Berlin - Es ist weder ein Geheimnis noch etwas Neues, dass al-Qaida nach Bomben strebt, die noch gefährlicher sind als konventionelle Sprengsätze: "Seit mindestens zehn Jahren", so das Ergebnis der 9/11-Komission der USA, versuche al-Qaida an Massenvernichtungswaffen heranzukommen. Dennoch sind die aktuellen Einschätzungen des britischen Außenministeriums, die der "Guardian" jüngst wiedergab, Besorgnis erregend: "Wir wissen, dass es das Bestreben gibt. Wir wissen, dass es Bemühungen gibt, die Materialien zu bekommen. Wir wissen, dass es Bemühungen gibt, die Technologie zu bekommen".
Das britische Außenministerium habe "jede Menge Geschwätz" über den Erwerb von Massenvernichtungswaffen auf islamistischen Websites gefunden, berichtet der "Guardian". Es bestehe "kein Zweifel", dass al-Qaida nach der Atombombe strebe.
Osama Bin Laden, der Gründer und Chef al-Qaidas, hat die Beschaffung von Massenvernichtungswaffen bereits vor Jahren als "Pflicht" bezeichnet. Westliche Geheimdienste sind sicher, dass eine Qaida-Delegation sich aus diesem Grund schon 2001 mit Vertrauten des pakistanischen Atomwissenschaftlers Noor Khan traf, um den kürzesten Weg zur Bombe auszuloten. Noor Khan hatte jahrelang einen schwunghaften Schwarzmarkthandel mit Nuklear-Knowhow betrieben.
Geschwächte Organisation
Und nicht nur der "Vater der pakistanischen Bombe" wäre offenbar bereit gewesen, sein Wissen mit den Dschihadisten zu teilen: Als Islamisten getarnt sollen britische Agenten andere pakistanische Nuklearexperten angegangen sein. Mindestens zwei seien zu allem bereit gewesen, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" Anfang dieses Jahres. Dass Bin Laden oder seine Gefolgsleute Skrupel hätten, eine solche Waffe einzusetzen, kann man getrost ausschließen.
Allerdings ist al-Qaida als Organisation in der Folge des weltweiten "Kriegs gegen den Terrorismus" deutlich geschwächt worden. Zwar mag die Zahl der Anhänger, Aktivisten und Sympathisanten gestiegen sein - das verfügbare Geld, die Zahl trainierter Kader und hochrangiger Logistiker ist aber mit Sicherheit gesunken. "Ich sehe derzeit keine organisatorische Einheit innerhalb al-Qaidas, die das leisten könnte", sagt deshalb der Terrorexperte Guido Steinberg von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik.
Der "Guardian" berichtet in seinem Beitrag weiter, die Experten des Außenministeriums hätten auf dschihadistischen Internetseiten jede Menge Hinweise auf Interesse an Nuklearwaffen gefunden. Genau hier, im anonymen Internet, offenbart sich freilich, was Steinberg anspricht: Dass nicht überall al-Qaida drin ist, wo al-Qaida drauf steht. Tatsächlich sind sogar Anleitungen zum Bau von Atomwaffen im dschihadistischen Internet keine Seltenheit. Eine komplette "Nuklear-Enzyklopädie" wurde etwa im November 2005 verbreitet.
Loses Netzwerk
Aber selbst, wenn diese Anleitungen funktionieren, müssen Knowhow und Material immer noch zusammengebracht werden. Vor 2001, als al-Qaida eine straff geführte und finanzstarke Organisation war, war das einfacher als es heute wäre, da al-Qaida immer mehr zu einem losen Netzwerk wird, in dem der eine Aktivist den anderen oftmals gar nicht mehr kennt. Geheimdienstexperten gehen zudem davon aus, dass Bin Ladens Privatvermögen ebenfalls nicht mehr zur Verfügung steht, weil die Kontrolle der Geldflüsse zu effektiv geworden ist. Ohne viel Geld aber keine Atomwaffe - das dürfte klar sein.
Experten halten aus diesen Gründen auch gar nicht so sehr einen von Dschihadisten entwendeten russischen Atomsprengkopf oder gar eine eigene Atombombe für die größte Gefahr, sondern vielmehr eine viel einfacher herzustellende oder zu beschaffende "schmutzige Bombe" - eine herkömmliche Bombe, die mit strahlendem Material vermischt wurde.
In der vergangenen Woche war der britische al-Qaida-Kämpfer Dhiren Barot in London zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er hatte Bombenanschläge auf die New Yorker Börse und verschiedene Ziele in Großbritannien geplant - unter anderem mit einer "schmutzigen Bombe", also radioaktiven Sprengsätzen. Für Al-Qaida- und Dschihad-Kämpfer sei es ein "Triumph", wenn es zu solchen Nuklearangriffen komme, wird ein hoher Mitarbeiter des britischen Außenministeriums vom "Guardian" zitiert.
Das Ausmaß des potenziellen Schadens ist schwer zu schätzen. Einige Fachleute glauben jedoch, dass mehrere Quadratkilometer einer betroffenen Stadt auf Jahrzehnte unbewohnbar wären, und neben den unmittelbaren Opfern auf Jahre hin viele Krebstote zu erwarten wären. Der psychologische Effekt wäre immens. Dass al-Qaida oder eine andere Organisation eine solche Bombe zusammenschrauben kann, gilt als gesichert. Es ist, das sagen auch deutsche Sicherheitsexperten hinter vorgehaltener Hand, vielleicht wirklich nur noch eine Frage der Zeit, bis eine solche Explosion stattfindet.
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