Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro
Welch ein bizarrer Auftritt: Der Präsident eines lateinamerikanischen Landes ruft in einem anderen lateinamerikanischen Land zum Widerstand gegen den US-Präsidenten auf, der wenige Kilometer entfernt einem dritten lateinamerikanischen Land einen Besuch abstattet.
So geschehen gestern in Argentinien.
"Gringo go home!" schmetterte Venezuelas Präsident Hugo Chávez in Buenos Aires seinem US-amerikanischen Amtskollegen George W. Bush entgegen, während der auf der anderen Seite des Rio de la Plata in Uruguay einschwebte. Ein roter Pullover spannte sich über dem Bauch des Venezolaners; er hat in den vergangenen Monaten offenbar nicht nur politisch an Gewicht gewonnen. Hinter ihm klatschten einige alte Damen mit weißen Kopftüchern Beifall: Die "Mütter von der Plaza de Mayo" haben in Chávez ihr politisches Idol gefunden, sie hatten seinen Auftritt vor 40.000 Bush-Gegnern mit freundlicher Unterstützung des argentinischen Präsidenten Néstor Kirchner organisiert.
In Argentinien herrscht Wahlkampf, das ist eines der Motive für den diplomatischen Affront: In kaum einem lateinamerikanischen Land ist Bush so verhasst wie in dem Geburtsland des "Ché". Das andere Motiv ist finanzieller Art: Chávez hat für einige hundert Millionen Dollar argentinische Staatsanleihen gekauft und zahlreiche Kooperationsabkommen in der Energiepolitik geschlossen. Deshalb mochte Kirchner seinem Freund den Wunsch zu einem öffentlichen Bush-Bashing auf argentinischem Boden nicht ausschlagen. Klugerweise blieb er selbst aber der Veranstaltung fern.
Tatsächlich hat Bush den Latinos außer freundlichen Worten wenig zu bieten: Die US-Hilfe für Lateinamerika sei "ein Tropfen im Ozean" im Vergleich zu den Petro-Dollars, die Chávez über der Region ausschüttet, schrieb die brasilianische Zeitung "Estado de São Paulo". Nicht einmal den Abbau von Agrarsubventionen oder Handelserleichterungen kann Bush den Lateinamerikanern in Aussicht stellen: Der Kongress wird von den protektionistisch gesinnten Demokraten kontrolliert. Bush sei ein "politischer Kadaver" tönte Chávez.
Seit dem 11. September 2001 hat Washington die Region ignoriert. Das einzige große Projekt der Regierung Bush für Lateinamerika, eine gesamtamerikanische Freihandelszone, ist gescheitert. Und um den Einfluß von Hugo Chávez in Lateinamerika einzudämmen, ist der allseits verhasste Bush der falsche Mann. Auch Brasiliens Präsident Lula, der am ehesten Chávez bremsen könnte, hat vorsorglich klargestellt, dass er sich nicht von den Amerikanern einspannen läßt.
Bush hat seinem Freund Lula den Gefallen getan und Chávez bei seinem Besuch in São Paulo nicht ein einziges Mal erwähnt. Der Texaner war ganz "Paz e Amor", Frieden und Liebe. Er versprach, sich für die Armen einzusetzen, gab sich als Grüner und sagte, er wolle für soziale Gerechtigkeit kämpfen. Sogar Südamerikas Befreiungshelden Simon Bolívar hatte er vor seiner Reise als Vorbild vereinnahmt. Chávez, der sich für eine Art Reinkarnation von Bolívar hält, wollte ihm deshalb den "Oscar der Doppelmoral" verleihen.
Doch Bushs Schmusekurs kommt nicht überraschend: Die gemäßigten Politiker in der US-Regierung, vor allem Außenministerin Condoleezza Rice, wollen Washington endlich aus der politischen Isolation auf dem Kontinent führen. Tatsächlich kann er mit seiner späten Good-Will-Tour nur gewinnen. Denn nicht nur Bush ist in den meisten lateinamerikanischen Ländern unbeliebt, auch Chávez genießt keine große Sympathie, ermittelte jetzt eine Umfrage. Nur hat Chávez bislang die Show dominiert, während der Amerikaner sich auf anderen Schauplätzen tummelte. Bush hat also nichts zu verlieren.
Tatsächlich täuschen die Fernsehbilder von den Anti-Bush-Demonstrationen in São Paulo: Vor allem in Brasilien ist der Antiamerikanismus längst nicht so stark ausgeprägt, wie die lärmenden Demonstranten weismachen wollen. Persönlich stimmt die Chemie zwischen Bush und Lula, auch politisch haben der Riese im Norden und der Koloss im Süden viele gemeinsame Interessen. In der Agrarpolitik spielen Brasilien und die USA in einer Klasse, als Markt für brasilianische Exportprodukte und Investor stehen die USA in Brasilien an erster Stelle.
Die von Lula und Bush beschworene Allianz bei der Entwicklung und Verbreitung von Biotreibstoffen ist zwar noch Zukunftsmusik. Bush will die Einfuhrzölle für brasilianischen Ethanol nicht senken, die Agrarlobby in den USA ist zu mächtig. Doch beide Länder können von dem wissenschaftlich-technischen Austausch nur profitieren. Brasilien ist führend bei der Entwicklung von Biotreibstoffen.
Lula hat Bush deshalb einen außergewöhnlich herzlichen Empfang bereitet, der Amerikaner hat sich mit Komplimenten revanchiert. Der ehemalige Arbeiterführer hat sich wieder einmal als glänzender Diplomat erwiesen, sein ungezwungener Umgang mit der Supermacht kommt bei seinen Landsleuten gut an.
Auch in Uruguay, wo er sich heute mit Staatschef Tabaré Vázquez trifft, kann Bush nur gewinnen: Das kleine Land ist vom Wirtschaftsbündnis Mercosur enttäuscht, es fühlt sich von den großen Mitgliedsländern Argentinien und Brasilien übergangen. Montevideo liebäugelt deshalb mit einem Freihandelsabkommen mit Washington. Kolumbien, Guatemala und Mexiko, die nächsten Stationen auf seinem Trip, werden von Konservativen regiert und sind Washington ohnehin freundlich gesonnen. Aber ein paar Streicheleinheiten können ja nicht schaden.
Eine Kostprobe des neuen George W. "Paz e Amor" Bush gab der US-Präsident vor seinem Abflug in São Paulo: Beim Besuch eines Sozialprojekts schwang er in einer Band von Favela-Kids eifrig eine Sambarassel, während First Lady Laura und "Condi" Rice einige Tanzschritte probten.
Wenn er so beliebt werden will wie sein Vorgänger Bill Clinton muß er allerdings noch üben: Der spielte in Brasilien zur Freude der Gastgeber auf dem Saxophon das "Girl from Ipanema".
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