Von Pascale Hugues
"Die Zeit ist vorbei, als die Rolle der Frauen sich darauf beschränkte, das Heim mit Blumenarrangements zu schmücken!" (Alice Schwarzer, die hier bei Sabine Christiansen wütet. Die Mutter der Feministinnen strahlt. Auf sie wirkt die Diskussion wie ein unverhoffter Jungbrunnen).
"In diesem Land wird die Mutterrolle negativ bewertet!"(antwortet ein Priester in derselben Talkrunde, im Hintergrund ist die Gedächtniskirche zu sehen).
" Haben berufstätige Frauen von heute wirklich das Recht auf unbegrenzte Selbstverwirklichung oder war die Emanzipation ein fataler Irrtum?" (Eva Herman, "Tagesschau"-Sprecherin, in einer Lederjacke auf einem Motorrad sitzend, bricht ein Tabu im "Cicero").
"Ich bin glücklich, dass meine Mutter eine Trümmerfrau war. Sie war 24 Stunden um mich. Sie hatte keine Freizeit. Meine Mutter hatte keine rotlackierten Fingernägel. Meine Mutter hatte keinen Sex." (In der "Bild"-Zeitung singt Franz Josef Wagner das Hohelied seiner heiligen Frau Mama, einer muskelbepackten Madonna der Nachkriegszeit, so ganz anders als die zerbrechlichen angemalten Huren von heute. Freud lässt grüßen, lieber Herr Wagner!)
Kann man Mutter und Frau sein?
In der "BZ" schimpfen die Berliner Mütter auf Ursula von der Leyen mit ihrem Bataillon Kinder, Kinderfrauen und Putzfrauen, weil sie von ihrer Familienministerin als faul bezeichnet werden. Die Eltern schimpfen auf die Kinderlosen, die sich ihre Rente erarbeiten lassen. Und die Kinderlosen sind wütend, weil man sich so in ihr Privatleben einmischt. Wie ist es möglich, dass Promi-Friseur Udo Walz und ARD-Allzweckmoderator Reinhold Beckmann, die großen Moralisten der kleinen Prominentenrepublik, sich noch nicht zu dieser brennenden Frage geäußert haben?
In den Zeitungen wird der Weltuntergang ausgerufen: "Wir sterben aus!" "Der letzte Deutsche". Und anerkennend registriert man, wenn ein Journalist sehr einleuchtend das Glück beschreibt, das im Zusammenleben mit Kindern liegt. Aber ist wirklich ein militanter Leitartikel vonnöten, um etwas so Selbstverständliches zu preisen?
Dieser dicke Brei aus irrationalen Vorstellungen, dieser hochmoralische und schrecklich emotionale Ton sagt eine Menge über das Bild der Mutter in diesem Land aus. Wehe, man lässt sich auf diese Debatte ein! Das Gelände ist vermint, es ist mit Tabus bedeckt und mit Fallgruben und Leimruten übersät. Ist die Mutterschaft im kollektiven Unbewussten der Deutschen vielleicht ein Opfer, eine Mission, die mit totaler Selbstverleugnung einhergeht? Kann man Mutter und Frau zugleich sein? Hat man das Recht, die eigenen Kinder mehrere Stunden am Tag einer staatlichen Einrichtung anzuvertrauen, um sein eigenes Leben zu leben?
Des Gebärstreiks für schuldig befunden
Vor allem aber darf man die Schubladen nicht durcheinander bringen, in die jeder Einzelne säuberlich eingeordnet ist: die frustrierten Mütter mit ihrem Schlabberlook und ihrer kastrierenden Übermacht. Die versagenden Väter, die lieber Überstunden machen, als zu Hause die Kinder zu wickeln. Die frigiden Karrierefrauen mit ihren taillierten, dunkelblauen Kostümchen, die in der Menopause von Depressionen heimgesucht werden.
Im März hat die "Bild"-Zeitung eine Reihe kinderlose Moderatorinnen vorgestellt: Anne Will, Sandra Maischberger, Sabine Christiansen. Ich traute meinen Augen nicht. Dieser Katalog von Frauen, die des Gebärstreiks für schuldig befunden wurden, erinnerte an die Fahndungsplakate der RAF-Terroristen, die in den siebziger Jahren an den Zollbaracken der deutsch-französischen Grenze klebten. Glücklicherweise sind die Moderatorinnen des deutschen Fernsehens - ihren Visagistinnen und Stilistinnen sei gedankt! - wesentlich hübscher als die finsteren bärtigen Männer, die damals auf der anderen Seite der Brücke von Kehl gesucht wurden.
Die französische Journalistin Pascale Hugues lebt seit 1989 in Berlin und ist Korrespondentin für das französische Magazin "Le Point".
Sehnsüchtiger Blick über die Grenze
Letzten Endes ist die Antwort auf die demografische Krise einfach: Weil wir Deutsche sind, setzen wir keine Kinder mehr in die Welt. Und das geschieht uns recht! Mit dieser Selbstgeißelung geht ein sehnsüchtiger Blick auf die andere Seite der Grenze einher.
Schaut euch doch mal diese feschen Pariserinnen an, wie sie auf dem Weg ins Büro ihre 1,94 Kinder in der Krippe absetzen und mit ihren Pfennigabsätzen die Straße der Emanzipation entlang stöckeln! Ganz locker jonglieren sie mit Familie, Beruf, Liebesleben. Frankreich wird idealisiert! Das Land, in dem es das Wort "Rabenmutter" nicht gibt! Das Land der Krippen, der kostenlosen und vorgeschriebenen Kindergärten, der Ganztagsschulen, der vom Staat subventionierten afrikanischen Kindermädchen, der Steuervergünstigungen und des Kindergeldes!
Und die Finninnen, die schon lange Zutritt zu den Chefetagen haben, die kleinen Königinnen von Pisa, das man in den deutschen Schulen so gern kopieren möchte! Selbst die Frauen aus Bangladesch, dem ärmsten Land der Erde, wo die Menschen auch weiter Scharen von Kindern großziehen und sich als glücklich empfinden. Sie leben in einem seligen Naturzustand. Wir dagegen, wir Deutschen, wir sind pessimistisch, immer unzufrieden, egoistisch. Unsere Familien zerfallen, unsere Frauen ziehen das Büro dem Wickeltisch vor, unsere Gesellschaft ist kinderfeindlich, unsere Werte sind zerstört, unsere Schulen sind verrottet, unsere Wirtschaft liegt am Boden.
Wie soll sich in einem derartigen feuilletonistischen Klima eine junge Frau sich spontan ein Kind wünschen? Wie soll ein junger Mann die Zuversicht zur Familiengründung finden? Erstaunlicherweise gibt es in diesem Land noch Menschen, die Kinder in die Welt setzen und großziehen, einfach so.
Und sie sind verdammt mutig.
Aus dem Französischen von Karin Herrmanns
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