Von Anna Reimann
Berlin - Still sitzt Congress Kanwar in Berlin zwischen der indischen Frauenrechtlerin und Germanistin Pawan Surana und Sabine Christiansen. Die Blitzlichter der Fotografen gewittern. Congress ist 13 und kommt aus dem indischen Bundesstaat Rajasthan. Sie hat anstrengende Monate hinter sich. Gegen den Widerstand ihrer Eltern hat sie durchgesetzt, dass sie zur Schule gehen darf - anders als ihre drei Schwestern. Und als das Haus voller Gäste war, die Congress als zukünftige Schwiegertochter auswählen wollten, hat die 13-Jährige ihrem Vater gedroht: "Wenn die Gäste nicht gehen, werde ich die Polizei holen." Da hätten die Besucher aus Angst das Haus der Familie verlassen.
Congress Kanwar (hinten Unicef-Botschafterin Christiansen): Kampf gegen Zwangsehe und für die Schule
Heide Simonis, Vorsitzende von Unicef Deutschland und ehemalige Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, bringt es auf die Formel: "Kinder sind besser geschützt, wenn Frauen besser geschützt sind. Gesunde, gut ausgebildete und selbstbewusste Frauen sorgen dafür, dass auch ihre Kinder gesund, gut ausgebildet und selbstbewusst sind." Wo die Rechte der Frauen missachtet würden, würden immer auch Kinder leiden.
Seelische Gewalt, Schläge, Vergewaltigungen
"Jedes Jahr passiert ein neues Ruanda, verübt an den Frauen dieser Welt" - so hatte es die Politikerin und Islam-Kritikerin Ayaan Hirsi Ali einmal ausgedrückt. Sie meinte damit die Zahl jener Mädchen und Frauen, die jährlich an den Folgen von Diskriminierung und Benachteiligung sterben. Weltweit werden Mädchen schlechter ernährt, seltener medizinisch versorgt und können viel seltener als Jungen zur Schule gehen. Frauen dürfen oft nicht selbständig über ihr Leben bestimmen.
In Ländern wie Burkina Faso und Nigeria berichten laut Unicef 75 Prozent der Frauen, dass sie erst ihren Mann fragen müssen, wenn sie wegen Schmerzen zum Arzt wollen. Jedes Jahr werden weltweit 14 Millionen Mädchen zwischen 14 und 19 Jahren Mutter. Und allein in Südasien sterben jährlich rund eine Million Mädchen kurz nach der Geburt oder in den ersten Lebensjahren. Seelische Gewalt, aber auch Prügel, Vergewaltigungen und sexuelle Ausbeutung prägen das Leben vieler Mädchen und Frauen.
Unicef-Botschafterin Sabine Christiansen sagt: "Frauen stehen an der untersten Skala der sozialen Hierarchie." Zwei Drittel aller Menschen, die nicht lesen und schreiben könnten, sind laut Unicef Frauen. Aber sobald sich die Situation der Mütter verbessere, hätten auch die Kinder mehr Chancen. Christiansen: "Jedes Jahr, das eine Frau länger zur Schule geht, bedeutet, dass auch ihr Kind länger zur Schule geht."
"Leben wie im elften Jahrhundert"
"Als Mädchen geboren zu werden, kommt in vielen Entwicklungsländern einem Todesurteil gleich", sagt Christiansen. In Ländern wie Indien werden Mädchen abgetrieben. Im Bundesstaat Rajasthan kommen auf 1000 Jungen 907 Mädchen. Die Frauenrechtlerin Pawan Surana kämpft dort gegen Mädchenabtreibung. Rajasthan hat mehr als 56 Millionen Einwohner. Dort können nur 44 Prozent aller Frauen lesen und schreiben - und diese Frauen gehörten nicht immer zu den Ärmsten. Auch in vielen Mittelschichtsfamilien würden weibliche Föten systematisch abgetrieben, Mädchen von Bildung ausgeschlossen und hätten kaum Rechte. Surana: "Indien ist ein Land vieler Gegensätze. Das modernste Zeitalter ist an vielen Orten angekommen. Gleichzeitig aber leben noch viele Menschen wie im elften oder zwölften Jahrhundert."
Sie selbst habe Glück gehabt und darauf bestanden, nicht mit einem Mann verheiratet zu werden, dessen Familie Mitgift fordert; der will, dass sie sich verschleiert; der ihr zu arbeiten verbietet. "Es hat deshalb lange gedauert, bis ich einen Mann gefunden habe. Aber wenigstens konnte ich in der Zeit meinen Magister fertig machen", sagt sie. Frauen müssten etwas wagen. Aber eine Chance hätten sie eben nur, wenn die Männer ihr Einverständnis geben.
Die 13-jährige Congress hatte Glück. Ihre Eltern haben sich ihrem Willen gebeugt. Das Mädchen geht seit drei Jahren jeden Tag zur Schule. "Meine Brüder haben mich erst ausgelacht. Aber jetzt haben auch meine Eltern gesagt, ich müsse weniger im Haushalt machen, damit ich mehr Zeit habe zu lernen", erzählt sie. Wenn sie groß ist, will sie Polizistin werden. "Dann kann ich die Leute bestrafen, die ihre Töchter nicht zur Schule schicken oder sie verheiraten, wenn sie noch nicht 18 sind." Denn nicht alle werden sich allein durchsetzen können - wie Congress.
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