Washington - Angesichts des wachsenden Widerstands gegenüber seiner Irak-Strategie hat US-Präsident George W. Bush die US-Bürger zur Geduld aufgerufen. Für die im Irak stationierten Soldaten sei es noch nicht an der Zeit, "zu packen und nach Hause zu gehen", sagte Bush in einer kurzen Ansprache zum vierten Jahrestag des US-geführten Einmarsches im Irak. Die neue Sicherheitsstrategie für Bagdad werde "Monate, nicht Tage oder Wochen" dauern, bis sie Wirkung zeige.
Präsident Bush: Abzug aus Irak hätte verheerende Konsequenzen für Sicherheit der USA
Am Vorabend des vierten Jahrestags des Irak-Kriegs wies Bush erneut auf die bereits erreichten Fortschritte hin: Ein Diktator sei gestürzt und für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen worden, zwölf Millionen Iraker hätten frei wählen können, ihre Führer arbeiteten nun am Aufbau einer demokratischen Gesellschaft. Ohne wie früher ausdrücklich von einem "Sieg" zu sprechen, betonte Bush, noch könne der Kampf gewonnen werden.
74 Prozent fühlen sich in ihrer Nachbarschaft nicht sicher
Während sich Bush vom langfristigen Erfolg seiner Strategie überzeugt zeigte, macht sich innerhalb der irakischen Bevölkerung Resignation breit. Vier Jahre nach Beginn des Irak-Kriegs sind die Iraker verzweifelter denn je - die Ergebnisse einer Umfrage unter 2000 Irakern stehen in einem starken Kontrast zu Bushs Ausführungen. In einer von Gewalt und einem fast vollständigen Zusammenbruch der zivilen Infrastruktur geprägten Gegenwart glauben nur noch 42 Prozent der Befragten, dass es ihre Kinder einmal besser haben werden. Kurzfristig rechnet sogar nur etwas mehr als ein Drittel der Iraker damit, dass sich ihre Situation deutlich oder teilweise verbessert. Bei früheren Umfragen in den Jahren 2004 und 2005 hatten noch rund 80 Prozent der Befragten mit Optimismus in die Zukunft geblickt.
Drei Viertel aller Befragten trauen sich kaum noch vor ihre eigene Haustür - 74 Prozent sagten, sie fühlten in ihrer eigenen Nachbarschaft nicht mehr sicher, was für sie das größte Problem überhaupt ist. Sorge um die eigene Sicherheit bekundeten damit gut doppelt so viele Menschen wie bei einer vergleichbaren Befragung im November 2005. Fast die Hälfte kann mittlerweile über Gewaltopfer im engsten Familien- und Freundeskreis berichten, wie die Erhebung ergab, die das Meinungsforschungsinstitut D 3 Systems im Auftrag von WDR/ARD, ABC News, BBC und der Zeitung "USA Today" durchführte.
Die Hauptschuld für die Gewalt im Land lasten viele Befragten den USA und Präsident Bush an. 40 Prozent machten sie für die schlechte Sicherheitslage verantwortlich, nur 18 Prozent nannten islamistische Kämpfer aus dem Umfeld von al-Qaida als die eigentlichen Verantwortlichen. So sprachen sich auch fast 80 Prozent der Befragten gegen die Anwesenheit ausländischer Truppen auf irakischem Territorium aus, weil sie darin eine wesentliche Ursache für die Gewalt sahen.
51 Prozent aller Befragten halten Anschläge für legitim
Erstmals werden bei dieser Umfrage Anschläge auf die Besatzungstruppen mehrheitlich verteidigt. 51 Prozent aller befragten Iraker und sogar 94 Prozent der sunnitischen Bevölkerung halten solche Angriffe demnach für legitim - das sind drei Mal so viele wie bei einer vergleichbaren Umfrage 2004. Auch zeigten sich insgesamt 53 Prozent (96 Prozent der Sunniten) überzeugt, dass die Hinrichtung des gestürzten Staatschefs Saddam Hussein den Versöhnungsprozess nicht gefördert hat.
Auch innerhalb der US-Bevölkerung schrumpft die Zustimmung zu Bushs Irak-Strategie weiter. Nach einer neuen CNN-Umfrage befürworten nur noch 32 Prozent der US-Bürger den Krieg; kurz nach seinem Beginn am 20. März 2003 waren es noch 72 Prozent. In mehreren US-Städten hatten am Wochenende Zehntausende Menschen gegen den Krieg im Irak demonstriert. Die oppositionellen Demokraten wollen nun ihren Druck für einen raschen Truppenabzug weiter erhöhen. Mitte der Woche berät das Repräsentantenhaus über weitere Gelder für die Kriege in Irak und Afghanistan; vergangene Woche hatten die Demokraten deren Bewilligung mit der Forderung verknüpft, dass die US-Kampfeinheiten den Irak spätestens zum September 2008 verlassen müssen.
Im Irak hielt die Gewalt unterdessen weiter an: Am Montag starben wieder mindestens 23 Menschen bei Anschlägen und Angriffen, darunter allein 15 in der Öl-Metropole Kirkuk.
Mit Blick auf einen Vorstoß der Demokraten, den Irak-Einsatz bis Herbst 2008 zu beenden, erklärte Bush: "Es kann verlockend sein, sich die Herausforderungen im Irak anzuschauen und zu dem Schluss zu kommen, dass es unsere beste Option ist, einzupacken und nach Hause zu gehen." Ein Rückzug würde jedoch allenfalls kurzfristig zufrieden stellen, während die Folgen für die Sicherheit der USA verheerend wären.
anr/AFP/AP
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