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28.05.2006
 

US-TV-Dokumentation

Horror des Kriegs zur besten Sendezeit

Von Sebastian Heinzel, New York

Amputierte Glieder, sterbende Soldaten - US-Fernsehzuschauern stehen die bislang schockierendsten Bilder von ihrer Irak-Truppe ins Haus. Das Pentagon unterstützte zunächst den Dokumentarfilm über die Armeeklinik in der "Grünen Zone" - und hat jetzt Angst vor der Macht der Bilder.

New York - Dass die Zuschauer sich auf Einiges gefasst machen müssen, wird schon im Vorspann des Filmes klar: Mit routinierten Bewegungen entsorgt eine Krankenschwester einen blutigen, amputierten Unterarm samt Hand in einen Plastiksack. Es wird noch schlimmer kommen in den folgenden 63 Minuten.

In den USA steht am Montag der "Memorial Day" ins Haus, ein nationaler Feiertag, an dem der Gefallenen aller Kriege gedacht wird. Über das verlängerte Wochenende strahlt der Kabelsender HBO mehrmals die Dokumentation "Baghdad ER" aus (ER steht für "Emergency Room"). Sie zeigt ungeschminkt den Alltag im "86th Combat Support Hospital" der US-Armee, jenem Krankenhaus in Bagdads "grüner Zone", in das verwundete und sterbende US-Soldaten - und auch so mancher verstümmelte Iraker - zur Erstbehandlung eingeflogen werden. Es sind die unmittelbarsten und schockierendsten Bilder vom Irak-Krieg, die die Amerikaner bisher in ihre Wohnzimmer geliefert bekommen haben.

HBO, ein werbefreier Bezahlsender, der durch Serien wie "Sex and the City", die "Sopranos" und "Six Feet Under" bekannt geworden ist, wird von etwa einem Drittel der US-Haushalte abonniert. Die mehrfache Ausstrahlung von "Baghdad ER" und eine Werbekampagne sollen sicherstellen, dass es an der Dokumentation kein Vorbeikommen gibt.

In den USA ist vom Feldzug im Irak normalerweise nicht viel zu bemerken. Wer nicht gerade in der Nähe einer Militärbasis wohnt, wird durch nichts an den Krieg erinnert - abgesehen von den kleinen Kästchen in den Tageszeitungen, in denen Namen, Alter und militärischer Rang der zuletzt Gefallenen aufgelistet werden.

Die Kamera hält voll drauf

Das liegt nicht zuletzt an der Informationspolitik des US-Verteidigungsministeriums. Bekanntlich hat das Pentagon das Fotografieren von Särgen, die aus dem Irak in die Heimat überstellt werden, untersagt - in der Furcht, die Bilder könnten die Unterstützung der Bevölkerung für den Krieg untergraben. Fotos von mit Flaggen drapierten Särgen gelangten erst an die Öffentlichkeit, nachdem sie von Aktivisten im Rahmen des "Freedom of Information Act" langwierig freigeklagt worden waren.

Für ihre Dokumentation erhielten die beiden Filmemacher Jon Alpert und Matthew O'Neill zunächst die volle Unterstützung des Pentagon und acht Wochen lang unbeschränkten Zugang zum Armeekrankenhaus in Bagdad. Schließlich wollten sie den heldenhaften Einsatz und die Tapferkeit der Ärzte, Sanitäter und Soldaten auf Film bannen.

"Baghdad ER" ist keine politische Dokumentation im engeren Sinn. Die Kamera hält voll drauf. Sie zeigt Sanitäterteams, die mit beeindruckender Geschwindigkeit und Koordination versuchen, Leben zu retten, sie zeigt zerfetzte Körperteile, die abgesägt werden, und Blut, das in Lachen am Boden steht. Sie zeigt Soldaten, die gerade einen Kameraden verloren haben und heftig zu schluchzen beginnen, wenn der Armeekaplan ihnen sagt, dass Weinen okay ist. Sie zeigt Soldaten, denen die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben steht, wenn sie zur weiteren Behandlung ausgeflogen werden müssen. Sie zeigt den Galgenhumor der Ärzte und ihre erschöpfte Frustration, wenn ein US-Soldat oder Iraker auf dem Operationstisch stirbt.

"Einfach purer Wahnsinn"

Einige Aussagen der Akteure lassen sich politisch deuten - etwa wenn sich eine Ärztin beklagt, dass sich bei ihrem dritten Einsatz im Irak an der Zahl und Art der Verwundungen immer noch nichts geändert hat. Oder wenn der Kaplan in einem kurzen Gebet über einer Leiche Gott bittet, den "sinnlosen" Krieg zu beenden. "Dieser Krieg, und wie viele Menschen er betrifft, das ist unglaublich", meint ein Chirurg in einer Pause nachdenklich. "Ich muss einfach daran glauben, dass sich die Lage durch ihn bessert. Ansonsten ist es einfach purer Wahnsinn."

Dennoch ist der Film nur insoweit eine Antikriegsdokumentation, wie wohl jede realistische Darstellung des Krieges und seiner Kosten unweigerlich gegen ihn Stellung nimmt. Die Armeeärzte würden "keinen Herzschlag lang" zögern, wieder in den Irak zu gehen. Auch konservative Kommentatoren in den USA nehmen "Baghdad ER" begeistert auf, weil sie darin eine Hommage an die Tapferkeit und Opferbereitschaft der US-Armee sehen können.

Das Pentagon hat schließlich trotzdem kalte Füße bekommen. Der offiziellen Premiere des Films vor zwei Wochen in Washington, D.C. blieben sämtlich geladenen hohen Chargen des Verteidigungsministerium und der US-Armee demonstrativ fern. Und in einer Pressemitteilung wurde davor gewarnt, die Dokumentation zu betrachten: Die Bilder seien derart brutal, dass ehemalige Kriegsteilnehmer Symptome des posttraumatischen Stresssyndroms entwickeln könnten - ein wohl wenig tauglicher Versuch, die Einschaltquoten am Wochenende zu senken und die Ankunft der Realität in amerikanischen Wohnzimmern zu verzögern.

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