Washington - Noch verfolgt die US-Regierung im Irak die Strategie, mit Truppenverstärkungen und einer aggressiven Bekämpfung von extremistischen Gruppen die Sicherheitslage im Land zu stabilisieren. Aber die kritischen Stimmen mehren sich. Im Pentagon wird derzeit an einer Notfall-Strategie für den Irak gearbeitet, für den Fall, dass die laufende Sicherheitsoffensive in der Hauptstadt Bagdad ohne Erfolg bleibt oder der US-Kongress die weitere Truppenaufstockung verhindert.
Es wäre eine radikale Kursänderung: Statt mit weiteren Soldaten zu versuchen, die Sicherheitslage zu stabilisieren, sieht der Plan einen schrittweisen Truppenrückzug vor, berichtet die "Los Angeles Times". Das US-Militär solle sich anschließend lediglich darauf beschränken, irakische Sicherheitskräfte auszubilden und zu beraten, berichtet die Zeitung unter Berufung auf hochrangige Militärbeamte und Pentagon-Mitarbeiter.
Strategie in El Salvador dient als Vorbild
Mit einer beratungsorientierten Strategie würde sich die US-Regierung stärker an den Empfehlungen der überparteilichen "Iraq Study Group" orientieren. Vorbild für die Strategie sind aber offenbar eher die Erfahrungen der USA in El Salvador in den achtziger Jahren. Anders als bei den Einsätzen in Vietnam und im Irak verzichtete die US-Regierung damals auf ein massives Militäraufgebot und arbeitete zwischen 1981 und 1992 mit lediglich 55 Beratern, um die Armee El Salvadors im blutigen Kampf gegen marxistische Rebellengruppen zu unterstützen.
Hintergrund der neuen Pläne ist die wachsende Skepsis im Pentagon gegenüber den Erfolgsaussichten der derzeitigen Truppenaufstockung. "Dieser Teil der Welt hat eine Allergie gegen ausländische Präsenz", zitiert die "Los Angeles Times" einen Pentagon-Beamten. Die Möglichkeit, die Situation im Irak mit einer großen Truppenstärke der USA beeinflussen zu können, schwinde zusehends. "Wir brauchen eine amerikanische Militärpräsenz, die groß genug ist, ein Auseinanderbrechen des Irak zu verhindern, aber keinesfalls weitere nachteilige Entwicklungen auslöst."
Dem Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums zufolge müsse daher mit wesentlich mehr Beratern kalkuliert werden als während des Einsatzes in El Salvador. Gemeinsam mit Salvador-Veteranen und Militärexperten denke man über "mehrere tausend Berater" nach.
Unterstützung und Kritik
Auch US-Generäle unterstützen den Plan. "Es gibt einen breiten Konsens über die richtige Langzeit-Strategie. Ich kenne keinen der daran glaubt, dass die derzeitige Truppenverstärkung die Lösung ist", zitiert die Zeitung einen Berater des US-Verteidigungsministeriums.
Zuletzt hatte sich Generalstabschef Peter Pace in Kongressanhörungen mehrmals auf die El-Salvador-Kampagne bezogen, um zu verdeutlichen, dass ein Erfolg im Irak nicht allein von der Truppenstärke abhängt. Zudem hatte US-Verteidigungsminister Robert Gates im Februar angekündigt, die US-Truppen vom "Schadenspfad" abzubringen, wenn die Truppenaufstockung nicht die gewünschten Erfolge bringe.
Gänzlich unumstritten ist ein beratungsorientierter Kurs allerdings nicht. Kritiker, wie Stephen Biddle vom "Council on Foreign Relations", bezweifeln, dass sich die El-Salvador-Strategie einfach auf den Irak übertragen lasse. Im Gegensatz zu El Salvador, wo man gegen marxistische Rebellen gekämpft hat, befände sich Irak in einem Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten, so Biddle gegenüber der "Los Angeles Times". Pläne, nach denen die schiitisch dominierten Regierungstruppen im Irak verstärkt ausgebildet und beraten werden würden, "werden zwangsläufig scheitern".
vm
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