Von Michael Lenz, Phnom Penh
Phnom Penh - Am Montag werden im Königspalast von Phnom Penh die kambodschanischen und internationalen Richter und Staatsanwälte der "Außerordentlichen Kammern der Gerichte Kambodschas" (ECCC) vereidigt, die die Gräueltaten der Roten Khmer aufklären sollen.
Allerdings ist das Tribunal nur für die höchste Führungsebene der Khmer Rouge zuständig. Darauf haben sich die Vereinten Nationen und die Regierung Kambodschas nach zehn Jahre langem, zähem Verhandeln verständigt. Diktator Pol Pot und einige seiner engsten Gefolgsleute können nicht mehr angeklagt werden. Sie sind tot. Vier Mitglieder des Zentralkomitees von Pol Pots "Kommunistische Partei von Kambodscha" leben noch und erfreuen sich dank guter politischer Beziehung im In- und Ausland der Freiheit. Darunter Ieng Sary, der ehemalige Aussenminister Pol Pots. Verhaftet wurde bisher nur Ta Mok, der den Beinamen "Schlächter" trägt. Zudem sitzt Kang Kek Eav im Gefängnis. Er war der Direktor des berüchtigten Foltergefängnisses S-21 in Phnom Penh.
"Es ist verboten, während Auspeitschungen oder Elektroschocks zu weinen." Das war Regel Nummer 6 der Lagerordnung in S 21. Als 1979 die vietnamesische Armee in Phnom Penh einrückte und der Schreckensherrschaft von Rote-Khmer-Chef Pol Pot ein Ende setzte, lebten in S 21 noch sieben Häftlinge. Gut 13 000 waren nach monatelanger Folter auf den "Killing Fields" vor den Toren Phnom Penhs umgebracht und zusammen mit vielen Tausend weiteren Opfern in 129 Massengräbern verscharrt worden. Über zwei Millionen Männer, Frauen und Kinder starben durch die Roten Khmer. Sie wurden gefoltert, erschlagen oder verhungerten. "Sie ermordeten die Kinder, um einer möglichen späteren Rache für ihre Morde zu vermeiden", sagt Lach Somaly, 43, Führerin durch das heutige Völkermordmuseum Tuol Sleng, deren Vater und Bruder die Roten Khmer umgebracht haben.
Das Weinen war auch nach dem Ende der Khmer-Rouge-Herrschaft nicht wirklich erlaubt. Zu frisch die Wunden, zu lebendig die Erinnerung. "In den ersten Jahren nach den Khmer Rouge haben viele ein solches Tribunal nicht für hilfreich gehalten", sagt der heutige katholische Bischof von Phom Penh, Emile Destombes, der 1975 den Beginn der Khmer-Rouge-Zeit erlebt hat. In den Städten, den Dörfern, in Familien gar leben Täter und Opfer zusammen. "Wir müssen miteinander auskommen", betont Reach Sambath, einer der Pressesprecher der ECCC, und fügt hinzu: "Hass kann nicht durch Hass beseitigt werden."
"Travestie der Diplomatie"
Die Rufe der Opfer und Flüchtlinge nach einem internationalen Tribunal wurden von westlichen Ländern lange geflissentlich überhört. "Die Kambodschaner mussten weiter leiden, weil sie vom falschen Land befreit worden waren", schreibt Tom Fawthrop, Ko-Autor des Buches "Getting Away with Genocide" über den Völkermord der Roten Khmer. Unter der Führung der USA und Großbritanniens habe der Westen den Guerillakampf der Roten Khmer gegen die kommunistischen Vietnamesen unterstützt. Deshalb durften die Roten Khmer auch noch bis zum Pariser Friedensabkommen von 1991 den Uno-Sitz behalten. "Diese Travestie der Diplomatie ist eines der schändlichsten Kapitel in der Geschichte der Uno."
Gut zwanzig Kilometer außerhalb von Phnom Penh auf dem flachen Land an der Straße zum Badeort Sihanoukville sind Kasernen als Arbeitsstätte des Tribunals hergerichtet worden. In den Gebäuden zwischen Reisfeldern und weidenden Kühen sind kurz vor der Vereidigung der Richter noch die Handwerker tätig. Doch die Pressestelle arbeitet schon. Durch Staub und Lärm werden aber auch Besuchergruppen aus Kambodscha geführt. "3000 Menschen haben schon den Gerichtssaal besucht", sagt Sambath. Darunter seien auch ehemalige Rote Khmer gewesen. "Immer mehr Kambodschaner sind daran interessiert, die Wahrheit über die dunkle Periode zu erfahren."
Die Verfahren seien "eine Mahnung an zukünftige Führer des Landes, dass sie für Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden", meint der Gerichtssprecher. Darin liege ihr wesentlicher Sinn. Die Regierung hatte ein internationales Tribunal abgelehnt und auf einem einheimischen Gericht bestanden. Am Ende der zehnjährigen Verhandlungen mit den Vereinten Nationen stand das "Hybrid-Gericht": die Mehrheit der Richter sind Kambodschaner, ergänzt durch einige von der Uno berufenen Richtern. Jedoch braucht jede Entscheidung der kambodschanischen Richter die Zustimmung von mindestens einem der internationalen Kollegen.
Kambodscha ist ein junges Land. Gut die Hälfte der Bevölkerung ist nach der Khmer-Rouge-Ära geboren. Nieng, 26, der auf seinem Moped hinaus zu den "Killing Fields" vor den Toren Phnom Penhs gefahren ist, hofft: "Das Tribunal wird uns erklären, was passiert ist und warum." Zuversichtlich ist auch Buchautor Fawthrop: "Das Tribunal wird seine eigene Dynamik entwickeln. Das Weinen ist jetzt in Kambodscha erlaubt."
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