Von Bernhard Zand
Tatsächlich haben sich die Gewichte in Bagdad verschoben, seit Nuri al-Maliki sein Amt antrat. Der Premierminister ist heute nicht mehr auf das Wohlwollen Muktada al-Sadrs angewiesen. Er hat, mit Beginn der Sicherheitsoffensive im Februar, die eine Miliz gewissermaßen gegen eine andere getauscht – die US-Armee. George W. Bush hat alle Jetons auf Maliki gesetzt; diese Allianz wird halten, zumindest bis entweder der US-Kongress Bushs Irak-Pläne durchkreuzt oder sich in Bagdad eine Mehrheit gegen Maliki findet. Danach sieht es allerdings nicht aus. Nicht nur die Amerikaner stützen Maliki, auch der schiitische Klerus steht hinter ihm.
Ist der Rückzug seiner Minister demnach der Anfang vom Ende der politischen Karriere Muktada al-Sadrs? Gewiss nicht: Sadr verfügt, wie die Demonstration Hunderttausender seiner Anhänger letzte Woche in Nadschaf zeigte, über eine breite Basis – wahrscheinlich die breiteste aller politischen Führer des Nachkriegsirak. Und er ist, anders als Qaida-Führer wie der im vergangenen Juni getötete Abu Musab al-Sarkawi, kein Irrer, sondern ein flexibler Politiker: Im April 2004 unterstützte er, der Schiitenführer, die sunnitischen Aufständischen in Falludscha gegen die US-Armee, im Dezember 2005 beteiligte er sich an den Wahlen und bei der Demonstration gegen die Amerikaner letzte Woche befahl er seinen Anhängern, nur mit irakischen Fahnen auf die Straße zu gehen – nicht mit Sadr-Portraits, die nationalistische Sunniten verschrecken könnten.
Muktada al-Sadr baut sich auf als ein schiitischer irakischer Nationalist: gegen die Amerikaner, aber auch gegen die Tendenzen seiner eigenen Konfessionsbrüder, die eine Abspaltung des schiitischen Südens im Sinn haben. Auch wenn er längst nicht alle seiner Kohorten im Griff hat und ihre Mordbrennerei womöglich sogar duldet – in seinen Reden jedenfalls folgt er einem Motto, das sein Schwiegervater Mohammed Bakr al-Sadr geprägt hat: "Ich bin für dich, mein Sohn – ob du nun Schiit oder Sunnit bist, Kurde oder Araber."
Sollte er nicht, wie so viele aus seiner Familie, einem Attentat zum Opfer fallen, wird Muktada al-Sadr eine entscheidende Figur bleiben. "Man kann Geschäfte mit ihm machen", hat der 2005 ermordete Ex-Premier Rafik Hariri einmal über den libanesischen Schiitenführer Hassan Nasrallah gesagt. So ähnlich reden irakische Politiker hinter vorgehaltener Hand über Sadr. Gut möglich, dass der Rückzug seiner Minister Teil eines solchen Geschäfts war, Premier Maliki jedenfalls begrüßte den Schritt "Seiner Eminenz Muktada al-Sadr". Wie üblich im Nahen Osten wird es eine Weile dauern, bis man weiß, ob – und für wen sich das Geschäft gelohnt hat.
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