Hamburg - Das Thema der Mitteilung an US-Außenministerin Condoleezza Rice könnte kaum sachlicher sein. "Snapshots from the office", steht in vier dürren Worten über der Notiz: Momentaufnahmen aus dem Büro. Aber das als "vertraulich" gekennzeichnete Memorandum von Zalmay Khalizad, US-Botschafter in Bagdad, das die britische Zeitung "The Independent" veröffentlicht hat, ist mehr als eine nüchterne Bestandsaufnahme. Die Nachricht gibt Aufschluss über den Alltag von US-Botschaftsmitarbeitern in der irakischen Hauptstadt - über Beeinträchtigungen, Bedrohungen, über ihre Sorgen, Ängste und Probleme - und davon gibt es etliche.
In 23 Punkten listet Khalilzad seine Momentaufnahmen auf, gleich zu Beginn geht es um Probleme von Frauen. Demnach berichten Botschaftsmitarbeiterinnen häufig darüber, dass sie von Nachbarn dazu gedrängt werden, sich streng muslimisch zu kleiden und mit Schleier aufzutreten.
Eine Mitarbeiterin trage neuerdings eine Abaya, ein schwarzes Gewand, das den Körper verhüllt, nachdem sie "direkte Bedrohungen" erhalten habe, heißt es in dem Memo. Auch der Taxifahrer, der die Frau täglich zur "Grünen Zone" fahre, habe ihr gesagt, dass er sie erst dann befördern könne, wenn sie ihr Gesicht verhüllt. Sogar irakische Ministerien würden ihre weiblichen Angestellten dazu drängen, verschleiert zur Arbeit zu erscheinen. Dem Memo zufolge ist es in vielen Fällen nur schwer auszumachen, von wem der Druck ausgeht: Er komme von anderen Frauen, manchmal aber auch von Männern, die Sunniten aber ebenso gut auch Schiiten sein könnten.
Khalilzad schildert weiter, dass auch männliche Botschaftsmitarbeiter von Schwierigkeiten mit ihrer Bekleidung berichtet hätten. Für Männer sei es inzwischen gefährlich, in der Öffentlichkeit Shorts zu tragen, heißt es in der Notiz. Es seien sogar Leute angegriffen worden, die Jeans getragen hätten.
Kontrollposten gefährden Mitarbeiter
Sorgen bereiten demnach vielen Mitarbeitern auch das Verhalten von Kontrollposten an der hoch gesicherten "Grünen Zone" in Bagdad. Sie würden inzwischen oftmals spöttisch oder provozierend wie Milizionäre gegenüber den Botschaftsmitarbeitern auftreten - eine Angestellte hat dem Memo zufolge inzwischen um einen Presseausweis gebeten, weil die Grenzposten ihren Botschaftsausweis vor den Augen von Passanten hochhielten und laut "Botschaft" riefen. "Eine solche Information ist ein Todesurteil, wenn sie von den falschen Leuten gehört wird", schreibt Khalilzad.
Aus Angst um ihre Sicherheit verschweigen Botschaftsmitarbeiter sogar häufig gegenüber ihren Familienmitgliedern ihren tatsächlichen Arbeitgeber. Wenn irakische Kollegen nach Feierabend angerufen werden, würden sie deshalb häufig Arabisch sprechen, heißt es in dem Memo.
Eine arabische Angestellte hat ihrer Familie Khalilzad zufolge gesagt, dass sie nach Jordanien reise, als sie zu einem Lehrgang in die USA geschickt wurde. Viele Familienangehörige der Frau würden die Auffassung vertreten, dass die USA die irakische Bevölkerung ebenso bestrafen würde, wie es zuvor der Diktator Saddam Hussein getan habe. Es sei für die Frau belastend, ihr Arbeitsleben vor ihren Verwandten verschweigen zu müssen.
Handy könnte zur Zielscheibe werden
Die Angst vieler Angestellter schlägt sich auch in kleinen Details ihres Arbeitslebens nieder: Viele Botschaftsangehörige nehmen ihre amerikanischen Mobiltelefone nicht mit nach Hause, weil es sie zu einer "Zielscheibe" machen könnte, schreibt Khalilzad. Bewegten sie sich außerhalb ihrer üblichen Distrikte, würden sie sich an die Kleidung der jeweiligen Viertel anpassen.
In den vergangenen sechs Monaten habe man für Termine, bei denen auch Journalisten mit Kameras zugelassen waren, keine lokalen Übersetzer gehabt. Den Dolmetschern war ein solcher Einsatz zu gefährlich. In der Botschaft habe man inzwischen damit begonnen, Dokumente zu schreddern, auf denen die Nachnamen von Mitarbeitern vermerkt seien, schreibt Khalilzad.
Vergleichsweise harmlos wirken dagegen Engpässe bei der Energieversorgung. Ein Mitarbeiter habe an einem Tag zwölf Stunden darauf gewartet, an Benzin zu kommen, heißt es in dem Memo. Manche Angestellten würden davon berichten, dass auf eine Stunde Strom sechs Stunden ohne Energie folgen würden. In den Vierteln mit Krankenhäusern, Parteizentralen und in der Nähe der "Grünen Zone" sei die Versorgung am besten. "Obwohl unsere Belegschaft ihre professionelles Auftreten bewahrt, sind die Strapazen offensichtlich", schreibt der Botschafter am Ende seiner Notiz.
hen
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