Berlin/Kunduz - Franz Josef Jung (CDU) brach unmittelbar nach der Nachricht am Vormittag eine Privatreise nach Kopenhagen ab und flog nach Berlin zurück. Er gab bekannt, dass mehrere deutsche Soldaten getötet, weitere schwer verletzt worden seien. Eine genaue Zahl nannte Jung nicht.
Der Minister drückte den Angehörigen sein Mitgefühl aus. "Mit großer Bestürzung und Betroffenheit habe ich von den feigen Anschlägen auf unsere deutschen Soldaten und die afghanische Zivilbevölkerung in Kunduz erfahren, bei denen mehrere deutsche Soldaten ihr Leben ließen und weitere schwer verletzt wurden", erklärte Jung. "In dieser Stunde gilt unser besonderes Mitgefühl den Angehörigen."
Nach Angaben der afghanischen Behörden wurden bei dem Selbstmordanschlag in Kunduz drei deutsche Soldaten getötet und zwei weitere verletzt. Es ist der folgenschwerste Überfall auf die Bundeswehr in Afghanistan seit vier Jahren. Im Juni 2003 waren vier deutsche Soldaten getötet und 29 verletzt worden, als ihr Bus von einem Selbstmordkommando angegriffen wurde. Derzeit sind knapp 3200 deutsche Soldaten in Afghanistan im Einsatz.
Staatssekretär Peter Wichert befinde sich derzeit in Nordafghanistan und sei auf dem Weg zum Ort des Anschlags, Wichert werde dort am Mittag erwartet, hieß es im Ministerium in Berlin.
Patrouillenfahrt auf den Markt
Ein Sprecher des Nato-Kommandos in Kabul hatte gegenüber SPIEGEL ONLINE bestätigt, dass bei einem Bombenanschlag in Kunduz mehrere Isaf-Soldaten getötet worden seien. Ein Untersuchungsteam sei damit beauftragt, den Vorfall aufzuklären. Es müsse geprüft werden, ob Taliban oder Drogenbarone hinter dem Anschlag stecken.
Nach Informationen von SPIEGEL TV wurden drei verletzte Soldaten ins deutsche Camp gebracht, von wo aus sie nach Deutschland geflogen werden sollen. Zwei der Verletzten wurden bereits operiert. Für das Camp wurde eine Ausgangsperre verhängt.
Zuvor hatte General Nur Mohammed, Sicherheitschef der Stadt, gesagt, ein Selbstmordattentäter habe eine Patrouille der Bundeswehr angegriffen. Zudem seien vier Zivilisten ums Leben gekommen und zwölf weitere Menschen verletzt worden.
Die Soldaten seien zu Fuß und in einem Fahrzeug unterwegs gewesen, teilten die afghanischen Behörden mit. Ein Augenzeuge sagte, er habe plötzlich ein lautes Geräusch gehört. "Wir sahen dicken schwarzen Rauch und Menschen, die wegliefen."
Der Polizeichef der Provinz, General Ajub Salangi, erklärte, zwei Fahrzeuge der Bundeswehr seien bei einer Patrouillenfahrt auf den Markt gefahren. Dort seien die Soldaten dann mit ihrem Übersetzer ausgestiegen, um etwas einzukaufen, als der Attentäter seinen Sprengsatz zündete.
Örtliche Sicherheitskreise machten die radikal-islamischen Taliban für den Angriff verantwortlich. In der vergangenen Woche hatten US-Truppen den Militärchef der Taliban, Mullah Dadullah, getötet. Die Taliban hatten Rache geschworen.
Schwerster Anschlag seit 2003
Der Anschlag ist der schwerste auf die Bundeswehr in Afghanistan seit Juni 2003, als ein Selbstmordattentäter in der Hauptstadt Kabul ein mit Sprengstoff beladenes Taxi in einen Bus mit deutschen Soldaten steuerte. Damals starben vier Bundeswehr-Soldaten, 29 wurden verletzt. Vor dem jüngsten Anschlag in Kunduz hatte der Afghanistan-Einsatz bereits 18 deutsche Soldaten das Leben gekostet. Zehn davon kamen gewaltsam ums Leben, acht bei Unfällen.
Zuletzt hatten Gegner der Nato-Truppen in der Provinz Kunduz im Juni vergangenen Jahres Anschläge auf deutsche Soldaten verübt. Bei einem Angriff auf einen Konvoi der Bundeswehr kamen damals zwei Afghanen ums Leben, Deutsche kamen nicht zu Schaden. Beim Beschuss ihrer Patrouille wurden in der Nähe von Kunduz im selben Monat drei Bundeswehrsoldaten leicht verletzt.
Derzeit sind mehr als 3150 deutsche Soldaten vor allem im Norden Afghanistans stationiert, der bisher als vergleichsweise ruhig galt. Zudem sind sechs Tornado-Aufklärungsflugzeuge der Bundeswehr im hart umkämpften Süden im Einsatz.
Die Entsendung deutscher Armee-Einheiten in das bürgerkriegszerstörte Land ist innenpolitisch heftig umstritten. Kritiker betrachten den Tornado-Einsatz als direkte Kriegsbeteiligung. Das Bundesverfassungsgericht wird in den nächsten Monaten entscheiden, ob er vom Grundgesetz gedeckt ist. Nach Auffassung der klagenden Linksfraktion steht die Mission nicht im Einklang mit dem Auftrag der Bundeswehr innerhalb der Nato.
asc/dpa/ddp/AP/AFP/Reuters
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