Noch in der heißen Phase der Revolution war Georgij Kirpa, einer der mächtigsten Männer des Landes, Finanzier und Drahtzieher des Wahlkampfs Janukowitschs und dessen innerparteilicher Konkurrent, tot in seiner Datscha nahe Kiew gefunden worden. Neben der Leiche lag eine Schusswaffe. Die Rivalität zwischen Kirpa und Janukowitsch war im Sommer 2004 eskaliert und entlud sich nach der ersten Stichwahl in einer wilden Prügelei, in deren Folge Kirpa in eine Klinik eingeliefert wurde. Janukowitsch soll ihn krankenhausreif geschlagen haben. Als sich Kirpa im Lauf der Massenproteste weigerte, Transportkapazitäten für Janukowitsch-Unterstützer aus dem Osten und Süden des Landes nach Kiew bereit zu stellen, war seine Todesstunde gekommen. Ein Tag nachdem die in der Hauptstadt erwarteten Prügelkommandos ausgeblieben waren, fand man den Minister tot auf.
Übermacht der Orangenen gebrochen
Janukowitsch ist zum starken Mann in der Ukraine geworden. Die inzwischen als Kreml-nah - und damit Janukowitsch-freundlich - geltende russische Zeitung "Kommersant" hat bereits das "Ende der Ära" Juschtschenko ausgerufen. Dessen politische Zukunft habe keine Perspektive mehr. Mit Janukowitsch aber rückt die Ukraine wieder weiter von Europa weg. Er bekennt sich zwar offiziell zu einem Nato-Beitritt, handelt jedoch politisch ständig dagegen. Energiepolitisch wird sich Janukowitsch mit Russland leichter arrangieren als dies Juschtschenko zu tun gewillt war.
In den Straßen Kiews traten die Anhänger der EU-freundlichen Reformkräfte längst nicht mehr so stark auf wie während der Orangenen Revolution. Ihre Übermacht scheint gebrochen. Am Wochenende mobilisierten beide Lager Zehntausende - genaue Zahlen gibt es nicht -, um ihren Zielen Nachdruck zu verleihen.
Der Machtkampf eskaliert. Die Aussichten, dass Juschtschenko als Sieger daraus hervorgeht, sind nicht gut. Neuwahlen (eventuell am 27. Mai) werden voraussichtlich Janukowitsch weiter stärken. Dennoch kämpft er gegen das Vorgehen des Präsidenten. Der Beschluss zur Auflösung des ukrainischen Parlaments durch den Präsidenten ist am Morgen mit der Veröffentlichung im Amtsblatt zwar in Kraft getreten. Doch in offensichtlicher Missachtung des präsidialen Erlasses berief das von Janukowitsch dominierte Parlament eine Sondersitzung ein. Dabei verabschiedete es eine Resolution, nach der es seine Arbeit fortsetzen will und das Kabinett aufrief, dies ebenfalls zu tun.
Janukowitsch ist es gelungen, Juschtschenko, Lichtgestalt der Revolution, Hoffnungsträger der Massen vom Winter 2004, in den Schatten zu stellen. Inzwischen ist er so beflügelt, dass er bereits düstere Warnungen ausspricht: Juschtschenko droht er mit vorgezogenen Präsidentschaftswahlen, die er anstreben will. Dem orangenen Lager drohte er darüber hinaus zu mitternächtlicher Stunde und noch vor der Auflösung des Parlaments mit einer "dritten Option". Näheres sagte er dazu nicht. Die USA reagierten besorgt: Sie mahnten eindringlich, die Parteien sollten auf Gewalt verzichten.
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