Aus Kunduz berichtet Matthias Gebauer
Kabul - Vor dem Besuch des Ministers herrschte überall im neuen Bundeswehr-Lager in Kunduz Betriebsamkeit. Die Verantwortlichen des Protokolls überlegten, was den Chef der 370 Soldaten interessieren könnte und wie man Minister, Soldaten, Fahrzeuge und die fernen Berge - schließlich verteidigt man ja die Freiheit am Hindukusch - in die Sucher der Fotografen bekommen kann.
Doch in Kunduz erwartet Jung nicht nur ein gutorganisierter Fototermin. Einige Soldaten wollen dem Minister deutlich sagen, wie unzufrieden sie sind. "Wir werden den Kontakt suchen und finden", so einer der Soldaten.
In der Truppe gibt es vor Jungs Visite reichlich Frust. Die Weisung des CDU-Politikers, nur noch gepanzert operieren zu dürfen, gilt als realitätsfremd, sogar als kontraproduktiv. In Berlin wunderte sich mancher hochrangige Offizier, dass er in die Entscheidung nicht eingebunden wurde.
"Dingos" machen sich schlecht auf kleinen Holzbrücken
Klipp und klar wollen die Soldaten in Kunduz ihrem Minister sagen: "Hinter Panzerglas können wir unseren Auftrag nicht erfüllen". Viele Gegenden, in denen es Holzbrücken und enge Bergpfade gibt, seien in den schweren "Dingo"-Transportfahrzeugen nicht mehr zu erreichen. Viel schlimmer aber sei, dass man so auch nichts mehr von der afghanischen Bevölkerung erfahre. Bisher kamen oft sehr gezielte Hinweise auf mögliche Angriffe, nun sei man ziemlich isoliert.
Jung musste sich die Kritik bereits in Deutschland anhören. Beim Besuch der Afghanistan-Ausbildung in Hammelburg, bekam er ziemlich deutlich zu hören, dass die Truppe im Einsatzgebiet nicht nur mit "Panzerung und Dickblech" geschützt werden könne. Eine "wohlwollende Bevölkerung" bringe dienliche Hinweise. Nicht einigeln wolle man sich, sondern "raus und mit den Leuten reden" - was aus einem Panzerfahrzeug heraus schlecht möglich ist.
Dass die Sicherheitslage am Hindukusch mehr als brisant ist, lässt sich zwischen den Zeilen aus den offiziellen Aussagen ablesen. So wurde zum Beispiel die Lagebeschreibung geändert: Hieß es zuvor, Kunduz sei "ruhig, aber nicht stabil", gilt es nun als "angespannt und instabil". In Zahlen klingt dies noch unberuhigender: Allein in den ersten sieben Monaten 2006 hat es so viele Angriffe, Anschläge und anderen Feindkontakt gegeben wie im ganzen Jahr 2005.
Mit der Verstärkung mitten in die Falle
Besonders knapp war es am 27. Juni kurz vor Mitternacht. Nahe dem Ortsteil Angur Boch explodierte am Straßenrand eine selbstgebaute Bombe, als gerade eine Nachtpatrouille passierte. Die Stahlpanzerung hielt, die Soldaten alarmierten sofort ihre Kollegen. Offenbar genau das war das Ziel der klassischen Falle. Als zwei Trupps eintrafen, wurden sie mit RPGs unter Feuer genommen. Eine Schießerei entbrannte, drei Soldaten wurden verletzt. Reines Glück, dass nicht mehr passiert sei, meint ein beteiligter Deutscher.
Nach den ersten Ermittlungen rechnen die Realisten in der Truppe mit weiteren solcher Attacken. Recht schnell wurden zwei Verdächtige festgenommen, die nicht aus Kunduz stammten. Einer der beiden, da sind sich die Ermittler sicher, war an der Attacke beteiligt. Zudem erfuhren die Bundeswehr-Fahnder vom afghanischen Geheimdienst NDS, dass vermutlich eine Gruppe von bis zu 50 radikalen Paschtunen plant, die Bundeswehr zu attackieren.
Was gemeinsam mit den Agenten der Afghanen ermittelt wurde, dürfte die Zweifler in Berlin bestärken. Gut ausgerüstet seien die Bundeswehr-Feinde, vermutlich seien die Männer mit dem nicht abreißenden Flüchtlingsstrom von Paschtunen aus dem nahen Pakistan in Kunduz eingesickert. Es seien auch Attacken von Selbstmordattentätern mit Sprenggürteln geplant, heißt es in Ermittlerkreisen.
Das Wort "angespannt" in der Lagebeschreibung bekommt so eine neue Bedeutung. Gleichwohl war in Berlin von den Details wenig zu hören. Selbst ein Anschlag auf das Camp in Kabul wurde heruntergespielt. Drei Raketen hatten Unbekannte von einem benachbarten Schrottplatz abgefeuert. Alle drei landeten im "Camp Warehouse", das die Deutschen einige Tage später offiziell an die Franzosen übergaben.
"Reines Glück, dass nicht gleich mehrere Menschen ums Leben kamen"
Nach dem Anschlag hieß es lapidar, eine Rakete habe einen Container getroffen, die anderen seien woanders aufgeschlagen. Es gebe nur leichten Sachschaden. In Kabul wird dies etwas anders gesehen. "In Wirklichkeit war es reines Glück, dass nicht gleich mehrere Menschen ums Leben kamen", heißt es dort.
Die Bilder aus der Ermittlungsakte stützen dies: Die erste Rakete schlug in einen Wohncontainer zweier Bundeswehrsoldaten ein. Zerfetzt hängt das dicke Stahldach in den Raum hinein. Die beiden Rekruten hatten Glück: Sie folgten in der mitten im Camp gelegenen Soldaten-Pinte "Oase" der TV-Vorberichterstattung für das WM-Spiel Italien gegen Frankreich. An einem anderen Abend hätten sie wohl schon im Bett gelegen. Die Explosion hätte niemand überlebt.
Auch die angeblich ganz harmlos abgeprallte Rakete verfehlte ihr Ziel nur knapp. Eine nur minimal andere Flugbahn hätte sie direkt auf einen Platz geführt, wo mehrere Soldaten der internationalen Schutztruppe gern abends sitzen und klönen. Auch sie hätte der Sprengkörper schwer verletzten oder töten können. Von alledem allerdings ist im offiziellen Lagebericht nichts erwähnt.
Das Kalkül im Wehrressort ist durchschaubar. Keinesfalls soll in Berlin eine Diskussion um den Einsatz am Hindukusch entbrennen, erst recht nicht vor der anstehenden Verlängerung des Mandats. Folglich wird lieber weiter verharmlost, als über Konsequenzen zu reden. Die Soldaten aber können nötige Maßnahmen benennen: Seit langem schon betteln sie um Kampfmittel, Raketenwerfer für den Standort Faizabad zum Beispiel. Oder darum, vielleicht doch die Anschaffung von Kampfhubschraubern zu überdenken.
Die afghanische Realität ist in Berlin tabu
Es macht jedoch nicht den Anschein, dass diese Wünsche in die politische Landschaft passen. Bewusst unterbindet das Verteidigungsministerium Diskussionen über die Realität. Diskussionen darüber, dass die Bundeswehr in den nächsten Jahren an ihren Standorten nicht nur schöne PR-Bilder mit winkenden Kindern produzieren wird, sondern sich vielmehr wie alle anderen beteiligten Staaten auf Widerstand einstellen muss. "Die Realität ist in Berlin tabu", mosert selbst ein hoher Nato-General beim Abendessen in Kabul.
Fragt man dieser Tage bei der Nato nach den Deutschen, sieht man fragende Gesichter. Verstimmt wird dort zur Kenntnis genommen, dass die vom Bündnis gewollte Zusammenlegung der Isaf-Mission mit der bisher nur von den USA geführten "Operation Enduring Freedom" für Berlin ein heikles Thema ist. Fast alle anderen Staaten halten die Verschmelzung für unumgehbar.
In Berlin aber sind Diskussionen über die Zusammenlegung gefährlich: Erst kürzlich wurde der deutsche Sprecher des Bundeswehr-Kontingents im Norden Afghanistans, gleichzeitig dortige Stimme der Nato, in der "FTD" zitiert. Konkret sprach sich Oberstleutnant Markus Werther dafür aus, "den Auftrag zu reformieren und transformieren". Wenig später wurde er von seinen Aufgaben entbunden und saß am vergangenen Freitag im Flieger zurück nach Deutschland.
Korrektur: In der ursprünglichen Version dieses Artikels hieß es, Oberstleutnant Markus Werther habe gegenüber der "FTD" gefordert, deutsche Soldaten sollten schneller zurückschießen dürfen. Die "FTD" hatte diese Aussage allerdings nicht Werther direkt zugeordnet, sondern als allgemeinen Wunsch der Truppe in Afghanistan dargestellt. Werther bestritt gegenüber SPIEGEL ONLINE, diese Forderung erhoben zu haben. Wir haben diese Passage daher aus dem Text entfernt.
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