• Drucken
  • Senden
  • Feedback
03.11.2006
 

Kandidatur von Irak-Veteranen

Siegeszug einer Kriegsversehrten - Niedergang eines Bush-Soldaten

Von Marc Pitzke, New York

Im US-Wahlkampf kandidieren erstmals Irak-Veteranen für den Kongress. Darunter ein Republikaner, der den Krieg verteidigt - und eine Demokratin, die dagegen kämpft: Sie hat im Irak beide Beine verloren. Er ist chancenlos, sie Favoritin. Ein Sinnbild für den Meinungswandel der Nation.

New York - Van Taylor, 34, war einer der ersten US-Soldaten im Irak. Noch vor Beginn der Invasion stieß der Reservist 2003 mit den Marineinfanteristen bis hinter die Feinlinien vor. Er überlebte etliche Fedajin-Hinterhalte, rettete verwundete Kameraden und war nach eigenen Angaben an der Befreiung der Soldatin Jessica Lynch beteiligt, die das Pentagon zur Propagandaheldin verklärte. Er erkämpfte sich drei Orden, kehrte nach vier Monaten unversehrt heim und machte in Immobilien.

Auch Tammy Duckworth, 38, diente im Irak. Eineinhalb Jahre nach Taylor war sie als Hubschrauberpilotin der Nationalgarde eingesetzt. Im November 2004 wurde ihr Black Hawk von einer Panzerabwehrrakete getroffen. Duckworth verlor beide Beine und beinahe den rechten Arm. Sie verbrachte 13 Monate in einer Rehabilitationsklinik, lernte mühsam mit Prothesen wieder laufen und bekam das "Purple Heart", den automatischen US-Orden für Verletzung oder Tod an der Front.

Zwei Irak-Veteranen, zwei Erfahrungen wie Tag und Nacht. Van Taylor und Tammy Duckworth symbolisieren die Pole des Irak-Kriegs: Taylor den frühen Optimismus, die Suche nach Heldentum, den Befreiergeist - Duckworth die spätere Resignation, das kafkaeske Leiden, die zerstörten Illusionen.

Zwischen diesen beiden Polen spannt sich die ganze Geschichte.

Jetzt haben sie diese so konträren Sichtweisen wieder in eine gemeinsame Arena zusammengeführt. Beide kandidieren im US-Wahlkampf für den Kongress - die Vertreter der ersten Generation von Irak-Veteranen, die ihre Erlebnisse politisch zu bewältigen suchen.

Den Republikaner im Blut

Bezeichnend ist, für wen sie kandidieren und wie es ihnen damit ergeht. Taylor, für den der Krieg weiter patriotische Pflicht und Freude ist, kandidiert für die Republikaner im texanischen Wahlkreis 17 - in dem auch Präsident Bushs Ranch liegt. Kriegsbefürworter Taylor liegt in den Umfragen so weit zurück, dass ihm die eigene Partei jetzt den Geldhahn zugedreht hat.

Duckworth, die den Krieg heute als "großen Fehler" bezeichnet, kandidiert für die Demokraten im Wahlkreis 6 in Illinois, den der Republikaner Henry Hyde über drei Jahrzehnte lang gehalten hat. Kriegsgegnerin Duckworth liegt in den Umfragen weit vorn. Sie ist zu einem Aushängeschild der Partei geworden.

Mehr braucht man nicht zu wissen, um die Dynamik dieses Wahlkampfes zu verstehen.

Insgesamt acht Irak-Veteranen bewerben sich am Dienstag erstmals um Einzug ins US-Abgeordnetenhaus. Nur einer von ihnen, Van Taylor, ist Republikaner. Die anderen sind Demokraten. Auch das sagt viel über die Stimmung.

Van Taylor hat den Republikaner im Blut: Er kommt aus dem tiefsten Bush-Land. Geboren im texanischen Midland, demselben Ölkaff, in dem der spätere Präsident aufwuchs, bekam er einst sein Pfadfinder-Abzeichen von Bush angesteckt. Er besuchte die Harvard-Uni und diente zwischendurch vier Jahre bei den Marineinfanteristen. Nach dem 11. September 2001 meldete er sich, inzwischen Reservist, freiwillig in den aktiven Militärdienst zurück.

Persönlicher Einsatz von Bush

Über seinen Irak-Einsatz sind aber nur dürre Fakten bekannt. Auch Taylor selbst beruft sich nur auf den offiziellen Wahlkampf-Lebenslauf, den ihm die Partei geschrieben hat. Darunter seine "Beteiligung" an der "Aufspürung" der von Irakern entführten Jessica Lynch. Lynch war im März 2003 bei einem Hinterhalt verschwunden. Eine Woche später wurde sie aus einem Krankenhaus befreit - ein Ereignis, das die Regierung monatelang ausschlachtete.

Nach seiner Rückkehr gründete Taylor in Texas eine erfolgreiche Immobilienfirma, die ihn zum Millionär machte. Im Sommer 2005 habe ein Freund eine Kongresskandidatur angeregt, so geht Taylors Geschichte weiter. "Ermutigt" hätten ihn die Parteiführer seines Bezirks (in dem neben Bushs Ranch auch die konservative Universität Texas A&M liegt).

"Ermutigt" ist oft ein Codewort für "rekrutiert". Die Lokalzeitung "Waco Tribune-Herald" lästerte, er sei "frisch gebügelt von der Politmaschine ausgeliefert" worden, als Stimmenköder. Taylor nennt seine Kandidatur eine "historische Gelegenheit": "Wir müssen doch Leute nach Washington schicken, die den Krieg gegen den Terror verstehen. Wir müssen Leute wie mich nach Washington schicken."

Die Partei gab dem Prärie-Bezirk 17 anfangs eine Spitzen-Priorität. Schließlich ist der Landsitz des Präsidenten seit vielen Jahren fest in demokratischer Hand. Bush verwandte sich persönlich für Taylor, nannte ihn einen "überragenden Führer und ordensdekorierten Gefechtsveteran", First Lady lobte ihn Laura Bush ihn als "liebenden Vater" lobte.

Irak-Story mit Zeitgeist

Im Wahlkampf vertritt Taylor bis heute die harte Bush-Linie zum Irak, allen Umfragen zum Trotz. "Wir müssen im Irak bleiben, bis wir den Job erledigt haben", sagt er. Der Irak sei zentral im Krieg gegen al-Qaida: "Wenn wir sie nicht dort bekämpfen, müssen wir sie eines Tages hier bekämpfen." Das ist O-Ton Bush.

Doch Taylors Story ist die Story von gestern. Trotz scharfer Fernsehwerbespots kann er seinem Rivalen Chet Edwards, der den Bezirk seit 16 Jahren hält, bisher wenig anhaben. Edwards verhöhnt ihn als "Frischling", punktet mit seiner Erfahrung in kommunalen Sorgenfragen. Ein Fernsehauftritt beim MSNBC-Talker Chris Matthews ging völlig daneben: Matthews spottete, Taylor habe nichts als "Talking Points" zu bieten.

Jetzt strich ihm die Partei 1,5 Millionen Dollar für weitere Werbung, um das Geld lieber in Rennen anderswo zu stecken. "Sie haben ihn abgeschrieben", sagt der texanische Politologe Tom Myers. Insgesamt musste Taylor bisher 775.000 Dollar aus eigener Tasche in seine Wahlkampfkasse überweisen, um liquide zu bleiben. In der jüngsten Umfrage landete er bei 33 Prozent - und Edwards bei 54 Prozent.

Einfach weitermachen wollen

Da hat es Tammy Duckworth besser. Ihre Irak-Story trifft den Zeitgeist: Sie begann hoffnungsvoll, mündete in ein Blutbad - und endet schließlich in Schmerz und Umkehr.

Duckworth kommt aus einer Militärfamilie. Ihr Vater, ein Vietnam- und Koreaveteran, war lange in Südostasien stationiert, für die Armee und die Uno. Ihre Mutter war Thailänderin. Sie selbst wurde in Bangkok geboren und wuchs in Hawaii auf, wo sie auch studierte. Später ging sie nach Washington und dann nach Chicago, um dort an ihrem Doktortitel in Politik zu arbeiten.

Schon 1992 schrieb sich Duckworth als 24-Jährige in die US-Nationalgarde ein. Sie besuchte neben ihrem Studium die Flugschule und wurde Hubschrauberpilotin - einer der wenigen Gefechtsjobs der Armee für Frauen.

Mit Ausbruch des Irak-Kriegs wurde sie an die Front berufen. Am 12. November 2004 kam ihr Black Hawk in der Luft unter Feuer. Die Raketengranate riss ihr ein Bein ab, zerfetzte das andere und zerschmetterte ihren rechten Unterarm. Das Letzte, woran sie sich erinnerte, bevor sie das Bewusstsein verlor, war das Gras, auf das sie stürzte. Da hatte sie schon so viel Blut verloren, dass ihre Freunde sie für tot hielten.

Acht Tage später wachte sie auf - im Walter Reed Army Medical Center in Washington. Die Ärzte hatten ihr beide Beine amputiert. Ihr Mann Bryan, ein Offizier, ließ sie nicht alleine. Sie ertrug Dutzende Operationen und ein Jahr physische Therapie. Sie habe nicht geweint, sagt sie. Nur weitermachen wollen.

Widmung von Bob Dole

Der frühere republikanische Präsidentschaftskandidat Bob Dole, der sie besuchte, war so angetan, dass er ihr seine Biografie "One Soldier's Story" widmete: "Für Oberst Tammy Duckworth, eine tapfere Frau." Es war auch Dole, selbst Kriegsveteran, der sie zur Politik inspirierte - dann allerdings ihren Gegner unterstützte, als sie als Demokratin antrat.

Die Parteispitze der Demokraten warb sie als Kandidatin, noch während sie im Hospital lag, wieder laufen lernte und begann, Reden für Kriegsversehrte zu halten. Ihr Wahlbezirk in Illinois bot sich zur Übernahme an: Henry Hyde, bekannt als Impeachment-Chefankläger gegen Bill Clinton, wollte in Pension gehen.

Hillary Clinton und John Kerry bedrängten sie. Schließlich willigte sie ein, kurz nachdem ihr Vater auf dem Soldaten-Ehrenfriedhof Arlington beerdigt worden war. "Mir wurden im Irak die Beine abgesprengt", sagte sie damals, "und deshalb werden mir die Leute zuhören."

Was sie nun zu sagen hat, trifft das Herz der Amerikaner. Die Nation wendet sich allmählich gegen den Krieg. Sie sagt: Sie habe den Irak-Krieg immer abgelehnt, sei nur aus Pflichtgefühl an die Front gegangen. Eine schnelle Lösung gebe es nun nicht: "Wir haben es verdorben und müssen es richten." Die Forderung nach einem gestaffelten Abzug, die auch sie vertritt, sei kein Zeichen von mangelndem Patriotismus, was Bush oft behauptet. Duckworth: "Mein Dienst im Irak ist Zeugnis genug für meinen Patriotismus."

"Hallo, ich bin die Irak-Veteranin"

Ende September wurde Duckworth sogar von der Partei ausgewählt, um die demokratische Antwort auf Bushs samstägliche Radioansprache zu geben. "Mein Helikopter wurde abgeschossen, lange nachdem Sie 'Mission erfüllt' erklärt hatten", sagte sie an Bushs Adresse. Aus ihrem Mund war das eine vernichtende Anklage.

Und so landete sie im "am meisten beachteten Bezirks-Wahlkampf der Nation", so nannte es der "Chicago Daily Herald". Ihr Republikaner-Konkurrent Peter Roskam lag anfangs gleichauf. Unter anderem mit Fernsehwerbung versuchte er, sie als Linke und Strohfrau der Partei zu brandmarken.

Doch wenn Duckworth vom Irak redet, dann sehen während ihrer Rede alle Zuschauer immer auch ihre Beinprothesen - das wirkt. Sie tröstet andere Veteranen, Witwen, Eltern, die Kinder verloren haben. Sie stellt sich stets mit den Worten vor: "Hallo, ich bin die Irak-Veteranin, ich wurde da verletzt."

In der jüngsten Umfrage führte sie mit 54 zu 40 Prozent.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Kongresswahlen in den USA 2006

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP