Aus Sderot berichtet Pierre Heumann
Sderot - Gespenstisch still ist es in Sderot, einer israelischen Grenzstadt mit 24.000 Einwohnern, die nur wenige Kilometer vom Gaza-Streifen entfernt ist. Mehrere tausend Einwohner haben den Ort verlassen, die einen für immer, die anderen vorübergehend. Wer ausharrt, wagt sich nicht ins Freie. Denn Kassam-Raketen können jederzeit und überall einschlagen. Lediglich Polizeipatrouillen, Ambulanzen und Feuerwehrautos zirkulieren auf den Straßen. Und ein paar Journalisten.
Die Leute von Sderot sind zwar schon allerhand gewöhnt. Seit 2001 schlugen in ihrer Stadt 4500 Kassam-Raketen ein, sagt Bürgermeister Eli Moyal. Sieben Bürger wurden tödlich getroffen, mehrere Dutzend verletzt.
Doch jetzt eskaliert der Zermürbungskrieg. Mehr als 60 Raketen sind in den vergangenen Tagen im westlichen Negev niedergegangen, viele in Sderot. Ein Frühwarnradar mahnt die Bewohner der Stadt zwar vor der Gefahr: "Roter Alarm, roter Alarm", schallt es dann aus den Lautsprechern. Viel Zeit bleibt ihnen aber nicht, sich in Sicherheit zu bringen: höchstens 30 Sekunden. Denn die Abschussrampen im Gaza-Streifen sind nah. Und die Raketen kommen in der Regel nicht einzeln, sondern paarweise oder im Dreierpack, im Abstand von wenigen Sekunden.
Als radikale Palästinenser vor sieben Jahren erstmals Kassam-Raketen einsetzten, reichten diese lediglich drei Kilometer weit. Inzwischen können die Raketen eine Distanz von zehn Kilometern zurücklegen und haben bei einer Länge von rund zwei Metern ein Gewicht von bis zu 90 Kilogramm. Und der israelische Geheimdienst ist überzeugt: In Gaza warten noch bessere Waffen auf ihren tödlichen Einsatz.
Ariel, ein siebenjähriger blonder Wuschelkopf, kennt nichts anderes: Seit er sich erinnern kann, ist er mit der beständigen Angst konfrontiert, von einer Kassam-Rakete getroffen zu werden. Einen seiner Altersgenossen hat es vor drei Jahren erwischt, als er unterwegs zum Kindergarten war. Seither fühlt sich Ariel auch zu Hause nicht mehr sicher. Wenn er aus der Schule nach Hause kommt, verkriecht er sich in der Regel unter dem Tisch im Wohnzimmer, um Schutz zu suchen.
Die Familie ist im Dauerstress. Die fünf Geschwister schlafen dicht zusammengedrängt im Zimmer, das keine Außenmauer hat, um im Falle der Fälle keine Splitter abzubekommen. Die älteste Schwester, die 13-jährige Victoria, ist immer noch Bettnässerin. Vater Igor hat nervöse Zuckungen. Und seine Familie ist keine Ausnahme: Jeder zweite Einwohner von Sderot, weiß ein Psychologe, leidet unter posttraumatischen Syndromen.
Permanente Angst vor dem nächsten Treffer
Bei allen liegen die Nerven blank. Und sie fordern von den Politikern in Jerusalem Taten. "Wir werden hier sonst noch verrückt", sagt Natascha Panaitiov, die jetzt die vorübergehende Evakuierung von Mitbürgern organisiert. Die Nachfrage nach einem Erholungsurlaub ist groß. Erstmals unterstützt auch die israelische Regierung eine "Erholungs-Evakuierung" aus der Gefahrenzone, obwohl Premier Ehud Olmert warnt: Die Terroristen könnten das als Preis für ihre Angriffe interpretieren. Doch Olmerts Bedenken verhallen ungehört. Wenn es für sie wirtschaftlich drin läge, würde die Hälfte der Bewohner die Stadt unverzüglich verlassen, ergibt eine Meinungsumfrage.
Die Bewohner von Sderot haben zwar eine gewisse Routine im Umgang mit der ständigen Bedrohung entwickelt, so Panaitiov. Im Auto schnallen sie sich nicht an, um sich bei Alarm möglichst rasch aus dem Fahrzeug stürzen zu können. Im nächsten Gebäude oder hinter einer Mauer suchen sie dann Schutz. Wenn immer möglich vermeiden sie die Umgebung von Fenstern, um beim Einschlagen der Rakete keine Scherben abzubekommen.
Auf den ersten Blick ist die Lage in Sderot zwar weder dramatisch noch spektakulär, zumal es in jüngster Zeit keine Toten gegeben hat. Eine Rakete traf am Samstag ein Auto, eine andere richtete in einem Wohnhaus Schaden an, eine andere setzte ein Feld in Flammen, und eine Frau musste wegen Schocks behandelt werden. Doch die permanente Angst vor dem nächsten Treffer ermattet auf Dauer auch die Robustesten. Zumal es bei jedem Angriff auch Dutzende von Toten und Verletzten hätte geben können.
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