• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Terrorismus Al-Qaida reloaded

2. Teil: Eine Pakistanisierung der al-Qaida - und was das für Europa bedeutet

Niemand nimmt an, dass al-Qaida heute wieder so organisiert ist wie vor 9/11, als es Gehaltschecks, Memos von Bin Laden und geregelte Urlaubszeiten gab. Auch sind die neuen Camps wohl nicht mit den Terrorschulen von einst vergleichbar. Aber der Trend ist klar: Es gibt zu viele unkontrollierbare Gebiete, als dass man al-Qaida komplett aus der Region zwischen Pakistan und Afghanistan vertreiben könnte. Die Organisation hat dort nicht allzu viel zu fürchten - und der eine oder andere Kader arbeitet nach Überzeugung der Dienste bereits wieder an internationalen Anschlagsszenarien.

Der Berliner Terrorexperte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) sieht ebenfalls einen "deutlichen Trend zur Reorganisation". Er gibt aber zu bedenken, dass nicht bei allen Personen, die genannt werden, klar ist, wie eng sie al-Qaida überhaupt verbunden sind.

Vor allem jedoch sieht er keine neue Qaida-Zentrale heranwachsen: "Wenn Reorganisation, dann unter anderen Vorzeichen", glaubt er. Die neuesten Entwicklungen lassen sich seiner Meinung nach am besten als ein Prozess der "Pakistanisierung al-Qaidas" darstellen. Steinberg verweist darauf, dass die Bedeutung pakistanischer militanter Gruppen in den letzten Jahren enorm gewachsen ist. So konnten beispielsweise die Anschläge in London vom 7. Juli als auch die verhinderten Anschläge vom 21. Juli 2005 nach Pakistan zurückverfolgt werden. "Es gibt eine pakistanische Terror-Infrastruktur und pakistanische Freiwillige - dass das von al-Qaida genutzt wird, ist das eigentlich Neue", meint Steinberg.

Die London-Connection scheint in der Tat zu einer entscheidenden Schiene des Terrors zu werden: Immer häufiger, berichtet die NYT, würden Briten in den pakistanischen Militärcamps aufgenommen. Anschläge gegen den Westen, gab Geheimdienstkoordinator McConnell kürzlich zu, würden vermutlich am ehesten von Pakistan aus geplant werden.

Frankreich sorgt sich vor Anschlägen bei der Wahl

Steinberg glaubt dennoch, dass die Geschichte vom Widererstarken der al-Qaida in Pakistan einen unpräzisen Fokus hat. Sein Argument ist allerdings nicht weniger beunruhigend.

Er verweist zum Beispiel darauf, dass sich die algerischen Dschihadisten kürzlich zu "Al-Qaida im islamischen Westen" umgetauft haben - ebenfalls ein Indiz, dass Bin Ladens Netzwerk nach wie vor handlungsfähig ist. Steinberg glaubt, dass Qaida-Anschläge, die in Nordafrika geplant werden, in Europa mindestens so wahrscheinlich sind wie solche, die von Pakistan ausgehen. Nach Berichten der panarabischen Zeitung "al-Hayat" treibt diese Sorge auch die französischen Dienste um: Sie sorgen sich davor, dass Dschihadisten aus Algerien oder Marokko die für April angesetzte Präsidentenwahl für einen spektakulären Anschlag nutzen könnten - nach dem Muster der Anschläge von Madrid 2004, die ebenfalls kurz vor einem Wahlgang stattfanden und, wie von Qaida-Strategen vorhergesagt, zu einem Regierungswechsel und dem Abzug Spaniens aus dem Irak führten. Frankreich ist, ähnlich wie Deutschland, in Afghanistan präsent.

Der US-amerikanische Terrorexperte Bruce Hoffman sagte angesichts der jetzt immer klarer hervortretenden Entwicklungen bereits vor einem halben Jahr im Interview mit SPIEGEL ONLINE: "Al-Qaida ist gefährlicher als vor dem 11. September."

Der Berliner Experte Steinberg plädiert für eine nüchternere Betrachtungsweise. Aber auch die kann nicht beruhigen. "Al-Qaida", sagt er, "hat bewiesen, dass sie sich nicht einfach ausschalten lässt. Das ist schon ein Triumph. Denn Terroristen müssen nur nicht verlieren, um zu gewinnen."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP