Von Kim Rahir, Paris
Paris - Erst trat die sozialistische Kandidatin Ségolène Royal vor allem bei Besuchen im Ausland gern ins Fettnäpfchen. Jetzt hat ihr konservativer Rivale Nicolas Sarkozy mit Äußerungen zur Pädophilie in einer philosophischen Zeitschrift einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Er neige dazu zu glauben, "dass man als Pädophiler geboren wird, und es ist ein Problem, dass wir diese Krankheit nicht in den Griff bekommen", sagte der ehemalige Innenminister in einem Gespräch mit dem Philosophen Michel Onfray, das in "Philosophies magazines" veröffentlicht wurde. Dann fügte er noch hinzu, dass auch die 1200 oder 1300 Teenager, die sich jedes Jahr in Frankreich das Leben nehmen, eine "genetische Veranlagung" aufwiesen, und keineswegs immer ein Versagen der Eltern dafür verantwortlich sei.
"Eiskalt" laufe es ihm bei solchen Sprüchen den Rücken herunter, reagierte der zentrumsliberale Kandidat François Bayrou. Der Gedanke, dass Pädophilie angeboren sei "würde bedeuten, dass man keine Chance hat, dass das Schicksal von vorneherein feststeht. Ich glaube nicht, dass es in Frankreich einen einzigen Psychiater oder Arzt gibt, der solche Sätze hört und nicht erzittert", geißelte Bayrou Sarkozys Äußerungen.
Royal und ihre Mitarbeiter kritisierten die Aussagen ebenfalls, zeigten sich zunächst aber weniger bewandert in der Debatte um die Frage, welche menschlichen Eigenschaften angeboren und welche erworben sind. Es sei "Aufgabe der Wissenschaftler", sich zu diesem Thema zu äußern, sagte Jean-Louis Bianco, einer der Wahlkampfmanager von Royal. Auch rechtsaußen wurden die Sätze Sarkozys zurückgewiesen. Diese Gedanken seien von der Forschung schon lange ad acta gelegt worden, sagte der Rechtsextreme Jean-Marie Le Pen. Der Rechtsnationalist Philippe de Villiers sagte, es gebe "keine Vorbestimmung" des Menschen. Und selbst der Erzbischof von Paris, André Vingt-Trois, griff mit einer heftigen Kritik am einstigen Innenminister in die Debatte ein: "Der Mensch ist frei. Vergessen wir auch nicht, dass wir in einer Gesellschaft leben, die eine genetische Jagd veranstaltet", sagte der Geistliche in einem Hörfunkinterview.
Die kleine Reue und die große Linie
Seither versucht Sarkozy abzuwiegeln. Ohne ein Jota von seinen Aussagen abzuweichen, ruft er seine Rivalen auf, sich zu beruhigen. "Jeder sollte Ruhe bewahren", sagte er am Osterwochenende, "mit Angriffen auf die anderen macht man keine Punkte in den Umfragen". Es müsse doch wohl erlaubt sein, über ein solches Thema zu diskutieren, sagte der 52-Jährige gestern Morgen im französischen Fernsehen. Dafür sei ein Wahlkampf ja wohl da.
Die Bemühungen Sarkozys, sich versöhnlich und entspannt zu geben, seien unverkennbar, kommentierte die Tageszeitung "Le Parisien" heute. Der oft als nervöser Heißsporn dargestellte Politiker tue alles, um "sein Image zu verbessern". Das spricht dafür, dass Sarkozy, der bislang stets alle Umfragen anführt, diese zweite von ihm ausgelöste Polemik im Wahlkampf vielleicht doch ein wenig bereut. Die ersten heftigen Reaktionen hatte er mit seiner Ankündigung provoziert, er wolle ein Ministerium für Einwanderung und nationale Identität gründen.
Sogar die gerade von ihm angeworbene beliebte Liberale Simone Weil setzte sich von diesem Vorschlag ab. Die Umfragewerte Sarkozys dagegen kletterten umgehend weiter nach oben. Seine Aussagen zur Pädophilie könnten allerdings wirklich nach hinten losgehen - denn sie setzen eine politische Linie fort, mit der er schon im vergangenen Jahr als Innenminister auf massiven Widerstand gestoßen war.
Beteuerungen mit Unschuldsmiene
Damals hatte er einen Gesetzentwurf zum Kampf gegen Jugendkriminalität eingebracht. Dazu gehörte auch eines seiner Steckenpferde: das Alter für Strafmündigkeit zu senken. Eine Welle des Widerspruchs hatte jedoch eine Formulierung des Gesetzes ausgelöst, die verlangte, dass schon im Kindergarten ab dem Alter von drei Jahren Verhaltensauffälligkeiten aktenkundig gemacht werden sollten. Eine Petition gegen diese Bestimmung hatte innerhalb weniger Wochen über 100.000 Unterschriften von Wissenschaftlern, Lehrern, Ärzten, Psychiatern und Eltern zusammengebracht. Genetisch vorbestimmt und im Kindergarten in die Kartei der potentiellen Verbrecher aufgenommen - dieses Schicksal fürchten Sarkozys Kritiker nun für Kinder, "nur weil sie im Kindergarten Bauklötze geklaut haben". Anfang 2006 ließ Sarkozy die entsprechende Bestimmung am Vorabend der Lesung des Entwurfs im Parlament sang- und klanglos fallen.
Doch diese Methode funktioniert im Wahlkampf nicht. Auch deshalb hält Sarkozy an seinen Äußerungen fest - wobei er mit Unschuldsmiene beteuert, dass er ja nur "darüber reden" wolle. Diese Haltung passt zu dem Balanceakt, den der der Parteichef der UMP seit seiner Nominierung zum Kandidaten im Januar vollführt: Er verficht mit Härte seine Themen der inneren Sicherheit, der nationalen Identität und der "Arbeit, die sich wieder lohnen muss" - versucht aber gleichzeitig als geläuterter, demütiger, ja geradezu liebevoller Patriot dazustehen. "Präsident sein ist, so wie ich es sehe, eine Askese, es heißt sich selbst zu vergessen, sein persönliches Glück, seine Gefühle, seine Interessen hintanzustellen", sagte er mit großem Pathos.
Die Erwartungshaltung der Wähler, vor allem der über 40 Prozent nach wie vor Unentschlossenen, schätzt Sarkozy damit vermutlich richtig ein. "Die Kandidaten werden diesmal nicht nach dem Inhalt ihres Programms beurteilt, sondern nach der Kohärenz zwischen der Persönlichkeit, ihren Werten und ihrem Projekt", sagt der Meinungsforscher Stéphane Rozès vom Institut CSA. Und hier setzen die Gegner an: Sarkozys Aussagen zeigten seine "Brutalität", sagte Royal in einer neuen Attacke seines Pädophilie-Interviews im Fernsehen - und versuchte damit das mühsam gepflegte Bild vom geläuterten Politiker auf dem Weg ins höchste Staatsamt zu demontieren. Sarkozys Vordringen in die zweite Runde scheint den Umfragen zufolge sicher. Doch erst im entscheidenden Durchgang am 6. Mai wird sich zeigen, ob die Franzosen die von ihm präsentierte Mischung aus hartem Chef und entsagungsvollem Landesvater stimmig finden.
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