Rom/Hamburg/Ankara - Sicherheitspolitiker und Terrorexperten befürchten, dass Papst Benedikt XVI. nach seinen umstrittenen Äußerungen über den Islam von Gewalt bedroht ist. "Es ist zu befürchten, dass die zu pauschale Kritik des Papstes am Islam irrationale Reaktionen auslöst und ihn in das Visier des islamistischen Extremismus bringt", sagte Max Stadler (FDP), stellvertretender Vorsitzender des Innenausschusses im Bundestag, der "Bild am Sonntag".
Auch Rolf Tophoven, Leiter des Essener Instituts für Terrorismusforschung, erwartet eine weitere Zuspitzung der Lage. Radikale islamistische Kräfte benutzten die Aussagen des Papstes, um die Massen in der arabischen Welt gegen den Westen und die katholische Kirche aufzuhetzen. "Auch Propaganda kann töten und fanatisierte militante Islamisten zu Aktionen gegen den Papst animieren", sagte er der Zeitung. "Die Gefährdungslage für den Papst hat sich verändert."
Hamburgs Innensenator Udo Nagel sagte, dass es "zurzeit bestimmte Proteste aus muslimischen Kreisen" gebe. "Es ist nie auszuschließen, dass sich einzelne Extremisten oder andere Einzeltäter durch diese Proteste angestachelt fühlen, Gewalt auszuüben."
Udo Steinbach, Leiter des Hamburger Orient-Instituts, hält sogar einen Mordaufruf gegen den Papst für denkbar. "Ich halte es für durchaus möglich, dass nun ein durchgeknallter Imam, der die Vorlesung des Papstes nicht verstanden hat, eine Fatwa gegen ihn ausspricht, so wie es Chomeini gegen den Schriftsteller Salman Rushdie getan hat." Der iranische Revolutionsführer hatte 1989 zur Tötung Rushdies aufgerufen, nachdem der Schriftsteller sein Buch "Satanische Verse" veröffentlicht hatte.
"Mit Karol Wojtyla wäre das nicht passiert"
Vor dem sonntäglichen Angelus-Gebet wurden die Sicherheitsvorkehrungen in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo erheblich verstärkt. Laut "Bild am Sonntag" wurde am Samstag ein Überflugverbot verhängt, das von Awacs-Flugzeugen überwacht werde. Am Luftwaffenstützpunkt Praia a Mare stehe ein Abfangjäger bereit. Die Zugangskontrollen zum Castel seien verstärkt, die Sternwarte auf dem Gelände für Besucher gesperrt worden. Der Papst wird am heutigen Sonntag um 12 Uhr bei dem Gebet erstmals seit seiner Vorlesung öffentlich auftreten.
Der Streit um die Äußerungen des Papstes hat offenbar dazu geführt, dass erstmals seit seiner Wahl im April 2005 im Vatikan Kritik an Benedikt XVI. laut wird. Die Turiner Zeitung "La Stampa" berichtete von "Missstimmung in der Kurie". Das Blatt zitiert ein Kurienmitglied mit den Worten: "Mit Karol Wojtyla (Papst Johannes Paul II.) wäre das nicht passiert."
Anlass der Proteste in der muslimischen Welt waren von Benedikt während seines Bayern-Besuchs zitierte Aussagen des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaiologos, denen zufolge der Prophet Mohammed "nur Schlechtes und Inhumanes" in die Welt gebracht habe.
Marokkanischer König zieht Botschafter ab
Nach der Empörung bei Muslimen in aller Welt ließ Benedikt mitteilen, dass er seine Wortwahl bedauere. Staatssekretär Tarcisio Bertone, der Außenminister des Vatikans, erklärte: Die Haltung des Papstes zum Islam stehe in Einklang mit der Lehre der Kirche, die "die Muslime achtet, die den einen Gott lieben". Deshalb sei der Papst "sehr bestürzt", dass Teile seiner Rede so geklungen haben könnten, dass sie die Gefühle gläubiger Muslime verletzten. Diese Passagen seien "so interpretiert worden, wie es nicht der Absicht" der Papstes entspreche, erklärte Bertone.
Der islamistischen Moslembruderschaft in Ägypten reicht das jedoch nicht aus – die Vereinigung fordert eine persönliche Entschuldigung des Pontifex. Marokkos König Mohammed VI. hat gar die Abberufung des marokkanischen Botschafters im Vatikan angeordnet und dem Papst eine Protestnote übermittelt. Wie aus Palastkreisen in Rabat verlautete, hob Mohammed VI. in dem Schreiben die Tugenden des Islams hervor.
Türkei hält an Einladung Benedikts fest
Die Türkei hält trotz des Streits an der Einladung Benedikts XVI. für Ende November fest. Aus Sicht der Türkei sei "von irgendwelchen Änderungen" am geplanten Besuch des Papstes "keine Rede", sagte Außenminister Abdullah Gül in Ankara. Die Äußerungen des Papstes bezeichnete Gül als "unglücklich", besonders zu einer Zeit, in der sich die Welt um Annäherung und Verständnis zwischen den Religionen und Kulturen bemühe.
Offenbar als Reaktion auf die Äußerungen wurden am gestrigen Samstag in den palästinensischen Gebieten fünf Kirchen angegriffen. Allein im Westjordanland wurden vier Kirchen verschiedener christlicher Glaubensrichtungen beschossen und mit Brandsätzen beworfen. Verletzt wurde niemand. Der palästinensische Innenminister Said Sijam äußerte einen verstärkten Schutz für Kirchen an. Eine Gruppe namens Löwen des Monotheismus teilte in einem Telefonanruf bei der Nachrichtenagentur AP mit, auf diese Weise solle gegen die jüngsten Äußerungen von Papst Benedikt XVI. über den Islam protestiert werden.
mbe/ddp/dpa
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