Horn von Afrika
Islamisten fliehen aus Mogadischu
In Somalia zeichnet sich eine Vorentscheidung ab. Am Morgen begann der äthiopische Angriff auf Mogadischu. Die islamistischen Kräfte ziehen sich nach Angaben des selbst ernannten Rats der islamischen Gerichte aus der Hauptstadt zurück.
Mogadischu - Mit dem Abzug solle Blutvergießen vermieden werden, sagte Sheik Sharif Sheik Ahmed dem Sender al-Dschasira. Die islamischen Milizen gaben nach Augenzeugenberichten kurz darauf ihre Stellungen auf.
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Loyale somalische Regierungstruppen bei Mogadischu: Mit Höchstgeschwindigkeit der Hauptstadt entgegen
"Wir haben die Stadt nicht dem Chaos überlassen. Wir haben sie verlassen, um ein heftiges Bombardement durch die äthiopischen Streitkräfte abzuwenden", fuhr Scheich Ahmed fort. Er warf der mit der somalischen Übergangsregierung verbündeten äthiopischen Armee
vor, "Völkermord am somalischen Volk" zu begehen.
Die Soldaten der somalischen
Übergangsregierung wollen "in den nächsten Stunden" in die
Hauptstadt Mogadischu einmarschieren. Das sagte ein Sprecher am Donnerstag am Sitz der Regierung in Baidoa.
Er bestätigte, dass die gegnerischen islamistischen Milizen
Mogadischu verlassen hätten. Vor ihrem Abzug hätten die Milizionäre ihre Arsenale geöffnet und Waffen und Munition an die örtliche Bevölkerung ausgeteilt, um "Chaos und Unruhen" zu provozieren, sagte der Sprecher weiter.
KRIEG IN SOMALIA: DIE HINTERGRÜNDE IM ÜBERBLICK
Somalia, das Land am Horn von Afrika, hat seit dem Sturz von Staatschef Mohammed Siad Barre im Jahr 1991 keine funktionierende Zentralregierung mehr. Es hat sich zum Musterfall eines gescheiterten Staates entwickelt - Mogadischu gleicht einem Trümmerfeld. Die US-Armee erlebte hier Ende 1993 ein Desaster. Soldaten der von ihr geführten Uno-Friedenstruppe wurden nach einem Hubschrauberabsturz von einem Lynchmob tot durch die Hauptstadt Mogadischu geschleift, die USA zogen sich zurück. Das Land steckt seit Ende der Uno-Mission 1995 in einem andauernden Bürgerkrieg fest. Die offizielle, international anerkannte Regierung hat über weite Teile des Landes keine Kontrolle, weil sie von Islamisten bedrängt wird; im Norden haben sich Somaliland und Puntland abgespalten. Eine geplante Friedensgruppe der Afrikanischen Union (AU) ist noch im Aufbau.
Im Süden kämpfen die offizielle Regierung und die islamistischen Kämpfer um die Macht. Im Norden hat sich Somaliland 1991 vom Rest Somalias faktisch abgespalten und für unabhängig erklärt. Im Nordosten folgte 1998 Puntland, das jedoch auch von den Truppen der Islamischen Gerichte bedrängt wird. Auch die Gebiete Galmudug und Maakhir streben nach Unabhängigkeit.
Die international anerkannte offizielle Übergangsregierung von Somalia hatte über weite Teile des Landes lange faktisch keine Kontrolle, wurde aus der Hauptstadt Mogadischu nach Baidoa im Westen vertrieben - und kam auch dort unter Bedrängnis der Truppen der Islamischen Gerichte, weshalb Äthiopien an Weihnachten 2006 in die Kämpfe eingriff und den Islamisten den Krieg erklärte. Die offizielle Regierung konnte nach Mogadischu zurückkehren, allerdings tobt dort seit Monaten ein Bürgerkrieg. Der Übergangsregierung ist es nicht gelungen, stabile Verhältnisse herbeizuführen.
Die Islamisten nennen sich "Rat der Islamischen Gerichte" und haben teils gemäßigte, teils radikale Führer. Sie streben nach einem Staat unter dem islamischen Recht der Scharia und hatten es zeitweise sogar geschafft, große Teile des umkämpften Südens von Somalia unter ihre Kontrolle zu bekommen - auch die Hauptstadt Mogadischu, aus der sie allerdings mit Hilfe der Äthiopier wieder vertrieben wurden. Seit dem Sturz der Islamisten ist es der Übergangsregierung trotzdem nicht gelungen, stabile Verhältnisse herbeizuführen. Manche der Islamisten träumen von einem Groß-Somalia unter Einschluss der äthiopischen Provinz Ogaden. Die Islamisten bekommen Unterstützung durch ausländische Kämpfer, muslimische Milizionäre und Soldaten aus dem mit Äthiopien verfeindeten Eritrea.
Das stark christlich geprägte Äthiopien unterstützt Somalias offizielle Regierung gegen die Islamisten. Es sieht sich seit langem durch die Regierungen der Nachbarstaaten Eritrea im Norden und Sudan im Nordwesten bedroht, fürchtet Begehrlichkeiten von Nachbarstaaten auf fragile äthiopische Provinzen - unter anderem träumen manche somalische Islamisten von einem Groß-Somalia unter Einschluss der äthiopischen Provinz Ogaden. International steht Premier Meles Zenawi wegen seines strikt militärischen Kurses in der Kritik - hat aber die Rückendeckung der USA. Diese fürchten, dass Somalia ein radikalislamischer Staat und eine Terrorbasis wird wie einst Afghanistan.
Die Islamisten werden von Äthiopiens Erzfeind Eritrea unterstützt. Dies ist einer der Hauptgründe, warum Äthiopien eigene Interessen in dem somalischen Bürgerkrieg berührt sieht. Diplomaten warnen seit langem vor einem Regionalkrieg am Horn von Afrika. Sie fürchten, ein solcher Stellvertreterkrieg auf somalischem Boden könne extremistische Kämpfer anziehen und zu Terrorattentaten in der Region führen. Einem Uno-Bericht zufolge beliefern schon jetzt zehn Staaten die Konfliktparteien in Somalia mit Waffen und Ausrüstung.
Rund 150.000 Binnenflüchtlinge hausen in provisorischen Lagern außerhalb der Hauptstadt - in Orten wie Afgooye, 30 Kilometer von Mogadischu entfernt. Durch das Land ziehen rund 800.000 Menschen. Die Versorgung wird wegen der angespannten Sicherheitslage und der zunehmenden Piraterie in den Gewässern vor der über 3000 Kilometer langen somalischen Küste fast unmöglich. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk ging schon vor Monaten wegen der jüngsten Unruhen von einer Million Flüchtlingen in Somalia aus. Die somalische Menschenrechtsgruppe Elman schätzte, dass seit Anfang 2007 fast 6000 Zivilisten starben und fast 8000 verletzt wurden.
Reporter der Nachrichtenagentur AFP hatten kurz vor Ausstrahlung der Erklärung des Islamistenführers von Maschinengewehr-Feuer aus dem Viertel Sinaai im Norden Mogadischus berichtet. Anwohnern zufolge näherten sich Soldaten der Übergangsregierung und
äthiopische Truppen aus nördlicher und nordöstlicher Richtung der Hauptstadt.
Ein AP-Reporter berichtete, dass einige Milizionäre ihre Uniformen ablegten und sich dem Kommando von Clanführern unterstellten. Einige Einrichtungen des Rats der islamischen Gerichte wurden geplündert, es gab Schießereien vor allem im Norden Mogadischus. Dort kamen nach Augenzeugenangaben mindestens vier Menschen ums Leben.
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Das Horn von Afrika
Die Islamisten, die sich selbst als Union
islamischer Gerichte bezeichnen, hatten die Hauptstadt im vergangenen Juni eingenommen. Das christliche geprägte Nachbarland Äthiopien hatte den Islamisten am Sonntag den Krieg erklärt. Äthiopien unterstützt die bedrängte Übergangsregierung mit Sitz in Baidoa im Süden des ostafrikanischen Landes, um einen islamischen
Gottesstaat in Somalia zu verhindern.
Der Sicherheitsrat der
Vereinten Nationen konnte sich unterdessen auch im zweiten Anlauf nicht auf einen Appell zu einer friedlichen Lösung des Konflikte einigen.
sev/ap/afp