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04.05.2006
 

Merkel-Besuch bei Bush

Eskalation der Freundlichkeit

Von Carsten Volkery

Kanzlerin Angela Merkel scheint Gefallen am Small Talk mit George W. Bush gefunden zu haben. Die Zahl der Treffen mit dem US-Präsidenten nimmt rapide zu. Als nächstes besucht er sie am 14. Juli in ihrem Wahlkreis - um "Menschen wie sie" zu sehen.

Berlin - Für die mitgereiste Delegation dürfte es ein Déjà vu gewesen sein. Wieder schwärmte George W. Bush im Oval Office davon, was für eine "faszinierende Person" Angela Merkel sei. Dank ihrer Erfahrungen mit der "eisernen Hand" des Kommunismus habe sie eine "einzigartige Herangehensweise" an Probleme, schmeichelte der mächtigste Mann der Welt. Schon bei Merkels Antrittsbesuch in Washington vor knapp vier Monaten hatte Bush sie mit Lob überschüttet. "Smart" sei sie, und "überaus fähig", hatte er gesagt. Und ganz wichtig: Sie liebe die Freiheit.

Der sendungsbewusste US-Präsident ist wohl tatsächlich von Merkels Biografie beeindruckt, schließlich redet kaum jemand mehr von Demokratie und Freiheit als er. Doch es gibt auch sehr praktische Gründe für die Hofierung der Kanzlerin. Merkel gilt den Amerikanern inzwischen als wichtigste Ansprechpartnerin in Europa. Der britische Premier Tony Blair und der französische Staatspräsident Jacques Chirac sind innenpolitisch angeschlagen und werden als "lahme Enten" gesehen.

Bush setzt im Atomstreit mit Iran auf die Vermittlerrolle Deutschlands. Auch wenn die deutsche Regierung dies vehement ablehnt: Zunehmend wächst sie in die Sonderrolle hinein. Als einziges Nicht-Mitglied des Weltsicherheitsrats ist Deutschland prominent in die Verhandlungen eingebunden. Infolge dessen ist das Duo Merkel/Steinmeier prädestiniert dafür, die Front gegenüber dem Iran zusammen zu halten und zwischen den divergierenden Interessen der Vetomächte USA, China, Russland, Frankreich und Großbritannien zu moderieren.

Lob für die "klare Denkerin"

Dabei hilft auch Merkels Naturell. Gestern abend im Oval Office lobte Bush sie als "klare Denkerin", die nicht um die Dinge herum rede. Ihre moderierende Art komme bei den Amerikanern an, erklärte der SPD-Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose heute im "Deutschlandfunk". Während Gerhard Schröder eher konfrontativ vorgegangen sei, setze Merkel auf Hinweise und Ratschläge. Dazu kommt, dass Merkel sich im Unterschied zu Schröder auf Englisch unterhalten kann.

Indizien dafür, dass Merkel und Bush sich viel zu sagen haben, gibt es reichlich. Das Gespräch dauerte gestern deutlich länger als die geplante Stunde, und schon im Juli wird es ein Wiedersehen geben. Auf dem Weg zum G8-Gipfel in St. Petersburg legt Bush am 14. Juli einen Zwischenstopp in Merkels Wahlkreis in Stralsund ein. Sie hatte die Einladung im Januar ausgesprochen, jetzt sagte er zu. Merkel sagte, sie wolle ihm zeigen, was in den neuen Ländern erreicht wurde. Auch solle der US-Präsident weitere Menschen kennenlernen, "die wie ich auf der anderen Seite der Mauer gelebt haben". Das letzte Mal war Bush im Februar 2005 in Deutschland, damals traf er sich mit Schröder in Mainz.

Auf der deutschen Seite wurde mit Befriedigung zur Kenntnis genommen, dass Bush zum Thema Iran sehr diplomatische Töne anschlug. Man sei sich einig, dass Iran keine Atomwaffen besitzen dürfe, sagte Bush. Jetzt suche man nach einer diplomatischen Lösung. Über Details zu möglichen Sanktionen schwiegen beide sich aus.

Die US-Regierung scheint die deutsche Position zu teilen, dass Geschlossenheit der internationalen Staatengemeinschaft oberste Priorität habe. Dafür ist sie auch bereit, auf Sanktionsdrohungen gegen Iran zunächst zu verzichten. Der Resolutionsentwurf, der gestern in den Uno-Sicherheitsrat eingebracht wurde, sieht nicht ausdrücklich Sanktionen vor. Russland und China, die solche Maßnahmen strikt abgelehnt hatten, signalisierten, dass der Entwurf mit einigen Nachbesserungen akzeptabel sei.

Dass Bush sich allerdings weiterhin alle Optionen, auch die militärische, offen hält, schimmerte gestern abend ebenfalls durch. Im Moment rede man über Taktiken, sagte der Präsident, und der Weg vor den Weltsicherheitsrat sei "eine dieser Taktiken". Unausgesprochen schwang darin mit, es gebe auch noch andere.

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