Aus Havanna berichtet Carsten Volkery
Bayamo/Havanna - Drei lange Stunden stehen sie schon da, 300.000 wartende Menschen im Dunkeln. Es ist sechs Uhr morgens, und halb Bayamo hat sich auf dem Platz des Vaterlands versammelt. Sie tragen rote Hemden und haben jeweils zwei Fähnchen in der Hand, eines in den Nationalfarben und eines in Schwarzrot mit dem Schriftzug 26. Juli. Es ist der Tag der Revolution. Um halb sieben ist Generalprobe, aus den Lautsprechertürmen an der Bühne schallen Anweisungen: Der linke Flügel möge bitte "kompakter stehen". Ein weiteres Kommando, und 600.000 Fähnchen rascheln in der aufgehenden Sonne.
Die Menschen in der ostkubanischen Provinzstadt warten auf den Mann, der sie seit 47 Jahren regiert. Es ist eine Art vorgezogene Geburtstagsfeier: Am 13. August wird Fidel Castro 80 Jahre alt. Eigentlich wird er erst 79, doch wie so viele offizielle Zahlen auf Kuba ist auch das Geburtsdatum des Präsidenten ein Produkt der Phantasie.
Um sieben Uhr fangen die Mädchen an zu kreischen, als ob ihnen gerade Robbie Williams erschienen wäre. Doch es ist nur ein ergrauter, alter Mann mit Vollbart und olivgrüner Uniform, der sich in die erste Reihe stellt. Er hat ein Fähnchen in der Rechten, das er ab und zu ruckartig schüttelt. Zum Wedeln scheint seine Kraft nicht mehr zu reichen. In seiner Nähe steht jetzt immer ein muskulöser Aufpasser, der ihn auffangen soll, falls er ohnmächtig wird. Die Welt und besonders die Amerikaner sollen nicht noch einmal über den Sturz des Diktators feixen können wie 2004, als er vor den Kameras zu Boden ging.
Der alte Mann tritt ans Rednerpult. Er redet, worüber viele Senioren reden: Künstliche Nieren, Cholesterin und Grauen Star. Er rattert Zahlenreihen herunter, erfolgreiche Augenoperationen, neue Krankenwagen und gestiegene Lebenserwartung. Castro liebt Statistiken, weil sie Fortschritt suggerieren, wenn sie richtig interpretiert werden. Er vergisst auch nicht die Zahl der Schnellkochtöpfe, die seit Beginn des Jahres in der Provinz verteilt wurden. Exakt 262.435 waren es, ein wichtiger Beitrag zum "Jahr der Energierevolution" auf Kuba.
"Danke, ich liebe euch auch"
Die Rede dauert zweieinhalb Stunden, für Castros Verhältnisse ein kurzes Statement. Die Zeit der Sieben-Stunden-Monologe ist vorbei. Die hält er allenfalls noch im Fernsehen, im Sitzen. Aber er ist fit genug für zwei Auftritte an einem Tag: Am Abend im hundert Kilometer entfernten Holguin taucht er vor Medizinstudenten aus Kuba, Venezuela und Bolivien auf. Die Zuhörer schwenken Nationalfähnchen, Castro schwärmt von Kuba als Ärzteschmiede Lateinamerikas. Einmal verstummt er plötzlich, sein Körper scheint ihm einen Streich zu spielen. Das Publikum, dem Beispiel eines besorgten Parteisekretärs auf der Bühne folgend, reißt die Fahnen hoch und brüllt "Viva Fidel". Als Castro seine Stimme wiedergefunden hat, sagt er: "Danke, ich liebe euch auch."
Dass der Diktator wie ein Popstar behandelt wird, ist vielleicht die größte Skurrilität der an Skurrilitäten reichen Insel. Es beweist, dass der Spitzelapparat auch nach fünf Jahrzehnten noch ganze Arbeit leistet. Fast jeder Straßenblock hat sein eigenes Revolutionskomitee, das den sozialen Druck aufrechterhält. Dem kollektiven Jubeln sollte besser nicht fernbleiben, wer keinen Ärger haben will.
Doch es steckt noch mehr dahinter: Castro füllt ein Vakuum, das er selbst geschaffen hat. "Wir haben keine Stars", erklärt Rodolfo Rensoli, ein Musiker aus Havanna. "Es gibt nur Fidel."
Ein halbes Jahrhundert der Informationsblockade hat Spuren hinterlassen, besonders in der Provinz, wo neun von elf Millionen Kubanern leben. Fünf Fernsehkanäle mit so wohlklingenden Namen wie "Tele Rebelde" und "Bildungskanal", kein Internet, kaum Kontakt mit Ausländern - in manchen Regionen existiert eine groteske Parallelwelt. "Die Regierung setzt ein Thema, und alle reden darüber, weil es nichts anderes gibt", sagt Rensoli.
Rensoli sitzt in einer Cafeteria in Alamar, einer sozialistischen Trabantenstadt im Osten der Hauptstadt Havanna. Mitte der neunziger Jahre hat er hier zwischen den grauen Hochhäusern ein Rap-Festival gegründet. Rap ist die Sprache der Sozialkritik. Die Regierung erkannte die Gefahr und übernahm nach einigen Jahren das Event. Die staatlich anerkannten Rapper, die jetzt dort auftreten, haben ihre Verse weichgespült.
Personenkult ohne Statuen
Auf Kuba gibt es keine Statuen von Castro, zu leicht könnten sie verunstaltet oder vom Sockel gestürzt werden. Dem Personenkult tut dies keinen Abbruch. Der Comandante in Olivgrün ist längst Teil der nationalen Identität, wie die Zigarre und der Mojito. 70 Prozent der Kubaner sind nach der Revolution geboren, ein Leben ohne Castro übersteigt die Vorstellungskraft der meisten. Castro ist eine Vaterfigur, einer seiner Spitznamen lautet "Papa". "Wenn Castro hier auf dem Platz spazieren gehen würde, flögen keine Eier", sagt der regimekritische Journalist Jaime Leygonier in Havanna. "Die Leute würden ihn um Gefallen bitten."
Doch hat die Strahlkraft des Mythos stark nachgelassen. Kein Kubaner glaubt mehr an den Propaganda-Slogan, der auf den Stellwänden an den Straßen steht: "Vamos bien" ("Es läuft gut"). Die Krater in den Straßen und die vergammelten Fassaden der Kolonialvillen sind nur die oberflächlichen Zeichen des Verfalls. Überall regiert die Doppelmoral, die Gesellschaft ist durch und durch korrupt. Der Chef des Revolutionskomitees muss genauso stehlen wie der Polizist, um zu überleben. Der Busfahrer nimmt auf dem Weg zur Arbeit bereits Leute auf und kassiert pro Fahrgast einen konvertiblen Peso, das 25fache des normalen Preises. Einen Teil davon gibt er seinem Boss, damit der ihn nicht verrät, der Rest wandert in die eigene Tasche. Die Milchflaschen in den Peso-Läden, wo Kubaner ihre Rationen mit Lebensmittelkarten abholen, enthalten selten einen ganzen Liter: Jemand hat zuvor schon etwas abgezweigt, um es auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen.
Welches Ausmaß das Klauen bei Staatsunternehmen angenommen hat, zeigte sich vergangenen Oktober, als Castro sämtliche Tankwarte durch seine sogenannten "Sozialarbeiter", eine Truppe überzeugter Nachwuchskommunisten, ersetzen ließ. Die offiziellen Einnahmen der Tankstellen verdreifachten sich in einigen Regionen.
Warten auf die "biologische Lösung"
"Jeder weiß, dass die Revolution gescheitert ist", sagt Oscar Espinosa Chepe, ein Volkswirt in Havanna. Doch ein Ende ist nicht in Sicht. Die Kubaner scheinen sich im Elend eingerichtet zu haben und warten auf die "biologische Lösung", den Tod Castros. "Viele haben mehr Angst vor dem Wechsel als vor dem Regime", sagt Leygonier. Die Castro-Regierung schürt diese Angst nach Kräften: Auf Plakaten warnt sie die Bevölkerung, dass sie bei einem Systemwechsel ihre Häuser verlieren würde. Auch deshalb hat die zersplitterte Opposition es bisher nicht vermocht, nennenswerte Demonstrationen zu organisieren.
Den Takt gibt weiterhin Castro vor. Seit einigen Jahren ist er dabei, die "liberalen Fehler" der neunziger Jahre rückgängig zu machen. Damals, als Reaktion auf die Auflösung der Sowjetunion, erlebte Kuba eine Phase der Öffnung. Kubaner durften in ihren Wohnzimmern private Restaurants mit bis zu zwölf Plätzen, die sogenannten Paladares, eröffnen. Handwerker und Bauern durften auf eigene Rechnung arbeiten, es entstanden über 200.000 kleine Unternehmen. Der Tourismus wurde zur neuen Haupteinkommensquelle ausgebaut.
Irgendwann wurde den Regierenden die wirtschaftliche Dynamik unheimlich. Vergangenes Jahr erklärte Castro den "Neureichen" den Kampf. Tausende Lizenzen für Paladares, Straßenverkäufer und Taxifahrer wurden zurückgenommen. Hotelangestellte sind angehalten, ihren Kontakt zu Touristen auf ein Mindestmaß zu beschränken. "Jede normale Aktivität ist inzwischen illegal", klagt Lazaro Gomez.
Der 34-Jährige arbeitet als Rikschafahrer am Malecón, der Promenade von Havanna, und gehört damit zu den Privilegierten: Er hat Kontakt zu Touristen, kann ihnen Essen organisieren oder Prostituierte vermitteln. Er verdient nicht schlecht damit, riskiert aber jedes Mal das Gefängnis. Aufgrund der verschärften Gesetze landen immer mehr Kubaner hinter Gittern - ein explosives Potential, das den Übergang zur Demokratie erschweren wird. "Es gibt viele offene Rechnungen", sagt Gomez düster.
Rückenwind erhält Castro durch neue Handelspartner in Lateinamerika und Asien. Die Propaganda-Stellwände auf Kuba ziert nun auch das Konterfei des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez. Im Namen der Befreiung Lateinamerikas beliefert der Venezolaner seinen kubanischen Gesinnungsgenossen mit Öl zum Vorzugspreis von 28 Dollar je Barrel. Das hat Castro unter anderem erlaubt, neue Diesel-Generatoren anzuschaffen, um die Stromausfälle abzustellen. Auch China hat großzügige Kreditlinien für Maschinen, Elektrogeräte und Krankenhaus-Apparate gewährt. Seit kurzem fahren einige nagelneue Yutong-Busse zwischen den altersschwachen Cadillacs auf Kubas Straßen.
Nachhaltig bessern wird sich die Lage dadurch kaum. Das Ende der Revolution ist weiterhin eine Frage der Zeit. Mit Castros Bruder Raúl, selbst 75 Jahre jung, stünde ein Nachfolger für Fidel bereit. Doch dass das System ohne den Charismatiker an der Spitze überleben könnte, glaubt nur die Propaganda-Abteilung. Mit Fidels Tod dürfte das Kuriosum vor der US-Küste enden. Der 80. Geburtstag lässt die Welt nun wieder spekulieren, dass es bald so weit sein könnte. Den ewigen Revoluzzer, der im Laufe der Jahrzehnte mehrfach totgesagt wurde, scheint das nur anzuspornen. Als venezolanische Journalisten ihn vor kurzem dazu bringen wollten, über seinen Nachfolger zu reden, witzelte Castro: "Wissen Sie, ich sterbe fast jeden Tag."
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