Während die Pasdaran aus professionellen Soldaten bestanden, wurden die Bassidsch unter den männlichen Jugendlichen zwischen zwölf und 17 sowie Männern über 45 Jahren rekrutiert. Ihre Ausbildung dauerte kaum länger als zwei Wochen, wobei man den Mangel an Waffen durch einen Überschuss an religiöser Propaganda zu kompensieren pflegte. Zum Abschluss erhielt jeder Bassidsch ein blutrotes Stirnband, das ihn als einen "Freiwilligen Märtyrer" auszeichnete.
Auf dem Schlachtfeld stellten die Bassidsch mit einem Anteil von 30 Prozent der Gesamtstreitkräfte das Gros der Infanterie, die Pasdaran 40 Prozent und die regulären Streitkräfte weitere 30 Prozent. Die Mitglieder der Pasdaran verfügten über höhere Bildungsabschlüsse als die Bassidsch, die hauptsächlich von den Dörfern kamen und häufig Analphabeten waren. Sie stellten die Nachschubkräfte, die erst dann nachrückten, wenn die Angriffswellen der Bassidsch schon zerschmettert waren.
Und so sah die Taktik dieser Menschenwellen aus: Die Kinder und Jugendlichen mussten sich, kaum bewaffnet, in waagerechten Reihen vorwärts bewegen. Ob man als Kanonenfutter dem feindlichen Feuer entgegenlief oder Minen zur Explosion brachte - wichtig war, dass die Bassidsch über die zerfetzten oder verstümmelten Menschenreste diszipliniert hinwegstiegen und sich in immer neuen Wellen in den Tod warfen. Auf diese Weise erzielte Iran 1982 durchaus Anfangserfolge. "Sie kommen in riesigen Horden (...) und stürmen Fäuste schwingend auf unsere Stellungen zu", klagte im Sommer 1982 ein irakischer Offizier gegenüber einem SPIEGEL-Reporter. "Man kann die erste Welle erschießen, auch die zweite, aber irgendwann türmen sich vor dir die Leichen, dass du nur noch heulen und dein Gewehr wegwerfen willst, das sind doch alles Menschen."
Im Sommer 1982 spitzten sich die Gegensätze zwischen der "revolutionären" und der "konventionellen" iranischen Kriegsführung zu. Jetzt war der irakische Angriff zurückgeschlagen und der Vorkriegszustand wieder hergestellt. Saddam Hussein hatte den Waffenstillstand angeordnet und Verhandlungen angeboten. Die reguläre iranische Armee wollte nun ebenfalls den Krieg beenden, Saddams Verhandlungsangebot akzeptieren und jeden weiteren Bassidsch-Einsatz vermeiden. Chomeini und die Pasdaran widersprachen ihr in allen drei Punkten. Sie trafen damit "eine der wichtigsten Entscheidungen in der jüngeren Geschichte des Nahen Ostens - eine Entscheidung, die den Krieg um volle sechs Jahre verlängerte", schreibt der britische Journalist und Autor Christopher de Bellaigue in seinem Buch "Im Rosengarten der Märtyrer".
Ahmadinedschads Beteuerung, wonach Iran "niemals irgendein Land angegriffen" habe, trifft nicht zu. Zwischen 1982 und 1988 setzte Iran den Krieg als einen Eroberungskrieg fort. Wie wurden die Bassidsch rekrutiert? Da waren zunächst die Schulen. Die Pasdaran entsandten "außerordentliche" Pädagogen, die sich bei den dortigen paramilitärischen Pflichtveranstaltungen ihre Märtyrer herauspickten. Propagandafilme wie das 1986 im iranischen Fernsehen gesendete Machwerk "Eine Spende für den Krieg" priesen das Bündnis zwischen Regime und Kind und geißelten Eltern, die das Leben ihrer Kinder zu retten suchten.
Zinsfreie Kredite für Kriegsopfer-Familien
Zweitens setzte das Regime materielle Anreize ein. So gewährte man im Rahmen der Kampagne "Opfere eines deiner Kinder dem Imam" jeder Familie, die ein Kind auf dem Schlachtfeld verlor, hohe zinsfreie Kredite sowie weitere großzügige Vergünstigungen. Zudem bot die Mitwirkung bei den Bassidsch den Ärmsten der Armen die Chance auf eine Karriere - bis heute werden Bassidsch-Reservisten vom Mullah-Staat protegiert. Drittens setzte das Regime auch Zwangsmaßnahmen ein.
Die Geschichte von SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann über den kleinen Hossein aus dem Jahr 1982 steht für Tausende: "'Warum bist du in den Krieg gezogen?' Der Junge im Tarnanzug mit doppelt umgekrempelten Ärmeln und Hosenbeinen gibt keine Antwort. 'Er heißt Hossein, seinen Familiennamen kennt er nicht', sagt der Dolmetscher. Der Junge ist höchstens zwölf. Sein Gesicht ist eingefallen, der Körper vornübergebeugt, sein Atem kommt stoßweise. Man sieht, dass er Mühe hat, sich auf den Beinen zu halten. 'Kinderlähmung' , sagt der Dolmetscher. (...) Hossein kommt aus Mostalbar, einem winzigen Fleck irgendwo zwischen Schiras und Bandar-i-abas. (...) Eines Tages kamen fremde Mullahs ins Dorf. Sie ließen die ganze Bevölkerung auf dem Platz vor dem Polizeigebäude antreten und berichteten, sie brächten eine gute Botschaft vom Imam Chomeini: Die islamische Armee des Iran sei dazu ausersehen, die heilige Stadt el-Kuds - Jerusalem - von den Ungläubigen zu befreien. (...) Hossein hatte keine andere Wahl. Der Ortsmullah hatte bestimmt, dass jede Familie mit Kindern einen Gottessoldaten zu stellen habe. Und weil Hossein für die Familie am leichtesten zu entbehren war, weil er ferner wegen seiner Krankheit hienieden ohnehin nicht viel Glück zu erwarten hatte, wurde er vom Vater dazu bestimmt, die Familie im Kampf gegen die ungläubigen Teufel zu vertreten."
Von den 20 Kindern, die mit Hossein in die Schlacht zogen, überlebten nur er und weitere zwei. 1982 wurden bei der Rückeroberung der Stadt Chorramschahr 10.000 Iraner getötet. Im Februar 1984 blieben nach der "Operation Kheiber" 20.000 iranische Leichen auf dem Schlachtfeld zurück. 1986 kostete die "Kerbala 4-Offensive" über 10.000 Iranern das Leben. Insgesamt sollen bei Bassidsch-Einsätzen einige hunderttausend Menschen getötet worden sein.
Dennoch wollten die revolutionären Gotteskämpfer selbst noch 1988, als auch Chomeini die Friedensverhandlungen endlich akzeptierte, blindlings weiterkämpfen. Einen Eindruck jener Stimmung vermittelt Christopher de Bellaigue in seinem Iran-Report "Im Rosengarten der Märtyrer": "Sadegh Zarif war an der Front, als Saddam den Waffenstillstand schließlich annahm. 'Von der irakischen Seite hörte man Freudenschreie und Schüsse in die Luft. Sie tanzten. Auf unserer Seite weinten alle."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Iran-Konflikt | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH