Beirut/Tel Aviv - Am frühen Morgen zerstörten israelische Kampfflugzeuge eine zum Flughafen führende Brücke in einem dicht besiedelten Vorort von Beirut. Nach Angaben des Korrespondenten des arabischen TV-Senders al-Dschasira fiel in Teilen der Hauptstadt der Strom aus, nachdem ein Kraftwerk getroffen wurde.
Nach Berichten von Augenzeugen beschoss die Armee zudem das Treibstofflager eines Kraftwerkes südlich der Metropole. Feuerwehrleute bemühten sich, die zahlreichen Brände zu löschen. Vom Boden aus wurden Luftabwehrgeschosse abgefeuert. Bei den Angriffen auf das südliche Stadtviertel starben nach Angaben aus libanesischen Sicherheitskreisen drei Menschen. 20 weitere seien verletzt worden. Geschäfte und andere Gebäude wurden beschädigt, dutzende Autos in den Straßen zerstört.
Am Vormittag griff die israelische Luftwaffe den Internationalen Flughafen von Beirut an. Zwei Raketen seien auf eine Landebahn abgefeuert worden, hieß es in Sicherheitskreisen. Über den Ausmaß der Schäden oder über Opfer wurde zunächst nichts bekannt. Die Anlage war geschlossen, da die israelische Luftwaffe bereits gestern Landebahnen des Rafik-al-Hariri-Flughafens unter Beschuss genommen hatte.
Die Luftwaffe bombardierte auch Hochburgen der schiitischen Hisbollah in den südlichen Stadtteilen von Beirut. Ziel war insbesondere das dort gelegene politische Hauptquartier der Organisation, wie aus libanesischen Sicherheitskreisen verlautete.
Auch die wichtigste Verbindungsstraße von Beirut nach Damaskus wurde unter Beschuss genommen. Der Angriff erfolgte in der Gebirgsregion Mdeiredsch, wo die Trasse über eine Brücke führt. Nachdem Israel eine Seeblockade vor der libanesischen Küste verhängt und den Flughafen von Beirut bombardiert hatte, blieb diese Straße die Hauptverbindung des Libanons ins Ausland. Das israelische Militär erklärte, die Straße sei ins Visier genommen worden, um zu verhindern, dass die beiden vor zwei Tagen von der Hisbollah verschleppten israelischen Soldaten außer Landes gebracht werden.
Israel hatte den Angriff auf Beirut vorher angekündigt. In den dicht besiedelten südlichen Stadtteilen wurden Flugblätter abgeworfen, auf denen die Bevölkerung davor gewarnt wurde, sich dem Hauptquartier der Hisbollah zu nähern. In der Gegend hat Hisbollah-Führer Scheich Hassan Nasrallah sein Büro, außerdem befindet sich dort der Sitz des Schura-Rats der Organisation sowie deren Fernsehsender Al Manar.
Auch an der zweiten Front zum Gaza-Streifen setzte Israel seine Offensive fort. Die Luftwaffe griff in der Nacht mehrere mutmaßliche Einrichtungen der Hamas-Bewegung an. Die Hauptstraße der Stadt Gaza wurde beschädigt. Verletzt wurde niemand. Im südlichen Gazastreifen wurden Artillerieverbände umgruppiert.
Israels Ministerpräsident Ehud Olmert hatte die Fortsetzung der Militäraktionen ungeachtet der internationalen Appelle zur Zurückhaltung angeordnet. Die Entscheidung sei nach einem Treffen Olmerts mit den Chefs der Sicherheitskräfte gefallen, berichtete der Armeerundfunk unter Berufung auf Regierungskreise.
Nach der EU und der Uno hatten auch die USA Israel zur Zurückhaltung aufgerufen. Dies sei "extrem wichtig", Opfer unter der Zivilbevölkerung und die Zerstörung von Infrastruktureinrichtungen im Libanon müssten vermieden werden, sagte Außenministerin Condoleezza Rice. Gleichzeitig beschuldigte sie Syrien und Iran, mit ihrer Unterstützung der radikal-islamischen Hisbollah die Gewalt gefördert zu haben.
Im Weltsicherheitsrat scheiterte eine Verurteilung der israelischen Militäroffensive im Gaza-Streifen am Veto der USA. In dem vom Golfstaat Katar eingebrachten Resolutionsentwurf wurde Israel "unverhältnismäßiger Einsatz von Gewalt" vorgeworfen. Die US-Regierung stimmte als einziges der 15 Sicherheitsratsmitglieder gegen den Entwurf. Zehn Ratsmitglieder votierten dafür, vier weitere enthielten sich.
Die Uno beraumte angesichts der wachsenden Sorge vor einem neuen Krieg in Nahost für heute eine Sondersitzung des Sicherheitsrates für an. Generalsekretär Kofi Annan kündigte die Entsendung von Vermittlern an. Auch EU-Chefdiplomat Javier Solana will in den Nahen Osten reisen.
Seit Beginn der Offensive sind fast 50 libanesische Zivilisten getötet worden, 150 wurden verletzt. Die Hisbollah feuerte mehr als 130 Raketen auf den Norden Israels. Insgesamt kamen dabei zwei Israelis ums Leben, rund 100 wurden verletzt. Gestern wurde auch die drittgrößte israelische Stadt Haifa getroffen.
als/AP/dpa/Reuters
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