Aus Beit Lif berichtet Matthias Gebauer
Beit Lif - Die Befehle von Hisbollah-Chef Nasrallah waren eindeutig, doch dieses Mal konnte sie Commander Suliman sie nicht erfüllen. Per Funk orderte der Milizen-Befehlshaber seine Kämpfer am Samstag, die militärische Camouflage abzulegen. Nur noch Zivilkleidung und kein einziger Schuss mehr ab Montagmorgen, so die klare Parole für den Waffenstillstand. Suliman hätte gern gehorcht. "Leider habe ich nur diese eine Hose", sagt der Hisbollah-Veteran. "Was sollte ich machen?" Er grinst verlegen.
So sieht Suliman auch Tage nach Beginn des Waffenstillstands aus wie der typische Hisbollah-Kämpfer: Aus der Hose in Tarnfarbe flattert ein Sport-T-Shirt, Pistole und das krächzende Funkgerät stecken lässig im Hosenbund. Die Militärstiefel hat Suliman in den vergangenen Tagen selten ausgezogen. Um den Mann mit dem grauen Bart scharen sich seine Kämpfer, alles junge Männer, alle tragen noch ihre Waffen. Sie schauen etwas unsicher, normalerweise sollen sie nicht mit Journalisten reden. Suliman aber hat eingewilligt.
Mit Vorliebe erzählt der 46-Jährige vom Kampf gegen Israel. Bis zum letzten Moment hätten er und seine Männer gekämpft, so wie es sich gehört. "Ich habe den Befehl gegeben, bevor wir am Samstag den Hubschrauber heruntergeholt haben", sagt er und zeigt auf einen Punkt irgendwo in der Bergkette nahe der Grenze. "Es war ein erhebendes Gefühl." In den Hügeln, so zumindest die Legende hier, lägen noch tote israelische Soldaten. "Sie trauen sich nicht, sie zu holen", grient der Kommandeur.
Ob Sulimans 40 Männer tatsächlich am Tag vor Kriegsende einen israelischen Militär-Helikopter abgeschossen haben, ist nicht nachzuprüfen. Unzweifelhaft ist: Sie kämpften hart. Mit Hunderten von Bomben wollte die israelische Armee die Stellungen rund um das Dorf Beit Lif, nur etwa drei Kilometer von der Grenze, ausschalten. Glaubt man Suliman, verlor er dabei keinen einzigen Mann. "Wir haben bis zum Ende jeden Tag Dutzende Raketen in Richtung Israel gefeuert", sagt er. "Wir haben jetzt noch welche in den Lagern."
Heute aber hat Suliman ganz andere Befehle. Gemeinsam mit zehn seiner Kämpfer sammelt er am Tag zwei nach dem Ende des Krieges in dem 2500-Einwohner-Dorf Beit Lif tote Kühe mit einem Bagger ein. Danach dirigiert er eine andere Vierer-Gruppe seiner Männer durch das Bergdorf: Sie sollen mit einem Bulldozer die vom Schutt der Häuser blockierte Straße freiräumen. "Wir haben noch eine Menge zu tun", sagt er und schaut auf seine Sport-Uhr. "Wir wollen bald mit dem Wiederaufbau beginnen."
Die Schäden in Beit Lif präsentiert Hassan, so zumindest der Name, den er angibt, bei einer Dorfführung. Der 34-Jährige ist Lehrer in Beirut, im Nebenberuf Kämpfer. Während er die Schäden an einem Bauernhof zeigt, prahlt er mit seinem kämpferischen Können. Viele Israelis habe er getötet, bei einem Raketenangriff auf einen Kibbuz in den Bergen, sagt er. Nun, da der Krieg zu Ende sei, packe er noch ein bisschen mit an. Danach gehe er wieder zurück und bringe Jugendlichen Englisch bei. Es sei so wie in der Schweiz, sagt er, er sei Reservist.
Wiederaufbauhelfer im Hisbollah-Outfit, sie gehören im Südlibanon zum Straßenalltag. Überall rund um die Hafenstadt Tyrus sind es sehr oft die Kämpfer von vorgestern, die heute Straßen freimachen, Strommasten aufrichten und mit Tankwagen herumfahren. Durch die Reorganisation der Kampftruppen gelang es schnell, den Weg für Tausende Rückkehrer freizumachen. Großzügig tönt Hisbollah-Chef Nasrallah schon, man schaffe den Wiederaufbau allein.
Die Strategen der Miliz, die neben den Kampftruppen eben auch schon immer eine gesellschaftliche Organisation mit Krankenhäusern, Schulen und anderen Einrichtungen ist, werben offen mit ihren Wohltaten. "Die Hisbollah baut mit ihren Körpern die Brücke, auf der ihr wieder laufen lernt", lautet eine der gewohnt blumigen Botschaften auf riesigen Bannern über den zerbombten Straßen in Kana. "Wir bauen wieder auf, was die mörderischen Juden zerstört haben", so die nächste Nachricht.
Auch in Sulimans Dorf ist der Urheber der relativen Ordnung nicht zu übersehen: In der Dorfmitte, an einer Art Kreisverkehr mit einer ausgebombten Telefonzelle, errichteten Sulimans Männer einen wahren Schrein für Nasrallah. Wie im besten Propaganda-Video lächeln neben ihm der einstige iranische Herrscher Chomeini und sein Nachfolger im Geiste, Mahmud Ahmadinedschad, auf jeden herab, der nach Beit Lif zurückkehrt. Kinder schwenken eine Hisbollah-Fahne auf den Trümmern.
Die neue Rolle der Hisbollah bringt den Kämpfern nicht nur die Hochachtung der Bevölkerung ein. In Zivil, doch stets per Funk mit ihren Kommandozentralen verbunden, haben sie die Gebiete im Süden noch immer unter ihrer Kontrolle. Journalisten haben selten die Gelegenheit, mit ihnen zu sprechen. Fotos sind tabu - das gilt auch für Suliman. Reden aber könne man ja, sagt er. Schließlich sei er hier der Kommandeur und werde es auch bleiben.
Für den zum Helfer mutierten Kämpfer ist die Umstellung ganz normal. "Wir sind immer da, um zu helfen", fabuliert Suliman ganz im Sinne der Hisbollah-Propaganda. "Auch im Krieg haben wir nur den Menschen im Libanon gegen den Aggressor Israel geholfen, sie gegen die Angriffe verteidigt." Nun werde sich die Organisation eben um die Schäden kümmern. "Jeder hier soll das wiederhaben, was er vor dem Krieg hatte", lautet das Ziel hier in Beit Lif. In schon sieben Monaten soll das erreicht sein.
An Geld für die Mission fehlt es nicht. Seit dem Krieg gegen Israel dürfte die Hisbollah mit ihren Stiftungen und Untergruppen über mehr Spenden aus den arabischen Ländern verfügen als jemals zuvor: Die Bilder der massiven Zerstörung im Libanon haben Nasrallahs Männer zu Helden gemacht, da sie dem verhassten Staat Israel die Stirn geboten haben. Auch Suliman mangelt es zwei Tage nach Kriegsende nicht an Bargeld.
Zudem hat Nasrallahs Verein schon parat, was dringend gebraucht wird: Bagger, Baumaterial in großen Lagern und Freiwillige zum Anfassen. Bis die internationale Hilfe anläuft, wird die Hisbollah schon einiges erledigt haben. Am Donnerstag, so meldet der TV-Sender al-Manar, würden Hunderte von Fertighäusern in die Umgebung von Tyrus geliefert. Die Botschaft: Die Hisbollah kümmert sich um ihre Leute.
Selbst wer nicht zu den Sympathisanten gehört, nimmt die Hilfe an. Mitten an einer Straßenkreuzung im fast komplett zerstörten Siddik steht die 34-jährige Fatma konsterniert vor den Ruinen ihrer Existenz. Zwei Bomben haben das Haus, das ihr Mann für 150.000 Dollar baute, in ein tiefes Loch verwandelt. Im Schutz ihres Mercedes schimpft die junge Frau, im sechsten Monat schwanger, auf die Hisbollah. "Sie haben mit ihrem Irrsinn unser Leben zerstört", sagt sie.
Immer wieder schaut sich Fatma um, auch hier steuern bärtige Kämpfer die schweren Caterpillar-Bulldozer. "Jeder wusste, dass Israel angegriffen wurde", sagt sie. Auf die Frage, wer nun helfen kann, schweigt sie zunächst. "Die erste Hilfe wird die Hisbollah leisten", sagt sie dann. "Hoffentlich hilft Europa dann." Solche Hoffnungen teilen in der Region, verwüstet von Tausenden von Raketen, nicht viele. Die schnelle Hilfe der Hisbollah wird ihre Verwurzelung stärker denn je machen.
Ihre Wurzeln verleugnen Veteranen wie Suliman nicht. Vier Kriege hat er schon für die Hisbollah gekämpft, ein fünfter kann jederzeit kommen. "Sobald die Israelis hier einen Fehler machen, geht der Krieg wieder los", sagt er. "Viele von uns hätten so oder so gern weiter gekämpft und sie endgültig besiegt." Die Männer nicken, doch alle von ihnen gehorchen Nasrallahs Befehlen, den hier alle "Premierminister" nennen.
Von der Zukunft der Grenzregion und ihrer Organisation haben Männer wie Suliman ihre ganz eigene und recht einfache Vorstellung. Von einer Entwaffnung der Miliz, wie sie die Uno-Resolution, vorsieht, haben sie noch nie etwas gehört. Darauf, so der Nasrallah-Soldat, hätte sich der Scheich doch nie eingelassen. "Wenn die Hisbollah abziehen sollte, wäre die Region ja völlig leer", sagt Suliman dann und grinst breit. "Das kann doch wohl kaum das Ziel der Uno sein, oder?"
Dann macht sich Suliman wieder an die Arbeit: Er muss seine Männer anweisen - die verwesenden Kühe stinken einfach zu sehr.
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