Von Marc Pitzke, New York
New York - Gepanzerte Limousinen stauen sich vor der Tür. Staatschefs flanieren über die Flure, manche in bunten Landestrachten oder fantasievollen Uniformen. Sicherheitsbeamte mit Knöpfen im Ohr drücken sich in die Ecken. Vor den elektronischen Kontrollschleusen warnt ein Schild: "Absolut keine Waffen jenseits der Checkpoints erlaubt."
Nein, dies ist nicht die Uno-Vollversammlung. Die tagt gerade sieben Avenues weiter östlich, am East River. Dieses Spitzentreffen in einem Hotel unweit des Times Square ist nicht minder hochkarätig besetzt - doch von ganz anderem Kaliber. Das merkt man schon daran, dass einem in einer Pause erst Bill und Melinda Gates über den Weg laufen und dann Hollywood-Star Anne Hathaway, im Schlepptau Boyfriend Raffaello Follieri, ein 27-jähriger Immobilienmillionär.
Bill Clinton hat gerufen, und (fast) alle sind gekommen, in dem für Clinton typischen Mix aus Macht, Geld und Glamour. Während sich US-Präsident George W. Bush drüben bei der Uno als globaler Oberlehrer profiliert, lädt sein Vorgänger zum Gegengipfel - ohne verkalkte Traditionen. "Jahrelang habe ich Konferenzen besucht", sagt Clinton, schwer an seiner post-präsidialen Staatsmannsaura schuftend, "und war immer frustriert, wie wenig da geschah."
Mini-Uno ohne strenges Protokoll und Ausfälle
Das will er ändern. Und so spannt er drei Tage lang rund 1000 Denker und Lenker für sich ein, um bei der Lösung weltweiter Probleme wie Terror, Armut und Erderwärmung Nägel mit Köpfen zu machen. Clinton Global Initiative (CGI) nennt er das, und das Timing ist clever: Etliche Staatsoberhäupter, zur Vollversammlung sowieso hier, freuen sich, den muffigen Uno-Katakomben für ein paar Stunden entkommen zu können. Allen voran Uno-Generalsekretär Kofi Annan selbst, der in der rustikalen Hotellobby sichtlich aufblüht.
So bringt Clinton im Alleingang die an einen Tisch, die sich in der Uno oft meiden. Etwa Afghanistans Präsident Hamid Karzai und seinen pakistanischen Kollegen Pervez Musharraf, den israelischen Vize-Premier Shimon Peres und Palästinenser-Sprecherin Hanan Ashrawi, den britischen Finanzminister Gordon Brown und Sinn-Fein-Chef Gerry Adams, Liberias Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf und Erzbischof Desmond Tutu.
Allein das Eröffnungssymposium mit über 50 amtierenden und ehemaligen Staatschefs im mit exotischen Pflanzen dekorierten Ballsaal ist eine Mini-Uno - ohne strenges Protokoll und Ausfälle, wie sie zur selben Stunde durch die Uno schallen, wo Venezuelas Präsident Hugo Chavez gerade Bush als "Teufel" beschimpft.
Hochkarätiges Networking
Bei Clinton geht's gesitteter zu, nicht nur auf politischer Ebene. Anspruch der CGI ist es, Politik, Privatwirtschaft und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zu vereinen - nicht durch Reden, sondern durchs Miteinander-Reden. Voriges Jahr, zur ersten CGI, kamen so über 2,5 Milliarden Dollar für globale Entwicklungsprojekte zusammen.
Da schiebt sich Medienzar Rupert Murdoch durchs Publikum, Hände schüttelnd. Da hält Virgin-Chef Richard Branson Hof, in Jeans und Sporthemd. Bill Gates, reichster Mann der Welt, plaudert mit Warren Buffett, dem zweitreichsten Mann der Welt. Madeleine Albrights orangefarbenes Zuckerwattehaar glänzt im Scheinwerferlicht, zwei Sitze weiter thront First Lady Laura Bush. Dazwischen flattert Martin Indyk, ehemals US-Botschafter in Israel, von Stuhlreihe zu Stuhlreihe, alte Freunde herzend. So ein VIP-Networking sieht man selten: "Unglaublich", ächzt selbst der Top-Ökonom Richard Sandor.
Clinton tritt ans Pult, begleitet von einer stehenden Ovation. "Wir werden die globalen Herausforderungen in kleinen Häppchen angehen", verspricht er und verweist als Beispiel auf den Treibhauseffekt, den "Genozid in Darfur" und HIV/Aids. "Vielleicht können wir die Welt so zu einem besseren Ort machen."
"Die Zeit, Brücken zu bauen"
Dann holt er Musharraf, Johnson-Sirleaf, Kolumbiens Präsident Álvaro Uribe und den EU-Außenbeauftragten Javier Solana auf die Bühne. "Wenn sie einen einzigen Wunsch frei hätten", fragt Moderator Tom Friedman ("New York Times"), um das muntere Gespräch anzufachen, "was wäre der?" Eine simple Frage, die die Uno nie stellt.
Uribe wünscht sich genug Geld, um 100.000 Farmerfamilien vom Kokainanbau abbringen zu können. Johnson-Sirleaf wünscht sich, dass sich Entwicklungshilfe nach Bedarf richte und nicht nach politischem Wind. Musharraf wünscht sich "Marktzugang zu den USA". Und Solana wünscht mehr Verständnis zwischen dem Westen und den islamischen Staaten.
Letzeres ist das Reizthema des Tages, bei der Uno wie bei Clinton. Dort lernen beide Seiten schon am ersten Tag viel von- und übereinander, ohne Manuskript und Fensterreden. "Dies ist die Zeit, Brücken zu bauen statt Brücken zu verbrennen", sagt Musharraf und gibt den Zuhörern gleich eine Nachhilfestunde über die Geschichte Pakistans als Spielball der Mächte.
33 Reden gestern, 32 Reden heute
"Diese Veranstaltung hilft, das weltweite Image der USA zu kitten", sagt Immobilienmagnat Follieri draußen im Foyer. Follieris Stiftung gab voriges Jahr 50 Millionen Dollar an die CGI und will dieses Jahr "noch drauflegen". Freundin Hathaway ("Der Teufel trägt Prada") ist "als Mensch und besorgte Bürgerin" gekommen. "Auch Hollywood", sagt sie, "kann mehr Aufmerksamkeit auf diese Fragen lenken."
Später ziehen sich alle in Gruppen zurück. Jacques Aigrain, CEO der Swiss Re, debattiert mit dem früheren Nato-Chefgeneral Wesley Clark Energiefragen. Ruandas Präsident Paul Kagame diskutiert mit Starbucks-CEO Jim Donald über Landwirtschaft in der Dritten Welt. Sri Lankas Ex-Präsidentin Chandrika Bandaranaike Kumaratunga und Mary Robinson, vormals Präsidentin Irlands und Uno-Hochkommissarin für Menschenrechte, erörtern westlich-islamische Beziehungen.
Bereits zum CGI-Auftakt kommen nach der Methode Clinton fast 680 Millionen Dollar zusammen. Darunter 500 Millionen Dollar von einer Charity-Gruppe aus Illinois zur Armutsbekämpfung und 100 Millionen Dollar vom Finanzier John Doerr für "grüne Energie". Derweil vertagt sich am anderen Ende Midtowns die Uno nach 33 Reden des gestrigen Tages auf heute, wo 32 weitere Reden auf dem Programm stehen.
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