Jerusalem/New York - Israel will seine Angriffe auf den Libanon erst nach der Entwaffnung der radikalen Hisbollah-Miliz einstellen. Ministerpräsident Ehud Olmert stelle drei Bedingungen für ein Ende der Offensive, sagte Regierungssprecherin Miri Eisin heute. Er verlange, dass die Hisbollah die beiden im Südlibanon entführten israelischen Soldaten freilasse, dass sie ihre Raketenangriffe einstelle und dass sie die Uno-Resolution 1559 erfülle.
Die Resolution sieht die Entwaffnung und Auflösung aller libanesischen und nicht-libanesischen Milizen vor. Wenn diese Bedingungen erfüllt seien, sei Israel zur Kooperation mit der Uno-Delegation von Generalsekretär Kofi Annan bereit, sagte Eisin weiter.
Nachdem die libanesische Regierung die USA gebeten hatte, Israel zu einem Stopp der Angriffe zu bewegen, hat das Weiße Haus in Washington klar gemacht, dass es keinen Druck auf Israel ausüben wolle, seine Militäroperationen im Libanon zu beenden. "Der Präsident wird sich nicht in die militärischen Entscheidungen Israels einmischen", sagte Regierungssprecher Tony Snow.
Nach den Worten von Snow gehe es US-Präsident George W. Bush jedoch darum, dass Israel das Risiko von Verlusten unter der Zivilbevölkerung möglichst klein hält. Snow wiederholte, Bush sei der Ansicht, dass Israel das Recht auf Selbstverteidigung habe. Es sollte bei der Ausübung dieses Rechts jedoch "sogenannte Kollateralschäden" so weit wie möglich vermeiden.
USA halten Waffenstillstand für unwahrscheinlich
Libanons Ministerpräsident Fuad Siniora hatte in einem Telefongespräch an Bush appelliert, Druck auf Israel auszuüben. Den Angaben Snows zufolge bat er den Präsidenten auch, sich für einen Waffenstillstand einzusetzen. Es sei jedoch zu diesem Zeitpunkt unwahrscheinlich, dass die Parteien sich auf ein solches Abkommen einigen könnten, sagte Snow, "obwohl wir natürlich hoffen, dass es einen Waffenstillstand gibt und dass alle darauf hinarbeiten".
Außenministerin Condoleezza Rice hatte Israel zuvor bereits zur Zurückhaltung aufgerufen. Dies sei "extrem wichtig", Opfer unter der Zivilbevölkerung und die Zerstörung von Infrastruktureinrichtungen im Libanon müssten vermieden werden, sagte sie. Gleichzeitig beschuldigte sie Syrien und Iran, durch Unterstützung der radikalislamischen Hisbollah die Gewalt zu fördern.
Die Bundesregierung ist besorgt über die sich zuspitzende Lage und setzt nach Angaben aus Regierungskreisen beim bevorstehenden Weltwirtschaftsgipfel in St. Petersburg auf eine geschlossene Haltung der G-8-Staaten zur eskalierenden Entwicklung. Außenminister Frank-Walter Steinmeier warnte im Deutschlandradio Kultur vor einer vorschnellen Bewertung der Situation.
Für die EU-Ratspräsidentschaft bekräftigte der finnische Außenminister Erkki Tuomioja die Kritik an den israelischen Angriffen. Er verwies aber auch auf das legitime Recht Israels auf Selbstverteidigung. Der französische Präsident Jacques Chirac bezeichnete die Lage als "wirklich gefährlich". Der britische Premierminister Tony Blair nannte die Entwicklung als "absolut tragisch" für alle betroffenen Menschen. Der russische Präsident Wladimir Putin rief zu einem sofortigen Ende des Blutvergießens auf. Der Vatikan verurteilte das militärische Vorgehen Israels im Libanon.
In New York kam der Uno-Sicherheitsrat zu seiner Nahost-Krisensitzung zusammen, die von der libanesischen Regierung einberufen worden war. Libanons Uno-Gesandter Nuhad Mahmud bezeichnete die israelischen Luftangriffe als "barbarische Aggression". Der Weltsicherheitsrat müsse einschreiten und einen Waffenstillstand herbeiführen, forderte Mahmud. "Was Israel unternimmt, ist ein Akt der Aggression und Verwüstung, der darauf abzielt, den Libanon in die Knie zu zwingen", erklärte Mahmud. Der Sicherheitsrat müsse auch die israelische Seeblockade gegen sein Land beenden, forderte der Uno-Botschafter.
Der israelische Uno-Botschafter Dan Gillerman entgegnete, Israel habe keine andere Wahl gehabt, als auf die Entführung zweier israelischer Soldaten durch die libanesische Hisbollah und die Raketenangriffe der Miliz zu reagieren. "Israels Handlungen waren eine Reaktion auf einen kriegerischen Akt des Libanons", sagte Gillerman. Der israelische Militärrundfunk berichtete, die israelischen Minister befürchteten keinen allzu starken Druck der internationalen Gemeinschaft, "solange die Angriffe im Wesentlichen auf die Hisbollah zielen". Einige Minister hätten gesagt, Israel müsse allerdings direkte Angriffe auf die libanesische Infrastruktur vermeiden.
Angriffe gehen weiter
Ungeachtet der internationalen Appelle zur Mäßigung setzten Israel und die libanesische Hisbollah-Miliz ihre Angriffe fort. Bei neuen israelischen Luftangriffen auf Ziele im Libanon kamen nach Polizeiangaben mindestens fünf Menschen ums Leben, 65 weitere wurden verletzt. Milizionäre der radikal-schiitischen Hisbollah feuerten wiederum zahlreiche Katjuscha-Raketen auf den Norden Israels ab. Am Abend wurden erneut mehrere heftige Explosionen im Süden Beiruts, in Haret Hreik, gemeldet. Die Luftwaffe habe Stellungen der Hisbollah angegriffen.
Am Abend meldete der Hisbollah-eigene Fernsehsender Al Manar, das Hauptquartier der Hisbollah-Miliz sei zerstört worden. Auch der Wohnsitz von Hisbollah-Chef Scheich Sajjed Hassan Nasrallah wurde offenbar getroffen. Nasrallah, seine Familie und seine Leibwächter seien aber unverletzt geblieben, teilte die radikal-islamische Miliz am Abend mit.
Innerhalb von 24 Stunden flogen israelische Flugzeuge fünf Angriffe auf den internationalen Flughafens von Beirut. Dabei wurden die Landebahnen, ein Treibstofftank und ein Hangar getroffen. Auch die südlichen schiitischen Vorstädte von Beirut waren Ziel der israelischen Luftangriffe sowie ein Lager einer radikalen Palästinensergruppe im Osten des Landes. Seit dem Vortag wurde im Libanon wichtige Infrastruktur beschädigt, darunter die Schnellstraße nach Damaskus, zwei Elektrizitätswerke und mehrere Brücken.
Hisbollah-Milizionäre schossen erneut Katjuscha-Raketen und Mörsergranaten auf nordisraelische Ortschaften ab. Dabei wurden Dutzende Menschen überwiegend leicht verletzt. Nach israelischen Militärangaben gingen seit Beginn der Feindseligkeiten an der israelisch-libanesischen Grenze vor zwei Tagen mindestens 700 Geschosse auf israelischem Gebiet nieder. Am Donnerstag waren zwei israelische Zivilisten getötet worden. Sogar die Hafenstadt Haifa war unter Raketenbeschuss geraten.
Israel beschloss am Abend die Fortsetzung der Offensive. Die Sicherheitschefs von Ministerpräsident Olmert hätten sich auf weitere Angriffe gegen die Hisbollah und neue Ziele verständigt, teilten israelische Vertreter mit. "Israel ist bereit, jeden Schritt zu machen, der angesichts des über die Grenze kommenden anhaltenden Raketenbeschusses zum Schutz seiner Bürger notwendig ist", sagte Olmert-Sprecher David Baker. Die Armee sollte in der Nacht damit beginnen, die neu ausgemachten Ziele anzugreifen.
phw/AFP/dpa/Reuters/AP
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