Aus Sderot berichtet Pierre Heumann
"Hier geschieht jeden Tag ein Wunder", sagt Igor, der an sich mit Religion nichts am Hut hat. Zum Beispiel in seiner Fabrik, die zu einer Zeit attackiert wurde, als die Arbeiter in der Mittagspause waren. Oder die Schule, die in der vergangenen Woche getroffen wurde: Die Eleven hielten sich zum Zeitpunkt des Raketenangriffs nicht im Klassenzimmer auf, weil sie woanders eine Strafe wegen schlechten Verhaltens absitzen mussten. Als sie zurückkamen, sahen sie das Loch in der Decke, Scherben und Trümmer am Boden. Jetzt bleiben die Schulen geschlossen.
Oder die Synagoge, in der vergangenen Donnerstag ein Geschoss aus Gaza einschlug. Eine Putzfrau hatte wenige Minuten vor dem Treffer die 200 Gläubigen zum Verlassen des Gebetshauses aufgefordert, weil sie den Boden aufwischen wolle. Die fleißige Frau hat möglicherweise ein Massaker verhindert. Das Mobiliar wurde weitgehend zerstört – nur das Bild des Rabbi blieb an der Wand unversehrt hängen.
Immer wieder seien in den vergangenen Tagen Menschenleben wie durch göttliche Fügung gerettet worden, ist Igor überzeugt. Doch dann wird er nachdenklich, und sein Blick wird starr vor Angst: "Wie oft können sich solche Wunder wiederholen?", fragt er.
Die Russen sollen Vorbild sein
Von seiner Wohnung nach Gaza sind es bloß wenige Kilometer. Vom letzten Hügel der Stadt lassen sich die Häuser von Gaza deutlich erkennen. Von da aus hört man den Motorenlärm der israelischen Panzer, die Jagd auf Kassam-Aktivisten machen, und die Schießeren zwischen Palästinensern und Israelis.
Soeben hat die Regierung wegen der anhaltenden Raketenangriffe den Ausnahmezustand im Süden des Landes verhängt. Damit ist der israelischen Armee die Polizeigewalt übertragen worden. Sie kann nun im Notfall öffentliche Einrichtungen schließen und Straßen sperren.
Doch die Bewohner in der Wüstenstadt fühlen sich vom Staat vernachlässigt. Denn sieben Jahre, nachdem die erste Kassam eingeschlagen ist, gibt es immer noch zu wenig Schutzräume. Die Hälfte der Schulklassen und jedes zweite Haus bieten weder Trümmer- noch Brandsicherheit. "Die Gleichgültigkeit der Regierung ist fatal", sagt der stellvertretende Bürgermeister Tal Nachshonov. Und für seinen Nachbarn Amir Peretz, den Verteidigungsminister, der früher Bürgermeister von Sderot war, hat er nur Verachtung übrig: "Der tut nichts, um die Terroristen in Gaza auszuschalten."
Nachshonov, der in den neunziger Jahren aus dem Kaukasus nach Israel ausgewandert ist und jetzt die nationalistische Partei "Israel Beithenu" (Israel ist unser Haus) im Stadtrat von Sderot vertritt, gibt sich selbstbewusst: "Ich weiß, wie man gegen Terroristen vorgeht." Die Behandlung der Tschetschenen durch Russland müsste Israel ein Vorbild sein, "so dass von den Palästinensern, die uns beschießen, nichts übrig bleibt".
"Für Sderot mit Liebe"
Er glaubt nur an eine militärische Lösung des Konflikts. Israel müsse im Gaza-Streifen eine zehn Kilometer breite Pufferzone einrichten, damit die Kassam-Raketen nicht mehr in Sderot landen können. Dazu müsste man die Palästinenser vertreiben, die dort den Terroristen Unterschlupf bieten. Die Hamas habe nämlich kein Interesse an einem Ende des Konflikts: "Krieg bedeutet für Terroristen Business."
Wie die meisten in Sderot, wirft Nachshonov der Regierung Olmert vor, mit Terroristen zu zaghaft umzugehen. Und zusammen mit seinem Parteifreund Avigdor Lieberman macht er Druck auf die Regierung: "Die Palästinenser verstehen nur die Sprache der Gewalt." Um der Bevölkerung in Gaza zu zeigen, dass mit Israel nicht zu spaßen sei, müsse man die Palästinenser von der Strom- und Wasserversorgung abschneiden.
Inzwischen wächst im Hintergarten der Polizeistation von Sderot der Schrotthaufen der Kassam-Raketen. Aufgrund der Farben bestimmen die Beamten zunächst die Organisation, welche die Raketen geschickt hat: Hamas, Islamischer Dschihad oder Fatah. Dann halten sie mit weißer Schrift fein säuberlich das Datum fest und registrieren die arabischen Grußbotschaften auf den Stahlkonstruktionen: "Für Sderot mit Liebe", steht da zum Beispiel, oder "Wir sind unterwegs nach Jerusalem."
Pierre Heumann ist Nahostkorrespondent der Schweizer Weltwoche
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Nahost-Konflikt | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH