Caracas - Der Mann im roten Hemd ist lateinamerikanischer Rekordhalter an der Urne: Zum siebten Mal seit seinem ersten Sieg 1998, so rechnete die konservative kolumbianische Zeitung "El Tiempo" vor, hat Venezuelas Hugo Chávez einen überwältigenden Wahlsieg eingefahren. In drei Präsidentschaftswahlen, diversen Referenden über die neue Verfassung und einem Plebiszit über seine Amtsführung hat sich die Opposition bislang vergeblich bemüht, den charismatischen Caudillo in Rente zu schicken.
Seine Siegesrede vom Balkon des Präsidentenpalasts Miraflores beendete Chávez wie sein Freund Fidel Castro, dem er auch diesen Triumph gewidmet hat: "Hasta la victoria siempre!", "Auf ewig zum Sieg!", rief er bei strömendem Regen in die tobende, jubelnde Menge zu seinen Füßen.
Droht jetzt in dem Ölstaat Venezuela die Einrichtung einer sozialistischen Diktatur nach dem Vorbild Kubas? Er wolle seine "bolivarianische Revolution" auf dem Weg zum "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" vorantreiben, kündigte Chávez an. Seine Partei kontrolliert das Parlament, nachdem die Opposition an den Wahlen im vergangenen Jahr nicht teilgenommen hatte – ein schwerer Fehler, wie Oppositionspolitiker heute hinter vorgehaltener Hand bekennen. Der Oberste Gerichtshof ist mehrheitlich mit Chávez-freundlichen Richtern besetzt, im kommenden Jahr will er ausländische NGOs an die Kandare nehmen.
Doch gleichzeitig herrscht in Venezuela Pressefreiheit. In keinem anderen lateinamerikanischen Land machen Fernsehsender und Zeitungen so offen Opposition gegen den Präsidenten wie in Venezuela, es gibt keine politischen Gefangenen, und das Wirtschaftssystem ist so kapitalistisch wie eh und je.
Erstmals sendet Chávez jetzt auch freundliche Signale nach Washington, wo sich offenbar ebenfalls ein Sinneswandel vollzieht: Die Amerikaner wollen auf einer pragmatischen Basis vernünftige Beziehungen zu den linken und linkspopulistischen Regierungen in Lateinamerika aufbauen. Die Kehrtwende kommt nicht überraschend: Washingtons Versuche, den Caudillo in Caracas zu isolieren, sind gescheitert, die USA haben sich in eine Sackgasse manövriert.
Trotz einiger internationaler Rückschläge steht Chávez Ende dieses Jahres als der unbestritten einflussreichste Politiker Lateinamerikas dar. Zuletzt kamen in Nicaragua und Ecuador Chávez-freundliche Präsidenten an die Macht. Auch die Präsidenten der beiden wichtigsten Regionalmächte Argentinien und Brasilien unterstützen den Venezolaner, obwohl Brasiliens Staatschef Lula gegenüber Washington eine weitaus gemäßigtere Politik vertritt als der Feuerkopf in Caracas.
"Ich bin das Volk"
Auch Chávez ist keine Reinkarnation seines kranken Freundes Castro, wie die Falken in Washington fürchten. Er gleicht vielmehr einer anderen historischen Figur Lateinamerikas: dem argentinischen Caudillo Juan Domingo Perón. "Wir erleben in Südamerika ein Wiederaufleben des Populismus der dreißiger und vierziger Jahre unter demokratischen Vorzeichen", sagt der brasilianische Politikprofessor Victor Arraes.
Wie Perón regiert Chávez über die direkte Identifikation mit seinen Anhängern. Und wie sein argentinisches Alter Ego hält auch Chávez seine wichtigsten Reden vom Balkon des Präsidentenpalasts. "Ich bin das Volk!", rief er schon von dort. Beim Bad in der Menge verschmilzt der charismatische Caudillo mit seinen Anhängern - den Armen und Ausgeschlossenen. Perón gebärdete sich einst als Anführer der "Descamisados", der "Hemdlosen"; Chávez versteht sich als Symbol der "Cabecitas Negras", der "Schwarzköpfchen", wie Venezuelas rassistische Herrschaftsschicht die Mestizen aus dem Landesinnern nennt.
Lateinamerikas Neopopulismus, dessen erfolgreichster Vertreter Chávez ist, lässt sich ideologisch ebenso schwer definieren wie der Peronismus – er changiert zwischen neofaschistischem und sozialistischem Gedankengut, zwischen kapitalistischen und kooperativen Wirtschaftsformen. In Argentinien hat sich der Peronismus jahrzehntelang zwischen linken und rechten Anhängern zerfleischt, auch Chávez' "Bolivarianismus" ist längst keine homogene Bewegung mehr.
Und noch etwas eint Chávez mit den großen Caudillos der Vergangenheit: Er ist ein ruchloser Pragmatiker, wenn es sein muss. So sollte es niemanden überraschen, wenn die von seinen Kritikern befürchtete Radikalisierung erstmal ausbleibt. Er wolle "Korruption" und "Bürokratisierung" bekämpfen, verkündete Chávez vom Balkon.
Das dürfte sogar den Amerikanern gefallen: Beides ist überfällig, denn die Krebsübel Lateinamerikas gedeihen unter Chávez wie eh und je.
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