Islamabad/London - In den vergangenen Wochen haben die Angriffe von Taliban-Kämpfern auf die internationalen Truppen in Afghanistan deutlich zugenommen. Nach dem Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan, das in Afghanistan morgen erwartet wird, bereiten die islamistischen Kämpfer nun massive neue Attacken vor. Der nach den Anschlägen vom 11. September 2001 untergetauchte Taliban-Führer Mullah Omar, der neben Osama bin Laden als einer der meistgesuchten Terroristen der Welt gilt, kündigte eine militärische Offensive an. "Mit Allahs Gnade wird der Kampf um ein Vielfaches verstärkt und viel organisierter werden", prophezeite er laut einer am Sonntag von der Nachrichtenagentur NNI in Pakistan verbreiteten E-Mail-Botschaft. Die Nato, die die Internationale Schutztruppe Isaf führt, solle Afghanistan im eigenen Interesse verlassen.
"Ich bin zuversichtlich, dass die Kämpfe für viele eine Überraschung sein werden", sagte Mullah Omar und rief seine Anhänger zur Einheit auf. "Ich bin zuversichtlich, dass die Amerikaner so wie die Sowjets geschlagen werden." Die Rote Armee war nach massivem Widerstand Ende der achtziger Jahre aus Afghanistan abgezogen.
Die "so genannte Demokratie" in Afghanistan erklärte Mullah Omar für gescheitert. "Dem Regime in Kabul ist es nicht gelungen, Sicherheit oder Frieden zu schaffen und (den Anbau von) Drogen zu kontrollieren." Die Regierenden in Afghanistan, von denen viele nach dem Sturz der Taliban Ende 2001 aus dem Exil zurückgekehrt waren, seien tatsächlich Fremde, weil sie mit ausländischen Kulturen und Ideen nach Afghanistan zurückgekommen seien.
Taliban setzen nun auf Selbstmordattentate
Laut einem Bericht der britischen Zeitung "Sunday Times", die sich auf afghanische und westliche Geheimdienstquellen beruft, bereiten die Taliban eine neue Kampftaktik vor: Weil ihre bisherigen versuche, die ausländischen Truppen aus dem Land zu drängen, nicht erfolgreich waren, setzen die islamistischen Kämpfer demnach nun verstärkt auf Anschläge und Selbstmordattentate. Einzelne Kämpfer bildeten Zellen in afghanischen Städten und bereiteten dort die Attacken vor. Der Süden Afghanistans könne sich "in einen zweiten Irak verwandeln", zitiert das Blatt einen Diplomaten in Kabul.
Seit dem Zusammenbruch des Taliban-Regimes im Dezember 2001 bis zum vergangenen Jahr hatte es in Afghanistan nur fünf registrierte Selbstmordanschläge gegeben. In diesem Jahr waren es dagegen bereits 81, die mehr als 700 Menschen töteten oder verletzten.
Laut "Sunday Times" haben nun 35 Taliban-Kämpfer heimlich afghanische Städten infiltriert, um dort nach Ende des Ramadans zeitgleich Anschläge zu verüben. Ihre Hauptziele seien Ausländer, vor allem Nato-Konvois.
Diese Taktik scheinen auch andere Taliban-Kämpfer jetzt bereits verstärkt anzuwenden. Laut Isaf-Angaben wurde am Samstag eine ihrer Patrouillen in der südafghanischen Provinz Sabul angegriffen. Die Soldaten der Schutztruppe hätten daraufhin 15 radikal-islamische Rebellen getötet. Isaf-Soldaten seien nicht zu Schaden gekommen.
Der frühere Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte, Peter Inge, warnte unterdessen vor einer militärischen Niederlage in Afghanistan. "Ich fürchte, dass wir ein Scheitern unseres Einsatzes riskieren, wenn wir in Afghanistan nicht vorsichtig sind", sagte der Feldmarschall nach einem Bericht der britischen Sonntagszeitung "The Observer". Zugleich warf er dem Westen vor, weder in Afghanistan noch im Irak eine klare Strategie zu haben.
har/dpa
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