihrer Führung.
Ladurner: Diese Karte hat das Regime sehr geschickt gespielt. Die Menschen fragen sich, warum der Westen Iran das Recht auf zivile Nutzung der Nukleartechnik abspricht, das ihnen durch den Atomwaffensperrvertrag zugesichert ist. Sie fühlen sich bei ihrem Nationalstolz gepackt. Sie solidarisieren sich zwar nicht mit dem Regime, finden sich aber in dieser Frage mit ihm in einem Boot wieder.
SPIEGEL ONLINE: Versucht die Regierung die eigenen Reihen zu schließen, indem sie eine Dauerkrise um das Atomprogramm provoziert?
Ladurner: Das Regime hofft auf eine Solidarisierung der Bevölkerung, indem es eine äußere Front errichtet. Darauf zielen auch die Provokationen Ahmadinedschads gegenüber Israel ab. Das heißt im Umkehrschluss aber auch, dass das Regime schwach ist. Eine paradoxe Situation: Das Regime fühlt sich stark und schwach zugleich.
SPIEGEL ONLINE: Es gibt verschiedene Szenarien, die mehr oder weniger erstrebenswert sind. Welche Konsequenzen hätte es, wenn Iran tatsächlich zum Atomwaffenstaat würde?
Ladurner: Im Mittleren und Nahen Osten und auch in Nordafrika käme es zu einem Aufrüstungsschub. Iran würde sich als Regionalmacht etablieren, die militärisch unangreifbar wäre, ein Ziel, welches das Land schon vor der Islamischen Revolution verfolgte. Gleichzeitig hätte sich Iran aber mittelfristig isoliert - die nordkoreanische Option. Die Folgen im Land selbst sind kaum abzuschätzen: Iran ist innenpolitisch nicht stabil und eine Destabilisierung in einem Atomwaffenstaat Iran wäre ein Desaster.
SPIEGEL ONLINE: Präventive Militärschläge sind nicht vom Tisch. Die USA sprechen bereits von einer möglichen "Koalition der Willigen".
Ladurner: Mit einer Zerstörung der bekannten Atomanlagen ist es nicht getan. Die Iraner sind technisch so weit, dass ein Militärschlag die Entwicklung der iranischen Bombe zwar zeitlich zurückwerfen, aber nicht aufhalten könnte.
SPIEGEL ONLINE: Und die politischen Folgen?
Ladurner: So wenig es von großen Teilen der Menschen geliebt wird, das Regime würde gestärkt. Iran würde sich wehren, seinen Einfluss im Irak und im Libanon nutzen, es könnte die für die weltweiten Erdöllieferungen essentielle Meeresstraße von Hormus am Persischen Golf dichtmachen. Das Reaktionspotential ist sehr groß.
SPIEGEL ONLINE: Blieben Sanktionen. Wie könnte eine kluge Sanktionspolitik aussehen?
Ladurner: Sanktionen müssen die Richtigen treffen. Das ist natürlich leicht gesagt, zumal es genügend Verbündete geben muss, die diese Sanktionen auch durchsetzen. Selbst wenn Einreiseverbote, Exportbeschränkungen oder Importkontrollen Iran nicht vollständig abschotten können, Sanktionen haben auch symbolischen Charakter. Das iranische Regime hat bislang immer das Gefühl: "Die können uns nichts, weil sie sich nicht einig sind." Sanktionen könnten auch mit gewissen Angeboten an Iran gekoppelt werden - eine Politik mit Zuckerbrot und Peitsche.
SPIEGEL ONLINE: Beides scheint nach derzeitigem Stand nicht sehr realistisch. Russland und China wollen Sanktionen nicht zustimmen. Und die USA haben noch Anfang März einen Kompromissvorschlag platzen lassen, der Iran Experimente mit Zentrifugen in der Anlage von Natans erlauben sollte, die Urananreicherung jedoch auf russischem Boden verlegte.
Ladurner: Was aber sind die Alternativen? Die russische Option ist eigentlich die einzig denkbare. Sie gibt den Iranern das Recht, Uran anzureichern und stellt gleichzeitig sicher, dass dies nicht für militärische Zwecke geschieht. Auch die USA müssen sich irgendwann mit den Realitäten abfinden.
SPIEGEL ONLINE: Am Freitag läuft das Uno-Ultimatum ab. Ist der Atomstreit vor dem Sicherheitsrat gut aufgehoben?
Ladurner: Als man die Atomkrise von der Atombehörde an den Sicherheitsrat überwies, erhoffte man sich ganz neue Möglichkeiten. Jetzt sieht es so aus, als wäre man in eine Sackgasse geraten. Denn was kommt nach dem Sicherheitsrat? Entweder gar nichts - oder die "Koalition der Willigen".
Das Interview führte Philipp Wittrock.
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