Von Gabriela Keller, Damaskus
Seit seiner Entlassung im Januar 2006 versucht Seif trotz strengster Überwachung, an der Gründung seiner liberalen Partei weiterzuarbeiten. Doch sobald er nur drei Besucher hat, sprengt der Geheimdienst das Treffen. "Sie können es nicht hinnehmen, dass sich ein paar alte Männer zusammensetzen, das zeigt doch, wie nervös sie sind", sagt er. "Deshalb tun sie alles, um uns abzuhalten, den Menschen unsere Argumente zu bringen. Und der internationalen Gemeinschaft wollen sie zeigen, dass es keine Alternative zu ihnen gibt, nur sie oder Chaos."
Syrien hat mit der Kampagne gegen die Opposition auf seine internationale Bedrängnis reagiert. Bis heute steht Damaskus unter Verdacht, für die Ermordung des libanesischen Ex-Premiers Rafiq Hariri im Februar 2005 verantwortlich zu sein. "Angesichts der Bedrohung von außen wollten sie im Land für Ruhe sorgen", sagt George Sabra, Mitglied der illegalen Syrischen Demokratischen Volkspartei. Jeder Kritiker galt von da an als Feind. Wer nicht von selbst einscherte, wurde zum Schweigen gebracht, berichtet Sabra: "Sie haben begonnen, die Republik der Angst wiederzuerrichten."
Weil der Westen nach neuen Wegen sucht, Syrien einzubinden, fühlt sich das Regime bestätigt und zieht innenpolitisch weiter an. Zusätzlich hat der internationale Druck die demokratischen Aktivisten als Agenten des Westens angreifbar gemacht. Damit ist der ohnehin geringe Rückhalt der wenigen Intellektuellen im Volk weiter gesunken. "Die Frage nach Demokratie wird aufkommen, wenn wir Redefreiheit haben", sagt der Autor und Menschenrechtler Radwan Ziadeh. "Wie aber sollen wir das ohne Diskussionen erreichen? Es ist unmöglich, in einem totalitären Staat ein Bewusstsein für Demokratie zu wecken."
Die Menschen in Syrien sehnen nach Ansicht des Dissidenten durchaus Reformen herbei. Denn die Arbeitslosigkeit von über 20 Prozent, die stagnierende Wirtschaft, die Korruption, all das bereite den Syrern zunehmend Sorge. "Aber niemand kommt auf die Idee, zu demonstrieren, weil es keine Opposition, keine freie Presse und kein unabhängiges Parlament gibt." Der 30-Jährige zieht die Schultern hoch.
Die Hoffnung ist ihm längst abhanden gekommen. Dabei war Baschar al-Assad die Nachfolge seines Vaters Hafez im Jahr 2000 als Reformer angetreten. Immer wieder hatte Syrien zu Beginn seiner Amtszeit zaghafte Schritte in Richtung Freiheit gewagt. Der junge Präsident hatte auch Internet und Satellitenfernsehen ins Land gelassen und dem Volk damit einen Zugang zu unabhängigen Informationen eröffnet. Während es in den achtziger und neunziger Jahren unmöglich war, politische Themen auch nur anzusprechen, tauschen sich die Menschen heute in Kaffeehäusern aus.
Einen Fortschritt kann der Regimekritiker Yassin al Haj Saleh dennoch nicht erkennen. "Es ist ja noch dasselbe Regime", sagt er. "Und nun zeigt sich, wie sehr der Sohn dem Vater ähnelt." Unter Hafez al Assad verbrachte der Journalist sechzehn Jahre in Haft. Er war 19, als er ins Gefängnis kam, weil er einer kommunistischen Partei angehörte. Ein Jahr verbrachte er unter schwerer Folter in Syriens berüchtigtstem Gefängnis in der Wüstenstadt Tadmor. Auf alle Anzeichen, dass die engen Grenzen der Freiheit sich wieder zusammenziehen, achtet er daher mit Wachsamkeit. "Bis vor zwei Jahren haben die Leute geredet, ohne sich vorher umzudrehen", meint er. "Jetzt wenden wieder sie den Kopf und senken die Stimme."
Am 22. April sollen die Bürger in Syrien wählen. Erfahrungsgemäß werden die meisten dieses Datum an sich vorbeiziehen lassen: Vor vier Jahren lag die Beteiligung unter zehn Prozent. Der Wind hat einige der Wahlplakate bereits wieder von den Fassaden gerissen. Zusammengeknautscht wehen sie nun mit leeren Chipstüten durch den Staub am Straßenrand.
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