ThemaIrakRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
30.12.2006
 

Analyse

Nur mit Saddams Tod ist dem Irak noch nicht geholfen

Von Yassin Musharbash

Saddam Hussein mag den Tod verdient haben. Doch den Irak macht das allein noch nicht friedlicher. Denn für die geschichtliche Aufarbeitung der Herrschaft des Despoten ist seine Hinrichtung nicht förderlich.

Berlin - "Ich habe vor niemandem Angst": Das sollen die letzten Worte des hingerichtet Saddam Hussein gewesen sein. Nach anderer Darstellung verabschiedete sich der gestürzte Despot dagegen mit zwei islamischen Formeln aus dem irdischen Leben.

Was auch immer der Mensch Saddam Hussein auf seinem letzten Weg wirklich fühlte: Es ist irrelevant. Aber auch die Beurteilung der Vollstreckung des Todesurteils zwischen Washington und Brüssel ist letztlich nicht mehr als Ansichtssache. Sie folgt dem eingespielten diplomatischen Floskelaustausch, je nachdem, ob eine Regierung prinzipiell für oder gegen die Todesstrafe ist.

Bedeutsam ist allein, wie die Hinrichtung im Irak und in der arabischen Welt aufgefasst wird, denn nur hieraus ergeben sich Konsequenzen für den Irak. Befeuert der Tod des Tyrannen den Aufstand? Treibt er den Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten noch weiter voran? Oder ist Saddams Tod geeignet, einen Prozess nationaler Aussöhnung und Aufarbeitung auszulösen?

Tod am Tag der traditionellen Amnestierung

Den ersten Reaktionen zufolge sind schlimmere Gewaltausbrüche zumindest unmittelbar nicht zu befürchten. Es blieb weitgehend ruhig zwischen Irbil und Basra heute, das heißt, es starben nicht mehr Menschen durch Bomben und Sprengsätze als an einem "normalen" Tag. Eher sogar weniger. Das bedeutet aber nicht, dass die Causa Saddam keine Sprengkraft mehr besitzt: Wie in der gesamten islamischen Welt wird auch im Irak gerade der erste Tag des Opferfestes begangen.

Dass Saddam ausgerechnet heute sterben musste, mag von Seiten der Vollstrecker dem Kalkül geschuldet sein, dass an diesem Tag die Feierlichkeiten die Politik in den Hintergrund drängen. Andererseits verbirgt sich hinter diesem Plan ein Risiko: Traditionell ist der erste Tag des sunnitischen Eid al-Adha der Tag, an dem islamische Herrscher Amnestien erlassen.

Bis nach Saudi-Arabien, wo sich im Moment wegen der Pilgerfahrt hunderttausende sunnitische Muslime aus aller Welt aufhalten, wurde das Timing der Exekution daher als Provokation verstanden. Auf islamistischen Diskussionsforen im Internet, wo sich Qaida-Anhänger und USA-Hasser austauschen, war es nicht anders: "Sie wollen die Sunniten trauern sehen", schrieb erzürnt ein Diskutant und verwies auf eine "Allianz" von Schiiten und USA. Sogar ein virtuelles Kondolenzbuch gibt es schon. Noch haben sich die sunnitischen Terrorgruppen von "al-Qaida im Zweistromland" bis "Ansar al-Sunna" nicht geäußert. Erst in ein paar Tagen wird man wohl sehen, ob sich der Tod Saddams für Gewaltakte ausschlachten lässt.

Die Gefahr, dass die Hinrichtung Saddams im Irak (und außerhalb) als Ergebnis einer schiitisch-amerikanisch-kurdischen Siegerjustiz aufgefasst wird, ist jedenfalls keineswegs gebannt. Die nicht universell akzeptierte Autorität des Gerichts tut dabei ein Übriges.

Im neuen irakischen Staat der Post-Saddam-Ära geben Vertreter der Kurden und Schiiten den Ton an, die Sunniten, über Jahrhunderte die dominierende Minderheit im Zweistromland, sehen sich an den Rand gedrängt.

Saddams Hinrichtung verschärft dieses Gefühl noch - denn die hehre Idee, der Prozess könne zum Beginn einer Art irakischer "Wahrheitskommission" werden, hat sich nicht erfüllt. Viel zu sehr blieb in dem Hochsicherheits-Verfahren im Verborgenen, wie die Befehlsketten zu den schlimmsten Verbrechen in Saddams Namen genau aussahen. Viel zu wenig waren, jenseits der Zeugenaussagen hinter Vorhängen, die Opfer beteiligt. Und schon gar nicht gab es einen Rahmen, in dem Opfer und Täter einander hätten begegnen können, wie ihn die Südafrikaner nach Ende der Apartheid schufen. Dessen aber hätte es bedurft, um die Hinrichtung aus dem Referenzrahmen des eskalierten Konflikts zwischen Sunniten und Schiiten herauszulösen und als Akt der Gerechtigkeit an allen erscheinen zu lassen.

Wie der Irak ohne eine solche Aufarbeitung jemals ein funktionierender, friedlicher, multikonfessioneller und multiethnischer Staat werden kann, bleibt aber schwierig vorzustellen. Vielleicht wäre es unter diesem Gesichtspunkt besser gewesen, noch ein paar Jahre mit dem Prozess zu warten.

Auch außerhalb des Irak, in der arabischen Welt, wird der Diktatoren-Tod kaum positive Auswirkungen haben. Zwar hat neben dem verstorbenen syrischen Präsidenten Hafis al-Asad kein anderer Araber in den letzten Jahrhunderten mehr Araber getötet als Saddam - als Herrscher einer der Kernländer der arabisch-islamischen Welt genoss er jedoch einen gewissen Respekt. Auch weil er, zumindest in seinen letzten anderthalb Jahrzehnten, so ein erklärter Feind der USA war, der immerhin zwei Krieg gegen die letzte verbliebene Weltmacht führte.

Keine abschreckende Wirkung

Sicher, Saddam Hussein war ein Diktator und Tyrann wie er im Buche steht: Er ließ seine Getreuen eigenhändig Hinrichtungen an "Verrätern" ausführen, er vergaste Zivilisten, entschied willkürlich über Leben und Tod seiner Untertanen.

Aber in Amman und Kairo, in Sanaa und Rabat und anderswo wird seine Hinrichtung von vielen vor allem als letztes Ergebnis einer nicht gerechtfertigten und aggressiven Einmischung der USA gewertet werden.

Der Westen mag hoffen, der Tod Saddams durch den Strang möge als Warnung an alle Despoten verstanden werden. Stattdessen wird er jedoch das demolierte Image der USA weiter schädigen. Das ist nicht so verwunderlich, schließlich müssen andere arabische Herrscher, die ihre Samthandschuhe schon lange verlegt haben, wie zum Beispiels Ägyptens Präsident Hosni Mubarak, den langen Arm der USA keineswegs fürchten. Genau wie der gesamte Irakkrieg ist auch die Hinrichtung Saddams nicht geeignet, Hoffnung in den Herzen der Araber keimen zu lassen oder diejenigen ihrer Herrscher abzuschrecken, die "pro-westlich" sind. Dass Saddam Hussein das auch einmal war und erst ins Visier geriet, als er es nicht mehr war, dürfte sie eher bestärken.

Bizarres Selbstbild

"Der König darf eben nichts übersehen, er muss die ganze Last der Verantwortung in seinem Amt tragen. Und das Volk darf nicht vergessen, wie schwer diese Verantwortung auf ihm lastet, denn nur dann kann es seine Pflichten gegenüber dem Staat erfüllen. Es muss die Bürde tragen, die ihm aus diesem Verhältnis zum Staat erwächst, und darf nicht unnötig murren": Diese Sätze ließ Saddam Hussein in seinem letzten Roman, "Zabibah und der König", sein Alter Ego sprechen, einen König im Zweistromland. Die Passage zeigt, wie bizarr verzerrt das Selbstbild des Despoten all die Jahre über war.

Im Roman findet dieser König ebenfalls einen gewaltsamen Tod, allerdings im Krieg. Danach ergreift dann bezeichnenderweise "das Volk" die Macht und führt eine Art Säuberung an allen "Verrätern" durch. Es schickt sich an, in Erinnerung an die Ideale des Königs, eine neue Regierungsform zu installieren. So wie Saddam sich während seines Verfahrens aufführte, scheint er bis zuletzt von dem Wunsch beseelt gewesen zu sein, die realen Iraker möchten es ihren seiner kranken Phantasie entsprungenen Gegenstücken gleich tun - und bis in alle Ewigkeit für ihn weiterkämpfen.

Das wird bis auf eine verschwindende Minderheit unter den Irakern Gottlob niemand tun. Aber einen friedlicheren Irak und einen hoffnungsfroheren Nahen Osten schafft seine Hinrichtung alleine auch noch nicht. Man kann deshalb nur hoffen, dass die Exekution sich als genau so irrelevant erweist, wie Saddams letzte Worte es waren.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Irak

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP