• Drucken
  • Senden
  • Feedback
20.06.2006
 

Bush-Besuch in Wien

Hintertürchen in der Sperrzone

Aus Wien berichtet Sebastian Fischer

Angespannte Lage in Österreichs Hauptstadt: Kurz vor der Visite von US-Präsident Bush hat es die Polizei mit Bombenattrappen zu tun. Viele Einwohner sind sauer: Auf Bush wegen seiner Politik, auf die Sicherheitsleute wegen der weiträumigen Absperrungen. Geschäftsleute fürchten um ihre Einnahmen.

Wien - Der österreichische Humor ist tiefschwarz. Am Morgen entdeckt die Polizei in Wiens Zentrum drei Koffer. Darin nur bunte Kabel. Es sind Bombenattrappen, eine wird zur Sicherheit gesprengt. Die Polizisten atmen auf.

Am Abend landete die Präsidentenmaschine Air Force One auf dem Flughafen Wien-Schwechat. George W. Bush kommt zum EU-USA-Gipfel. Weil Österreich derzeit den EU-Ratsvorsitz innehat, kann Bundeskanzler Wolfgang Schüssel als höchster Vertreter Europas dem US-Präsidenten in Wien die Hand schütteln.

Die Österreicher selbst dagegen sind nicht wirklich begeistert über den hohen Besuch. In Umfragen bezeichnet die übergroße Mehrheit Bush als Gefahr für den Weltfrieden. Die Wiener sind besonders genervt: Sie empören sich nicht etwa nur über die Irakpolitik der USA sondern auch über all die Einschränkungen, die der Bush-Besuch mit sich bringt: Ein weitläufiges Gebiet rund um Wiens monumentale Hofburg ist für Mittwoch zur Sperrzone erklärt worden. Ohne Sonderausweis kommt keiner rein.

Für Bushs Sicherheit: 300 Läden machen dicht

Das ist bitter für die Geschäftsleute. Denn rund 300 Läden müssen für einen Tag dicht machen. Und das bei hochsommerlichen Temperaturen, wenn die Stadt nur so überquillt vor zahlungskräftigen Touristen. Doch manche haben ein Hintertürchen gefunden. Zum Beispiel der Besitzer der Herrenboutique "House of Gentlemen" am Kohlmarkt, gleich gegenüber der Hofburg.

"Ich habe eine Ausnahmegenehmigung rausgehandelt", sagt er stolz. Seine Verkäuferinnen haben die begehrten Sonderausweise erhalten und dürfen nun am Mittwoch doch im Geschäft sein. Das Problem: Die Touristen haben diese Ausweise nicht. "Macht nix", sagt der verkaufstüchtige Mann, vielleicht hebe die Polizei die Sperre ja ein wenig früher auf, "und dann sind wir gewappnet".

Offene Freude über Bushs Besuch gibt es nirgends. Das österreichische Fahnengewerbe meldet gleich bleibenden Absatz fürs US-Sternenbanner - auf sehr niedrigem Niveau. Das war auch einmal anders: US-Präsident John F. Kennedy wurde im Juni 1961 von 100.000 begeisterten Wienern empfangen. Anlässlich Bushs Besuch wollen sich am Mittwoch rund 10.000 Menschen versammeln. In Demonstrationszügen gegen ihn.

Knackpunkt Guantánamo: Kneift Schüssel?

Davon wird der Präsident allerdings nichts mitbekommen. Auf dem Programm steht ein vollends abgeschirmter Arbeitstag im Redoutensaal der Hofburg. Bush und US-Außenministerin Condoleezza Rice treffen dort primär auf den Ratsvorsitzenden Schüssel, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso sowie EU-Außenvertreter Javier Solana. Volksberührung ausgeschlossen. Die Themen: Irans Atomprogramm, die radikale Palästinenserführung, Asiens Produkt-Piraterie und die Energiepolitik rund um den gestiegenen Ölpreis.

Besonders gespannt aber sieht Österreich dem brisanten Thema Guantánamo entgegen. Wird Wolfgang Schüssel der deutschen Kanzlerin folgen und die Lage der rechtlosen Gefangenen gegenüber Bush ansprechen? Österreichs Außenministerin Ursula Plassnik bekannte bereits im April Farbe und äußerte Kritik an der US-Administration. Kurz vor Bushs Eintreffen in Wien signalisiert nun auch Schüssel höchstpersönlich, dass er nicht kneifen wird: Vorm EU-Parlament in Brüssel erklärt er am Dienstag, Europa könne es nicht zulassen, dass Menschen entführt und in geheime Gefangenenlager gebracht würden.

Zuvor hatten der umstrittene Rechtspopulist Jörg Haider und der Vorsitzende der österreichischen Sozialdemokraten Alfred Gusenbauer die politische Stimmung in Österreich angeheizt. Haider bezeichnete Bush in diversen Interviews als Kriegsverbrecher, während Oppositionsführer Gusenbauer für die US-Friedensaktivistin Cindy Sheehan einen Pseudo-Staatsempfang am Wiener Flughafen inszenierte. Sheehan, die den US-Präsidenten einen Terroristen nennt, wird auch auf der Gegendemonstration am Mittwoch sprechen.

Stadtreinigung fährt Sonderschichten

Trotz aller Abneigung gegen den prominenten Besucher putzt sich die Metropole kräftig raus: Die Stadtreinigung fuhr Sonderschichten. Neben Polizeiautos sind es vor allem gelbe Reinigungsfahrzeuge, die die Wiener Szenerie dominieren. Wien glänzt. Das trifft auch auf die nagelneuen Metallgitter zu, die die Verkehrspolizei für die Sperrzone bereithält. Am Dienstagnachmittag inspiziert ein elfköpfiger Inspektionstrupp noch einmal die Vorbereitungen und macht erste Stellproben.

Neben der Hofburg gehört die Schlafstätte des US-Präsidenten wohl zu den bestgesicherten Orten Europas in diesen Tagen. Bush residiert im realsozialistisch anmutenden Plattenbau. In Wien heißt der aber "Hotel Intercontinental". Hässlich aber effizient: Vom Dach des zwölfstöckigen Gebäudes lässt sich die Umgebung perfekt überwachen. In den Seitenstraßen werden die Gullydeckel geöffnet. Spezialisten steigen mit Grubenlampen in den Wiener Untergrund, um die Terrorgefahr zu bannen.

All das geschieht unter der Regie von rund 200 US-Agenten, die teilweise seit Wochen in der Stadt sind. Den Österreichern bleibt mit ihrer Polizei-Spezialeinheit "Cobra" nur die zweite Reihe. Und ein schöner Kostenberg: Eine runde Million Euro soll das sicherheitstechnische Spektakel kosten.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP