Paris - Das entscheidende Duell um das Amt des französischen Staatspräsidenten hat begonnen: Vor rund 20 Millionen Zuschauern kämpfen der Konservative Nicolas Sarkozy und die Sozialistin Ségolène Royal um die Stimmen der unentschiedenen Wähler.
Im Rennen um die Nachfolge von Präsident Jacques Chirac ist der Vorsprung des konservativen früheren Innenministers vor der Sozialistin zuletzt leicht geschmolzen. Laut jüngsten Umfragen steht es 52 zu 48 Punkte. Die Debatte ist Royals letzte Chance ihren Kontrahenten zu überflügeln.
SPIEGEL ONLINE präsentiert Ihnen das Duell in Kooperation mit "Arte" als Live-Videostream. Zudem können Sie im Live-Ticker verfolgen, wie sich die Kandidaten während des Duells schlagen. Der französische Journalist Lucas Delattre kommentiert für SPIEGEL ONLINE live den Verlauf der Redeschlacht:
23:40 Ich denke, jetzt haben viele Franzosen den Fernseher ausgeschaltet. Das Ende naht. Die Debatte wird persönlicher. "Was halten Sie voneinander?" Nur Gutes! Wie hölflich! "Hier geht es auschließlich um eine Ideendebatte", sagen beide Politiker, wohlwissend, dass die Politikverdrossenheit in Frankreich groß ist.
Es muss gezeigt werden, dass die junge Generation von Politikern nur aus Überzeugung, nicht mehr aus Machtgier, agiert.
23:30 Thema Einwanderung. Sie hat einen Pluspunkt damit gemacht, dass sie gesagt hat, sie wolle nicht wie Sarkozy vorgehen: erst die Zahl der Ausländer festzulegen, die nach Frankreich einwandern dürfen, und dann diese Zahl bürokratisch einzuhalten. Sie will "humaner" vorgehen und wirkt hier glaubwürdiger.
23:22 Komischerweise greift Ségolène ihren Kontrahenten nicht mehr an, obwohl es jetzt um die Einwanderungspolitik geht. Was ist los? Entweder ist sie sehr müde oder sie weiß, dass dieses Thema zu kompliziert ist, um damit zu punkten.
23:18 Erstaunlich: Irak ist heute Abend kein Thema, wohl aber Darfour und Afrika, dann China. Blickwinkel: Einwanderung (Afrika), Zukunft der Demokratie (China).
Wer steht besser für die Tradition Frankreichs als Land der Menschenrechte?
23:17 Thema Europa: sofort geht es um die Türkei. Sarkozy hat eine sehr klare Linie: die Türkei gehört nicht dazu! Sie sagt: vielleicht, aber später.
Mehr als die Hälfte der Franzosen sind gegen den Beitritt der Türkei zur EU.
Wie traurig, dass es kein anderes europäisches Thema gibt heute Abend!
23:09 Man kann jetzt schon sagen: Er ist wahrscheinlich besser als sie (ein Freund, der der sozialistischen Partei sehr nahe steht, sagt mir: Drei zu Null für ihn).
Warum? Weil er (unerwarteterweise) seine Nerven sehr gut zusammen hält und besser weiß, was er sagen will.
Sie scheint, viel zu viel sagen zu wollen (man fragt sich: wieviel Gedächtnisstützen hat sie vor dem Duell durchgelesen?).
23:00 Die Augen von Ségolène werden rot. Sie wird müde. Erschöpft!
Jetzt geht es um die Schulpolitik und mehr und mehr zeigt sich, dass Sarkozy versucht, der "sozialste" zu sein: er will mehr tun, um behinderte Kinder in die Schulen zu integrieren.
Ségolène wird zum ersten Mal agressiv und spricht ihren Ärger aus: "Sie sind unmoralisch, Sie lügen, ich habe mehr als Sie getan, um den behinderten Kindern zu helfen".
Pluspunkt oder Minuspunkt für sie? Sie verliert ihre Nerven, schlecht für sie.
Auf jedem Fall: "Unmoralisch" wird in die Geschichtsbücher eingehen.
22:45 Achtung! Jetzt machen die beiden große Fehler: Sie spielt die Rolle der Oberlehrerin (Thema: Energiepolitik). Und er gibt zu, den Anteil der Nuklearenergie in Frankreich nicht genau zu kennen. Hinzu kommt, dass sie eine falsche Zahl nennt. Vor ein Paar Wochen wurde sie kritisiert, weil sie die genaue Zahl der Atom U-Boote nicht kannte.
Null zu Null!
22:35 Jetzt geht es darum, wer als "présidentiable" (dem Amt angemessen) erscheinen kann. Er macht jetzt Punkte, weil er ganz einfache und vernünftige Lösungen hat: niemand muss mehr als 6 Monate für den Staat arbeiten, zum Beispiel. Jeder muss seine Wohnung besitzen können. Mehr arbeiten, mehr verdienen, usw.
Hingegen: Ségolène ist eine starke Angreiferin (sehr begabt sogar!), aber ihre Vorschläge sind zu technisch und kompliziert.
22:20 Welche Botschaft ist bis jetzt klar geworden? Keine! Die Debatte ist langweilig, sehr technisch. Man ahnt, die katastrophale Lage der öffentlichen Finanzen wird den Spielraum des nächsten Präsidenten sowieso eng, sehr eng beschränken.
Jeder Zuschauer weiß das und hört deswegen nicht sehr präzise zu. Man konzentriert sich auf den Stil von Ségolène und Sarkozy.
Jetzt greift er doch an (Thema Rentenreform), aber noch ist er vorsichtig. Komischerweise schaut er sie nicht an (warum schaut er auf die zwei Journalisten?).
Er ist besser vorbereitet, kennt die Zahlen. Sie ist weniger präzise. Vielleicht wird dies früher oder später das Duell entscheiden.
Zu früh, um es zu sagen.
Das Wort Globalisierung ist noch nicht gefallen. Komisch. Alles dreht sich darum um Frankreich.
21:59 Unglaublich, wie Sarkozy versucht, seine Nerven zu kontrollieren. Er ist milde, höflich, lässt seine Kontrahentin sprechen. Es wird einem klar, wie stark seine Berater an ihn appelliert haben, nicht brutal zu wirken.
Jeder weiss, wie negativ es sein kann, wenn man den Anderen zu stark angreift (Laurent Fabius hatte einst wegen einem schweren Angriff sein Duell gegen Chirac verloren).
Royal springt von einem Thema zu dem anderen. Sie nennt den "sozialen Dialog" als ihr zentrales Thema, aber sie hört nicht zu und greift wieder und wieder an! Hat sie recht?
Man weiss, dass Sarkozy ein Machtmensch ist. Heute wirkt er jedoch wie ein Mann des Dialogs. Müsste er nicht jetzt auch mal angreifen?
21:40 Jetzt geht es um die Wirtschaftspolitik: Achillesferse der Sozialisten! Ségolène muss viel tun, um die kleinen und mittleren Unternehmen davon zu überzeugen, dass sie etwas für sie tun kann.
Die Debatte wird zu technisch (Wachstumspolitik, öffentliche Finanzen), und dann auch noch die Zukunft der öffentlichen Einrichtungen. Die Zuschauer werden sich bald langweilen!
Sarkozy gelingt es erneut, seine Kontrahentin nicht zu unterbrechen (sie scheint dagegen weniger gelassen zu sein). Er argumentiert professionnell gegen die 35-Stunden-Woche. Sie verliert einen Punkt.
"Ich habe 3000 Arbeitstellen in meiner Region kreiert", sagt sie. Schwach! Als würde noch irgendjemand in Frankreich glauben, der Staat sei für die Schaffung von Arbeitsplätzen verantwortlich?
21:20 Ségolène Royal greift als erste an. Logisch: Sie ist die Herausforderin. In schwarz gekleidet wirkt sie seriös und staatsmännisch. Sie muss aufpassen, weil sie jetzt ihren Kontrahenten oft unterbricht. Wer wird die Nerven als erster verlieren? Sarkozy gilt normalerweise als brutal und nervös: Heute versucht er offensichtlich, "cool" zu sein.
Warum spricht Ségolène sofort von der Gewalt in den "Banlieues", den Vorstädten? Um die Bilanz von Sarkozy als Innenminister besser angreifen zu können. Gewalt ist das erste Thema des Abends. Ségolène will zeigen, dass nur ein starker Staat (und nicht ein liberaler Staat à la Sarkozy) gegen die Gewalt vorgehen kann. Heute zeigt sich, dass die Situation in den Vorstädten alles andere bestimmt.
21:07 Beide Kandidaten sind psychisch gut vorbereitet und scheinen ihre Nerven zu kontrollieren. Sarkozy dramatisiert gleich beim Anfang. Er nennt die letzte Präsidentschaftswahl, bei der der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen den zweiten Wahlgang erreicht hat, einen "Tsunami". Er erklärt, dass er möglichst zwei Amtszeiten lang im Elysèe-Palast bleiben will und zeigt sich als Mann, der agiert.
21:00 Dieses Fernsehduell wird die Wahl vielleicht entscheiden. Die zentrale Frage ist: Wie werden die Wähler aus dem Bayrou-Lager wählen? Die Regeln sind streng: Die Minuten werden zwischen beiden Kandidaten genau gleich verteilt
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