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14.07.2006
 

Isoliertes Beirut

Angststarre in der Falle

Aus Beirut berichtet Irina Prentice

Die israelischen Angriffe der letzten Tage haben die Libanesen völlig isoliert. Die Seeblockade und der zerstörte Flughafen haben den Menschen ihre Lebensgrundlage genommen. Aber nicht Wut, sondern eine Art Angststarre hat die Bewohner von Beirut befallen.

Beirut - An diesem heißen, schwülen Tag ist die sonst so belebte Hamra-Straße im Westen Beiruts schon am Nachmittag wie ausgestorben. Immer mehr Geschäfte haben im Laufe des Tages geschlossen, nur wenige Autos verlieren sich noch in dieses Viertel.

In einer Querstraße steht der Blumenhändler Zakaria: "An die israelischen Angriffe habe ich mich mittlerweile gewöhnt", sagt er. "Ich weiß nicht, was heute Nacht passiert, aber ich bin sicher, dass etwas geschehen wird." Aber eine Flucht kommt für ihn nicht in Frage, selbst wenn sich die Situation verschlechtern sollte. "Ich habe schon die israelische Invasion von 1982 erlebt. Ich bin damals nicht gegangen, und werde auch heute nicht gehen", sagt Zakaria.

Nadia ist dagegen weniger entschlossen, was die kommenden Ereignisse angeht. "Ich mag die Politik nicht", sagt die Kundin. "Was sollen wir nur tun? Im Parlament gibt es keine Einigung, aber wir wollen doch alle nur leben." Sie ist ratlos. "Wohin soll ich denn gehen? Es gibt doch niemanden, der uns aufnehmen würde." Mit wenig Hoffnung auf eine politische Lösung bleibt das libanesische Volk auf sich allein gestellt.

Auch im südlichen Teil von Dahie, wo die Hisbollah besonders stark vertreten ist, habe die Flucht eingesetzt, berichten Augenzeugen. Zahlreiche Wagen verlassen die Region, bis auf den letzten Platz besetzt mit Leuten, auf den Dächern sind Möbel festgezurrt. So wohnen selbst jene, die in Dahie geboren wurden, jetzt bei Verwandten.

Im Zentrum der Stadt sind nur vereinzelt Cafés geöffnet. Wenige Kunden trauen sich noch hierher. Eigentlich wollten die Kuweiter Tarik und Salah ihre Ferien in Beirut verbringen. Ein Urlaub, der nun eine ernste Wendung genommen hat. In den ersten Tagen hätten sie sich noch amüsiert, doch nun habe sich die Situation komplett geändert, sagen sie und fügen zynisch hinzu: "Das war wohl einfach schlechtes Timing."

In der Lobby eines Fünf-Sterne-Hotels sitzen einige Touristinnen aus den Golfstaaten auf ihren Koffern. Sie haben ihren Urlaub kurzfristig abgebrochen. Noch wissen die Frauen aber nicht, auf welchem Weg sie das Land verlassen sollen. "Syrien scheint eine Möglichkeit zu sein, aber wir müssen noch abwarten", sagt eine von ihnen skeptisch.

Taxifahrer profitieren von der Situation

Am Morgen ging es in dem Hotel besonders hektisch zu. "Sehr viele Gäste sind heute früh abgereist", sagt der Rezeptionist Farah. Die Botschaften hätten Busse organisiert, um sie über die Grenze nach Syrien zu bringen. Einer der Fahrer, Atif, erzählt, dass die Übergänge überlastet seien. Die Ausreisenden müssten fünf bis sechs Stunden warten, bevor sie Visa bekämen.

Überdies ist eine Flucht nicht billig. Taxifahrer profitieren von der Situation und verlangen 250 US-Dollar für eine Fahrt nach Damaskus, die unter normalen Umständen höchstens 20 US-Dollar kostet.

Beim Essen in der Hotellobby erzählt eine Frau ihrer Freundin von den Geschehnissen zu Hause. "Heute früh bin ich sofort aufgewacht, als die Bomben im Flughafen eingeschlagen sind", sagt Lina. Sie war eigentlich auf einen Kurzbesuch zu ihren Eltern in den Libanon gekommen. "Meine Mutter hat durchs ganze Haus geschrien. Die jüngsten Ereignisse bringen sie wirklich durcheinander." Es sei nicht das Gleiche wie im libanesischen Bürgerkrieg, der 15 Jahre gedauert hat. "Aber das Gefühl fehlender Sicherheit ist deshalb nicht weniger schlimm", meint Lina.

Niemand weiß, was der nächste Schritt sein wird. Die allgemeine Stimmung ist angespannt. Man wartet ab. Was sollen die Menschen auch tun, wenn der Flughafen außer Betrieb gebombt wurde und die Israelis das Meer blockieren.

"Diese Krise wird nicht länger als eine Woche andauern"

Auf den Straßen der Stadt herrscht wenig Verkehr, obwohl viele Beiruter noch immer arbeiten und zahlreiche Passanten an den Straßen spazieren. Städter, die tatenlos auf öffentlichen Bänken sitzen oder beobachtend stehen bleiben, repräsentieren die allgemeine Stimmung im Land.

Dieses Bild scheinbarer Ruhe wird nur durch die Warteschlangen gestört, die sich vor den Tankstellen bilden. So auch im Stadtteil Tabariz, wo der Tankwart Shukri an diesem Morgen schon dreimal so viele Kunden bedient hat wie normalerweise. "Es läuft richtig gut", sagt er. "In elf Stunden haben wir 1000 Autos abgefertigt. Wenn das so weitergeht, dann haben wir schon in drei Tagen keinen Kraftstoff mehr." Unklar bleibt, woher noch Benzin kommen soll, wenn der Zugang zum Meer versperrt ist. Doch Shukri ist zuversichtlich: "Diese Krise wird nicht länger als eine Woche andauern. Bald gibt es wieder Benzin."

Eine leichte, kühle Brise weht vom Meer her und kündigt den Abend an. Doch die Anspannung in Beirut steigt, denn die kommende Nacht verspricht lang zu werden. Die Erinnerung an die letzte ist noch frisch. Elias denkt an die hektischen Blitze der Abwehrgeschütze und den alles durchdringenden Klang der Alarmsirenen. "Vielleicht ist Krieg ja eine gute Sache und hilft uns endlich zu einer Lösung zu finden", sagt der 22-Jährige. "Es war doch bisher immer das gleiche Problem." Jede Gruppe denke nur an ihre eigene Haut, und sie brächten nie eine Lösung für das ganze Land zustande. "Wir brauchen Reformen und Versöhnung. In sich geeint könnte der Libanon die richtigen Entscheidungen für die Zukunft treffen."

Es bleibt für alle schwer vorherzusagen, was aus den aktuellen Ereignissen resultieren wird. Doch der Gedanke an Krieg ist stets präsent in den Köpfen der Libanesen, ob in ihrer Erinnerung oder in ihrem pessimistischen Blick in die Zukunft.

Übersetzt von Christopher Stolzenberg

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