Von Georg Mascolo, Washington
Washinton - Robert Seldon Lady darf wieder hoffen. Vielleicht sieht er seinen Bauernhof doch noch wieder, mitten in den sanften Hügeln von Penango, einem winzigen Nest in Norditalien. Alles hat er dort zurücklassen müssen, die antiken Möbel, die Bücher, den Wein, die Familienfotos. 4000 Dollar Hypothek zahlt er bis heute jeden Monat.
Lady ist der ehemalige Stationschef der CIA in Mailand, in Pengano wollte er seinen Ruhestand verbringen, nach 24 Jahren bei der Agency. Stattdessen zieht er nun umher, zuletzt war er in Florida, inzwischen soll er auch von dort wieder verschwunden sein. Seine Frau hat ihn verlassen. Wirklich sicher darf sich der Ex-Agent nur noch in Amerika fühlen, seit ihn die italienische Justiz per Haftbefehl sucht. So wie 25 seiner Kollegen, die am 17. Februar 2003 in der Via Guerzoni in Mailand an der Entführung des radikalen Predigers Abu Omar beteiligt gewesen sein sollen.
Im Juni sollte im Justizpalast in Mailand in Abwesenheit der Prozess gegen sie beginnen - das weltweit erste Verfahren wegen Kidnapping gegen US-Geheimdienstler. Es schien eine sichere Sache, bis das italienische Verfassungsgericht mit dem Fall betraut wurde. Jetzt dürfen Seldon und mit ihm die gesamte US-Regierung darauf hoffen, dass sich das Justizdrama vielleicht noch abwenden lässt.
Staatsgeheimnisse müssen geschützt werden, argumentiert der Anwalt des italienischen Agenten Marco Mancini, der grauen Eminenz des Militärgeheimdienstes Sismi. Die Sismi-Spitze soll von der CIA vor der Entführung eingeweiht worden sein soll. Staatsgeheimnisse, das meint, dass womöglich nicht nur die italienischen Geheimdienste, sondern auch Verantwortliche der Berlusconi-Regierung den Amerikanern damals grünes Licht für die Aktion gaben.
Zu Beginn der Ermittlungen der hartnäckigen italienischen Staatsanwälte hatte noch die gesamte römische Regierung behauptet, nichts, aber auch gar nichts gewusst zu haben. Inzwischen wurde bekannt, dass die CIA schon Tage nach dem 11. September beim damaligen Chef des italienischen Geheimdienst Sismi, Gianfranco Battelli nachhörte, was er denn von Entführungen radikaler Islamisten in Italien halte. Battelli, kurz vor der Pensionierung, protestierte nicht einmal. Er empfahl nur, doch bitte gleich mit seinem Nachfolger zu sprechen.
Drohungen aus Washington
Den Fall zur Angelegenheit der Nationalen Sicherheit zu erklären und endgültig zu beerdigen, hatte schon Ladys italienische Anwältin vorgeschlagen. Und es wäre auch ganz im Sinne der Bush-Regierung. Auf allen diplomatischen Kanälen hat das Weiße Haus die Regierung in Rom gedrängt, ein öffentliches Verfahren zu verhindern. John Bellinger, der sonst so verbindliche Rechtsberater des US-Außenministeriums drohte gerade, solche Ermittlungen würden die Zusammenarbeit der amerikanischen und europäischen Geheimdienste ernsthaft beschädigen. Und ausliefern, so Bellinger, würde man die CIA-Agenten ohnehin niemals.
Geschützt werden müssen aber nach neuesten Recherchen des amerikanischen Journalisten Matthew Cole nicht nur die bei der Entführung beteiligten Agenten - die wirklich Verantwortlichen sollen ganz oben in der US-Administration sitzen. Cole behauptet die heutige Außenministerin Condoleezza Rice persönlich habe die Operation abgesegnet. Nach seinen Recherchen wurde das Kidnapping von Abu Omar von Rice genehmigt, die damals noch Vorsitzende des "National Security Council" im Weißen Haus war. In der Besprechung mit der CIA habe sie sogar laut darüber nachgedacht, was Präsident George W. Bush wohl sagen werde.
Ein offizielles Dementi gibt es nicht, wohl auch, weil vieles für die Richtigkeit der Recherche spricht: Alle Details der wirklich heiklen CIA-Operation im "Krieg gegen den Terrorismus" mussten vom Weißen Haus genehmigt werden.
Cole ist ein hartnäckiger Rechercheur, es ist ihm sogar gelungen Lady aufzuspüren und zum Reden zu bringen. Ein halbes Dutzend Mal haben sie sich bei Miami getroffen.
Er hätte wohl viel zu erzählen, aber richtig auspacken will der Ex-Agent bis heute nicht. Obwohl ihm die italienische Justiz angeblich sogar einen Deal angeboten hat, wenn er die Details der CIA-Aktion zu Protokoll gibt.
High-Tech aus Langley
Immerhin soviel hat Lady durchblicken lassen: Er selbst sei von Beginn an gegen die Aktion gewesen, weil sie einfach überflüssig war. Lady wusste, wie hartnäckig die italienische Justiz Abu Omar bereits verfolgte, er selbst hatte ihr dabei geholfen. Die High-Tech-Mikrofone für den Lauschangriff auf den Prediger hatte er aus Langley organisiert. Die Italiener waren beeindruckt und dankbar.
Abu Omar galt Italienern wie Amerikanern als eine der Schlüsselfiguren der fundamentalistischen Szene in Norditalien, die CIA sah ihn ihm so etwas wie einen Rekrutierter für die Schlachtfelder der Islamisten: Erst Kaschmir, Tschetschenien und Afghanistan, später auch Irak.
Lady soll darauf gesetzt haben, dass die Italiener schon selbst mit Abu Omar fertig würden, großzügige technische Hilfe aus Langley sollte rasche Fortschritte bei den Ermittlungen sichern. Der Stationschef der CIA in Rom, Jeff Castelli, dagegen soll auf die Verschleppung gedrängt haben. Er setzte sich durch.
Warum hat Lady, wenn er die Aktion denn wirklich für falsch hielt, nicht protestiert? "Die CIA ist nicht gerade die Vorhut der Demokratie," sagt er. Soll heißen: Protest sei ohnehin nutzlos gewesen. Also hat er funktioniert. Als das Greifkommando in der Via Guerzoni Abu Omar auf dem Weg zum Mittagsgebet abpasste, traf sich Lady mit dem Chef der Mailänder Anti-Terror-Polizei zum Kaffee. Der war, anders als der italienische Geheimdienst, nicht eingeweiht. Lady sollte ein wachsames Auge auf ihn haben, während seine Kollegen zugriffen. Damit auch nichts schief geht. Fünf Tage nachdem Abu Omar über den US-Stützpunkt in Ramstein nach Ägypten ausgeflogen worden war, traf auch Lady in Kairo ein.
Für Robert Lady steht viel auf dem Spiel. Wenn das italienische Verfassungsgericht den Prozess nicht doch noch kippt und er verurteilt wird, kann die Justiz seinen geliebten Bauernhof beschlagnahmen. "Ich werde Italien nie mehr wiedersehen," klagte er gegenüber dem Journalisten Cole. Vielleicht wird der Ex-Agent doch noch reden. Er soll verbittert sein über die mangelnde Unterstützung der CIA. Geschützt würden heute in Washington nur noch diejenigen, die die Befehle gaben. Und nicht mehr Typen wie er, die dann die Drecksarbeit machten.
Robert Lady hat einen Satz gesagt, der wie eine Drohung klingt und wohl auch so klingen soll: "Manchmal denke ich, Scheiß drauf, ich habe nichts mehr zu verlieren."
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