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19.05.2007
 

Streit um Bikini-Werbung

Zu nackt in Istanbul?

Von Annette Großbongardt, Istanbul

In Istanbul tobt ein Streit zwischen Stadtverwaltung und Herstellern von Bademoden: Wie weit dürfen freizügige Werbeplakate für Bikinis gehen? Kritiker werfen der Behörde vor, sie verfolge islamistische Ziele. Der Bürgermeister wiegelt ab.

Istanbul - Das Model im knappen Schwimmdress lehnt sich an sonnenwarme Steine, die Hüfte ist neckisch zur Seite geknickt, einmal spreizt sie leicht die Beine – die Werbefotos für Bademoden wirken relativ harmlos, und doch ist um sie in der Türkei ein Streit entbrannt, der bereits einen Vorgeschmack auf den anstehenden Wahlkampf gibt.

Denn Kernthema der für den 22. Juli angesetzten vorzeitigen Neuwahlen ist der Konflikt zwischen Säkularen und Religiösen um den Einfluss des Islam in Politik und Gesellschaft, der sich jüngst an der gescheiterten Kandidatur des frommen Außenministers Abdullah Gül zum türkischen Staatspräsidenten entzündet hatte.

Das Klima ist aufgeheizt, fast jedes Wochenende demonstrieren Hunderttausende strikt Säkulare und Links-Nationalisten gegen die islamisch-verwurzelte "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" (AKP) von Premier Recep Tayyip Erdogan.

Sie werfen ihr vor, sie verfolge eine geheime islamistische Agenda und wolle die Türkei am Ende in einen Gottesstaat verwandeln. So muss Erdogan immer wieder beteuern, dass seine Partei nicht aus Islamisten besteht und er sich genauso der säkularen Verfassung der Republik verpflichtet fühlt wie jeder andere staatstreue Türke.

Um diesen Lagerkampf geht es auch im jüngsten "Bikini-Streit", wie ihn die Tageszeitung "Vatan" betitelt. Am Pranger steht diesmal die Istanbuler Stadtverwaltung, geführt von einem Bürgermeister der AKP, Kadir Topas. Aus "moralischen Gründen" verbiete dessen Behörde bestimmte freizügige Werbeplakate für Bikinis und Badeanzüge, klagen einige Bademodenhersteller.

Sie sprechen von Zensur und Beschränkung ihrer unternehmerischen Freiheit. Eine Firma erklärte, ihr sei als ein Ablehnungsgrund mitgeteilt worden, dass sich bei besonders aufreizenden Plakatflächen die Unfallgefahr erhöhe. Sofort überschlugen sich die Zeitungen mit alarmierenden Berichten. "Wird das hier ein Land der Mullahs wie in Iran?", fragte die liberale Tageszeitung "Vatan".

"Vom Badeanzug zum schwarzen Ganzkörperschleier"

Für die Gegner Erdogans und der AKP ist die Kritik der Bikini-Firmen ein willkommener Beleg für die unterstellten islamistischen Ziele der AKP. Insgesamt vier Firmen seien Genehmigungen für Werbeflächen versagt worden, hieß es in der türkischen Presse. Nun sei der Beweis geführt, frohlockte die noch unter Staatsgründer Atatürk begründete säkulare Kampf-Zeitung "Cumhuriyet", dass die AKP nur Lippenbekenntnisse zum säkularen Staat abgebe.

"Vom Badeanzug zum schwarzen Ganzkörperschleier", überschrieb sogar die liberale Milliyet ihren Kommentar, in dem der Autor allen Ernstes behauptet, Istanbul sei damit sozusagen zu einer "Schwesterstadt Teherans" geworden. Bereits im vergangenen Jahr, erklärte die Bademodenfirma "Sunset", seien einige ihrer gewünschten Plakate verweigert worden.

Als Beispiel druckte die "Milliyet" ein Foto ab, auf dem ein sogar eher konservativer Badeanzug zu sehen ist, der lediglich den Beginn eines ansehnlichen Brustansatzes erkennen lässt. Das Massenblatt "Sabah" hatte ein getigertes Bikini-Modell zu bieten, das durch einen Verbindungsstreifen zwischen Ober- und Unterteil sogar den Bauchnabel bedeckt. "Verboten", schrieb die Zeitung anklagend daneben. "Die Behörde informierte uns, dass wir solche Bilder erst gar nicht einzureichen brauchten", erklärte Sunset-Firmenchef Kemal Günes in Zeitungsinterviews, sie seien mit den allgemeinen moralischen Prinzipien der Türkei nicht vereinbar. Daraufhin habe man sich entschlossen, nur relativ bedeckte, konservative Modelle vorzulegen. Diese seien dann auch genehmigt worden.

"In 20 Ländern zeigen wir unsere Poster, warum geht das nicht hier in der Türkei?", klagt auch der Chef der Firma "Zeki Trio", Zeki Baseskioglu: "Mache ich denn etwas Verwerfliches?" Eigentlich hätten die Schwierigkeiten schon Ende der neunziger Jahre begonnen, als Premier Erdogan noch Bürgermeister von Istanbul war. Als eine Art Protest gegen die "Zensur" habe man sogar einmal ein Poster von Atatürk im Badedress plakatiert.

Dossier bei der Staatsanwaltschaft

Die Istanbuler Stadtverwaltung weist alle Vorwürfe zurück. "Es hat nie Beschränkungen für diese Reklame gegeben", erklärte Bürgermeister Topas noch vom Klimagipfel in New York, an dem er teilgenommen hatte. In einer Presseerklärung greift sein Büro die Kritiker an und erklärt, die meisten der Firmen, die sich nun beschwerten, hätten noch nicht einmal Anträge gestellt. Wenn sie nun erklärten, sie hätten schon im Voraus gewusst, dass man sie ablehne, sei das "nicht akzeptabel".

Etliche Firmen, so die Stadt, hätten in den vergangenen Jahren in Istanbul Poster mit ihren Bademoden plakatiert. Die Bilder von Sunset seien in diesem wie im vergangenen Jahr genehmigt worden – allerdings nur die "korrekten" Modelle, hält der Besitzer dagegen. Die Zeitung "Milliyet" druckte zum Beweis der Vorwürfe Auszüge aus einem Ablehnungsbescheid. Die Stadtverwaltung veröffentlichte dagegen den jüngsten Genehmigungsbescheid für Sunset – und verweist darin auch auf Reklame-Vorschriften, die, neben dem Verbot gewaltverherrlichender, rassistischer, diskriminierender oder sonstiger problematischer Darstellungen, auch die Vereinbarkeit mit den "allgemeinen sittlichen, moralischen und ethischen Regeln" anführt.

Die jüngste Werbegenehmigung für die Firma Sunset trägt interessanterweise den Stempel vom 17. Mai, dem Tag, an dem die Vorwürfe in der Presse standen. Glaubt man der Zeitung "Sabah", dann könnte die Affäre sogar für Premier Erdogan noch hochgradig brenzlig werden – ihrem Bericht zufolge sind die Vorwürfe bereits in ein Dossier bei der Staatsanwaltschaft am Obersten Gericht eingeflossen. In dieser Akte sammeln Ermittler angeblich schon seit einiger Zeit Hinweise auf Fälle, in denen die AKP gegen das Laizismus-Prinzip verstoßen habe. In Ankara, so die "Sabah", gebe es Gerüchte, dass damit womöglich ein Verbotsverfahren gegen die AKP eingeleitet werden könnte. Das scheinen die Wunschträume der AKP-Gegner zu sein.

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