Moskau/London/Berlin - Offiziell sind sie Zeugen in der immer mysteriöser werdenden Affäre um den Gifttod des russischen Ex-Spions Alexander Litwinenko. Doch längst ist es ein offenes Geheimnis, dass Scotland Yard die beiden russischen Geschäftsleute Andrej Lugowoi und Dmitrij Kowtun als Verdächtige betrachtet. Sie waren es, die Litwinenko am 1. November in der Bar des Londoner Nobel-Hotels Millennium trafen. An jenem Tag, da sind sich die britischen Ermittler sicher, muss die tödliche Dosis Polonium in den Körper des früheren KGB- und FSB-Spions gelangt sein. Kowtun und Lugowoi hinterließen dagegen schon vorher überall Polonium-Spuren.
Die beiden Russen versuchen nun hastig, wieder aus dem Fokus der Ermittlungen zu kommen. "Wer sagt Ihnen, dass die Vergiftung am 1. November stattfand?", fragte Lugowoi gereizt einen Journalisten des russischen Boulevardblatts "Moskowsky Komsomolez". "Es war weit früher, am 16. Oktober." An diesem Tag habe er zusammen mit Litwinenko eine Sicherheitsfirma in London besucht, in der später auch Spuren von Polonium-210 gefunden wurde. Am 1. November sei er nicht dort gewesen. Lugowoi, 40, wird derzeit in einer Moskauer Klinik auf eine mögliche radioaktive Vergiftung hin untersucht.
Lugowois Angaben decken sich mit denen seines Geschäftspartners Kowtun, der bei den Ermittlungen in Deutschland im Mittelpunkt steht. In einem Telefoninterview mit SPIEGEL TV erklärte auch er, dass er vermutlich bei Treffen mit Litwinenko und Lugowoi Mitte Oktober vergiftet worden sei.
Kowtun ist nach eigenen Angaben ebenfalls mit dem radioaktiven Gift belastet. Er hatte Spuren der Substanz in Hamburg und Umgebung hinterlassen, als er auf der Durchreise von Moskau nach London war. Zeitweise war in Moskau von einer lebensgefährlichen Strahlenkrankheit Kowtuns die Rede gewesen. Im Interview gab er jetzt an, sich mit jedem Tag besser zu fühlen. Er hoffe, die Klinik bald verlassen zu können.
Die Polonium-Spuren in Hamburg könne er sich nur so erklären, "dass ich sie aus London mitgebracht habe, als ich mich dort am 16., 17. und 18. Oktober mit Litwinenko getroffen habe", sagte Kowtun. "Die Spuren halten bekanntlich sehr lange, und wenn man anschließend durch die Welt reist, hinterlässt man sie überall."
Gegenüber dem SPIEGEL hatte Kowtun jüngst bereits behauptet, Litwinenko habe sich bereits bei ihrem Treffen am 16. Oktober in der Londoner Sushi-Bar "Itsu", in der dieser auch am 1. November zu Gast war, nicht wohl gefühlt. "Ich werde nicht mitessen, mir geht es nicht gut", habe Litwinenko gesagt. "Vor ein paar Tagen habe ich mich vergiftet und seither gekotzt."
Der Sender BBC berichtete allerdings, dass die britische Polizei keinerlei Strahlenspuren an einem Busfahrschein gefunden habe, den Litwinenko löste, um am 1. November zu dem Treffen mit Kowtun und Lugowoi im Millennium Hotel zu fahren. Sollte sich dies bestätigten, könne davon ausgegangen werden, dass Litwinenko zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit dem Strahlengift in Berührung gekommen sei - was wiederum gegen die Behauptungen Lugowois und Kowtuns spräche.
Endgültige Entwarnung für Kowtuns Ex-Frau
Für Kowtuns Ex-Frau und ihren neuen Lebensgefährten gaben die Experten des Bundesamts für Strahlenschutz heute Entwarnung. Die beiden haben kein Polonium-210 in den Körper aufgenommen. Das ergab die Untersuchung der Urinproben das Paares, das mit Kowtun bei dessen Hamburg-Aufenthalt in Berührung gekommen war, wie die Sonderkommission "Dritter Mann" mitteilte. Die Testwerte für die beiden Kinder durch das Bundesamt standen vorerst noch aus.
Die Hamburger Ermittler vermuten, dass Kowtun das Gift bei seiner Ankunft in der Hansestadt am 28. Oktober aus Moskau im Körper hatte. Er war am Morgen des 1. November von Hamburg zu dem Treffen mit Litwinenko nach London geflogen. Die Messungen an den Orten, an denen sich Kowtun Ende Oktober in Hamburg und im Kreis Pinneberg aufgehalten und Spuren von Polonium-210 hinterlassen hatte, wurden heute fortgesetzt.
In die Ermittlungen zum Litwinenko-Mord hat sich inzwischen auch die internationale Polizeibehörde Interpol eingeschaltet. Der russische Zweig der größten internationalen Polizeiorganisation soll den Informationsaustausch mit anderen Ländern ermöglichen.
Ex-Spion Litwinenko starb am 23. November in einem Londoner Krankenhaus. Noch auf dem Sterbebett hatte er Russlands Präsident Wladimir Putin persönlich für seinen Tod verantwortlich gemacht.
phw/AP/dpa
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