Mittwoch, 10. Februar 2010

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20.11.2006
 

Generalmajor Almog

"Israels Armee ist in einer Führungskrise"

Israel wird von Selbstzweifeln geplagt: Besonders schlimm empfindet das Land die Unzulänglichkeiten, die die Armee in den vergangenen Monaten offenbart hat. Generalmajor Doron Almog leitet eine Untersuchungskommission. Mit SPIEGEL ONLINE spricht er über die Mängel bei den Streitkräften.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Kommission untersucht die Verantwortung der Armee für die Entführung zweier Soldaten im Juli durch die Hisbollah. Welche Fehler wurden gemacht?

Israels Generalmajor lAlmog: "Viele Offiziere haben das Gefühl, dass die Armee mehr kann als sie gezeigt hat"
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AFP

Israels Generalmajor lAlmog: "Viele Offiziere haben das Gefühl, dass die Armee mehr kann als sie gezeigt hat"

Almog: Der für den Grenzabschnitt zuständige Brigadegeneral Gal Hirsch hatte den Befehl ausgegeben, Entführungen zu verhindern. Er hatte sogar ein Konzept entwickelt. Aber er hat es versäumt sicherzustellen, dass dieser Plan auch von seinen Untergebenen umgesetzt wird. Er hat doppeldeutige Signale an seine Offiziere gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Was genau meinen Sie?

Almog: Einerseits sollten sich die Soldaten so weit wie möglich von der Grenze fernhalten. Patrouillenfahrten nahe an der Grenze waren nur in gepanzerten Fahrzeugen erlaubt. Andererseits sind Kommandeure dort in ungepanzerten Wagen herumgefahren, einer sogar am Wochenende mit seiner Frau.

SPIEGEL ONLINE: Mit Ihrem Zwischenbericht haben Sie die Kameraden der entführten Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev verärgert. Sie behaupten, die Patrouille habe sich benommen "wie auf einem Ausflug".

Almog: Genau so war die Stimmung. Nur tragen die Soldaten daran keine Schuld. Sie haben nach den bestehenden Anweisungen gehandelt. Die Reservisten kamen aus ihren bürgerlichen Berufen, zogen sich ihre Uniformen an und begannen ihren Reservedienst. Als sie sich auf die Patrouillenfahrt begaben, waren sie nicht richtig vorbereitet. Sie waren Opfer der zweideutigen Befehlskultur, die ich beschrieben habe.

SPIEGEL ONLINE: Der von Ihnen kritisierte Brigadegeneral Hirsch ist bereits zurückgetreten. Wird es weitere Rücktritte geben?

Almog: Ich will mich dazu jetzt nicht äußern, denn wir haben die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen. Nur soviel kann ich sagen: Wir werden weitere Empfehlungen aussprechen, auch was bestimmte Personen angeht. Zu einer starken Armee gehören auch starke Kommandeure, die den Mut haben zu sagen: Ich habe einen Fehler gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Kann Generalstabschef Dan Halutz im Amt bleiben?

Almog: Das ist seine persönliche Entscheidung. Diese Frage ist derzeit zu sensibel, um sie zu beantworten.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist der Schaden für die Armee?

Almog: Die Armee befindet sich in einer doppelten Krise, einer professionellen und einer Führungskrise. Die rührt von den Erwartungen der Bevölkerung an den Libanon-Krieg her. Im Zentrum der Krise steht die Funktionsweise der Armee, aber es geht auch um die Entscheidungsabläufe auf der politischen Ebene. Viele Offiziere haben das Gefühl, dass die Armee mehr kann, als sie gezeigt hat.

SPIEGEL ONLINE: Was waren die Fehler?

Almog: Es fehlte die Vorbereitung auf einen solchen Krieg. Die Geheimdienste hätten Informationen über die Stützpunkte und die Raketen der Hisbollah sammeln müssen und die Armee hätte einen klaren Operationsplan entwickeln müssen. Den muss man dann in einer Simulation testen. Bei der Luftwaffe wurde das gemacht, das Heer aber war auf den Krieg nicht vorbereitet. Es war mit der Bekämpfung des Terrors in den Palästinensergebieten beschäftigt.

SPIEGEL ONLINE: Hat die israelische Politik die Hisbollah unterschätzt?

Almog: Nasrallah hat unseren Abzug aus dem Südlibanon im Sommer 2000 als Zeichen der Schwäche interpretiert. Wir haben zwei große Fehler gemacht. Wir hätten vor dem Abzug eine Offensive gegen die Hisbollah starten sollen. Und wir hätten darauf drängen sollen, dass die Uno eine Pufferzone einrichtet und der Hisbollah nicht erlaubt, bis an unsere Grenze vorzurücken. Nasrallah hat unseren Abzug als Zeichen dafür gewertet, dass wir nicht mehr bereit sind zu kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Woher nehmen Sie diese Erkenntnis?

Almog: Einige Monate nach dem Abzug, im Oktober 2000, entführte die Hisbollah mehrere unserer Soldaten. Obwohl der damalige Premierminister Ehud Barak vor dem Abzug gedroht hatte, dass von nun an die israelische Antwort auf Angriffe der Hisbollah ungleich härter ausfallen würde, hat er die Armee zurückgehalten. Daraus hat Nasrallah die Lehre gezogen, dass man Israel mit Entführungen in die Knie zwingen kann.

SPIEGEL ONLINE: Daran wird der Krieg in diesem Jahr nicht viel geändert haben.

Almog: Unser Land ist von muslimischen Ländern umringt. Der fanatische Islam befindet sich im Aufstieg. Unser Abschreckungspotenzial ist da ein sehr wichtiger Faktor. Wenn wir Nasrallah unsere Stärke gezeigt hätten, hätte das vielleicht abschreckend auf andere gewirkt. Dann würde der syrischen Präsident Assad jetzt nicht vom nächsten Krieg reden. Und vielleicht würde auch Ahmadinedschad anders reden und die Palästinenser hätten auch eine andere Botschaft erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Aus Sicht der Israelis sind alle Versuche, den Konflikt mit den Palästinensern zu lösen, gescheitert. Die Rechten haben lange geglaubt, sie könnten den Konflikt ignorieren. Die Linken setzten auf Verhandlungen und scheiterten und auch den dritten Weg, einen einseitigen Rückzug aus dem Westjordanland, hat Premierminister Ehud Olmert schon wieder begraben. Ist der Konflikt unlösbar?

Almog: Ich halte die Idee einer Trennung zwischen Israel und den Palästinsern noch immer für richtig. Es ist nicht die Aufgabe politischer Führung, einfach nur im Strom der Ereignisse zu schwimmen und den Status quo zu bewahren. Die politische Führung muss die Initiative ergreifen.

Das Interview führte Christoph Schult

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