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05.11.2006
 

US-Wahlkampf

Die letzte Schlacht von "Karl dem Großen"

Von Georg Mascolo, Washington

Viele Republikaner haben den Glauben an einen Sieg bei den US-Kongresswahlen am Dienstag schon verloren. Einer ganz sicher nicht: Karl Rove, der wohl wichtigste Berater von Präsident Bush. Der Profi-Wahlkämpfer gilt als genial und gemein.

Vergangene Woche im Oval Office: John Boehner, Mehrheitsführer der Republikaner im Abgeordnetenhaus trägt dem Präsidenten vor. Es sieht schlecht aus, sagt er und rasselt eine lange Liste schon verloren geglaubter Wahlkreise auf. Sie ist überall, die Angst vor einem Erdrutschsieg der Demokraten.

Da öffnet sich die Tür, ein Herr mit schütterem Haar und leichtem Bauchansatz tritt ein, unter dem Arm eine dicke Mappe mit den neuesten Umfrageergebnissen. Karl Rove ist ein wahrer Optimist, einer der selbst den mutlosen Boehner wieder aufrichtet.

Der Präsident und sein Chefstratege: "Wir gewinnen"
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REUTERS

Der Präsident und sein Chefstratege: "Wir gewinnen"

"Wir gewinnen, ich kenne die Zahlen", behauptet Bushs Chefstratege in diesen Tagen immer und immer wieder. Je eindeutiger die Meinungsforscher den Verlust des Abgeordnetenhauses (sicher) und des Senates (möglich, aber nicht wahrscheinlich) prognostizieren, umso heftiger hält Rove dagegen. „Wir gewinnen", sagt auch George W. Bush, der in diesen Tagen durch Missouri, Nevada und Iowa tourt. Aber sein Reiseplan legt die heimlichen Sorgen des Weißen Hauses offen: Nicht in den umkämpften Wahlkreisen in Ohio, Pennsylvania, oder Connecticut, tritt Bush an, sondern im republikanischen Kernland. Der Präsident wird gebraucht, um die zweifelnde Basis zu mobilisieren.

Es ist seine letzte große politische Schlacht und niemand war für Bushs politischen Aufstieg entscheidender als Rove. Eine Niederlage am kommenden Dienstag wäre ebenso ein Debakel für den Präsidenten, wie für seinen „Boy Genius.“ Nicht weniger als eine paar Jahrzehnte republikanischer Dauerherrschaft in einem immer konservativer werdenden Amerika hatte er der Partei noch 2004 vorausgesagt.

Die Siege tragen seine Handschrift

Die letzten großen Siege, vor allem Bushs Wiederwahl 2004, tragen seine Handschrift, „Karl der Große“ wird er im Weißen Haus ehrfürchtig genannt und wo er auftritt, feiert ihn die Partei wie einen Hollywood-Star. Nach Bush, Gattin Laura und Vizepräsident Dick Cheney, ist er der erfolgreichste Spendensammler.

Der Autodidakt Rove gilt als ebenso genial wie gemein. Nicht nur seine politische Brillanz, sondern dass er ohne „ethische Grenzen" sei, mache ihn für Bush unverzichtbar, schrieb einmal die „Washington Post". Natürlich sind auch die diesjährigen Wahlspots, die demokratische Kandidaten als heimliche Helfer Bin Ladens karikieren, wieder seine Idee.

Bei der einzigen Wahl, bei der Rove je selbst antrat, gab es Fälschungsvorwürfe. Mit 19 stahl er aus dem Büro eines demokratischen Abgeordneten Briefbögen und fälschte eine Einladung für „Freibier, Mädels und eine gute Zeit für lau“. 1973 begegnete er am Vorabend des Erntedankfestes Bush, Rove soll ihm die Schlüssel für Papas Wagen bringen. Es ist der Beginn ihrer politischen Symbiose. „Polit-Junkies wie ich warten ein Leben lang darauf, mit einem Typen wie ihm zusammenzuarbeiten“, beschrieb Rove das Verhältnis einmal.

Demokraten werden noch einmal nervös

Auf niemanden in der nervösen Partei richten sich jetzt so große Hoffnungen wie auf Rove, sein Optimismus befeuert die Republikaner und macht die Demokraten so kurz vor dem schon sicher geglaubten Sieg noch einmal nervös. Es ist noch nicht vorbei, mahnte gerade Demokratenchef Howard Dean per E-Mail seine Funktionäre.

Die Zahlen lassen die Demokraten übermütig werden, Charlie Cook, der Großmeister der Demoskopen, sieht gar ein mögliches „Armageddon“ für die Republikaner. Rove will davon nichts wissen. Und natürlich bestreitet Bushs bester Mann, dass die Siegesgewissheit nur dazu dient die eigene Basis nicht zu entmutigen.

Erst mit diesem Wochenende beginnt für Rove die entscheidende Schlacht, die Mobilisierung der eigenen Wählerschaft soll den Sieg bringen. Das war stets Roves Schlüssel zum Erfolg. Seit Wochen bearbeitet er religiöse Führer und die Vorsitzenden konservativer Verbände - die Botschaft ist schlicht: Wenn ihr mit uns auch unzufrieden seit, mit den Demokraten wird es doch noch schlimmer.

Operation "Get out the Vote"

In diesen Stunden startet „Get out the Vote,“ eine 72-stündige Operation, die konservative Wähler zu den Urnen bringen soll. Die Idee für diese Strategie stammt ursprünglich von den Demokraten, aber erst von Rove wurde sie zur Perfektion weiterentwickelt.

Eine riesige Datenbank der Amerikaner steht zur Verfügung, aus öffentlichen Registern, den Angaben von Telefonumfragen und kommerziellen Daten wurden Listen der politischen und persönlichen Vorlieben der Wähler erstellt: Rove weiß, wer ein Snowmobil besitzt, seine Kinder auf eine private Schule schickt, oder ein Waffen-Magazin bezieht. Das ist seine Klientel.

Für jeden Bezirk, jeden Block, jede Straße, liegen Listen möglicher Wähler bereit. Nicht auf bezahlte Helfer, sondern ausschließlich auf Freiwillige setzt Rove, um sie zu den Urnen zu bringen: „Die Leute merken, ob jemand zwölf Dollar als Wahlkampfhelfer kassiert, oder ob der Nachbar kommt.“

Die Freiwilligen hängen am Telefon und klopfen an Haustüren, aus Washington sind hunderte erfahrene Campaigner als Aufpasser angerückt. Die so genannten „Marshalls“ sollen darauf achten, dass die Freiwilligen, auch keinen Wähler vergessen. „Es funktioniert, verspricht Karl Rove, „das hat Bush die Präsidentschaft gebracht und gesichert.“

Bush will bis zur letzten Minute Wahlkampf machen und am Dienstag in der Feuerwehrstation in Crawford, Texas, wählen. Und Karl Rove wird die nächsten Tage unablässig am Telefon verbringen und sicherstellen, dass seine Armee von Wahlhelfern niemanden da draußen in Amerika vergisst.

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