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30.05.2007
 

Irakische Flüchtlinge

Tausche Bürgerkrieg gegen schwedische Kleinstadt

Aus Alvesta berichtet Charles Hawley

Der Terror im Irak wütet ungehemmt, die Zahl der Flüchtlinge steigt täglich. Viele Menschen finden in Nachbarländern Unterschlupf. Doch immer mehr Iraker wollen nach Europa. Schweden ist das einzige Land, in dem sie mit offenen Armen aufgenommen werden.

Es ist ruhig in Alvesta: 175 Kilometer nördlich von Malmö schmiegt sich die Stadt mit ihren gut 7500 Einwohnern sanft an Hügel und Seen. Es gibt ein Hotel, ein paar Restaurants und nicht viel mehr zu tun, als hinunter zum See zu wandern und Enten zu füttern. Für 144 der Bewohner aber ist die Langeweile das Beste an dem Ort. Denn immerhin liegen hier morgens keine Leichen auf den Straßen. Für sie ist das Bezauberndste an der Stadt, dass sie nicht im Irak liegt.

Alvesta ist nur einer von vielen Orten Schwedens, die eine stetig wachsende Zahl irakischer Flüchtlinge beherbergen. Das skandinavische Land nahm 2006 rund 9000 irakische Flüchtlinge auf - über 40 Prozent der 22.000 Iraker, die ihren Weg nach Europa gefunden haben. Und Schweden stellt sich auf einen deutlichen Anstieg in diesem Jahr ein: 2007 rechnet man europaweit mit insgesamt weit über 40.000 Asylsuchenden aus dem Irak. Und die meisten von ihnen werden wohl auch in Schweden landen.

"Jetzt beginnen wir das wahre Ausmaß der humanitären Folgen des Irak-Kriegs zu erkennen" sagt der deutsche Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, Stefan Telöken, gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Jetzt kann niemand mehr sagen: Wir hatten doch keine Ahnung. Dies ist eines der größten Flüchtlingsprobleme der Welt, genauso wie Afghanistan, Sudan und Somalia."

Wahlheimat Schweden

Nach Schätzungen des Europäischen Flüchtlingsrats (ECRE) wächst die Zahl der innerhalb des Iraks vertriebenen Menschen - mittlerweile bereits 1,9 Millionen - monatlich um weitere 40.000 bis 50.000. Weit über 2 Millionen haben es über die Grenze in die Nachbarländer geschafft. Syrien beherbergt rund 1,2 Millionen irakischer Flüchtlinge, Jordanien 750.000 - ein Bevölkerungszuwachs um fast 15 Prozent.

Für die meisten Asylsuchenden sind Flugtickets unerschwinglich teuer - und viele müssen noch mit zusätzlichen 5.000 - 15.000 Dollar für Pässe und Visa vom Schwarzmarkt rechnen. Aber die, die kommen, wissen wo sie hingehen müssen. Stockholms Asylpolitik ist eine der offensten des Westens - Schweden akzeptiert bis zu 91 Prozent aller Flüchtlings-Anträge. Im Vergleich dazu akzeptieren Deutschland nur 11 Prozent der Anträge und Großbritannien nur 12 Prozent.

Ein großer Teil Europas, beschwert sich das UNHCR, ist desinteressiert - was bedeutet, dass Schweden der erste Anlaufpunkt ist. "Schweden ist ein kleines Land und natürlich haben wir das Gefühl, dass die Last (auf ganz Europa) verteilt werden sollte" sagte der schwedische Minister für Migration und Asyl-Politik, Tobias Billström, zu SPIEGEL ONLINE. "Jeder, der das Radio oder den Fernseher anmacht, sieht, dass es große Probleme im Irak gibt. Ungeheure Probleme."

Viele Iraker werden Opfer des religiös motivierten Bürgerkrieges, der seit Anfang 2006 zwischen Schiiten und Sunniten wütet. Andere geraten wegen ihrer Berufstätigkeit ins Visier. Die, die jetzt fliehen, wissen, dass dies ihre einzige Chance ist, zu überleben.

Ein Job, der fast zur Todesfalle wurde

Da ist zum Beispiel der 31-jährige Abdulkhaliq Anwar*, jetzt Bewohner eines kleinen Dorfes in der Nähe von Alvesta. Kurz nach dem Fall Saddam Husseins nahm Anwer eine Stelle an, bei der er den neu gebildeten irakischen Sicherheitskräften technische Kenntnisse vermittelte. Ihm war das Risiko bewusst, für die Amerikaner zu arbeiten. Er erzählte niemandem, dass er für DynCorp arbeitete, einem mit der Schulung irakischer Polizeikräfte beauftragen privaten amerikanischen Unternehmen - nicht einmal seiner Frau. Trotz seiner Vorkehrungen bemerkte er 2005, dass er zum Ziel geworden ist. "Sie begannen damit meinem Auto zu folgen", sagt er in Bezug auf die sunnitischen Rebellen. "Ich habe unterschiedliche Strecken gewählt, wenn ich zur Arbeit und wieder nach Hause fuhr. Ich wusste, dass sie da sind, aber ich bin mir ziemlich sicher gewesen, dass sie nicht wussten, wo ich wohne."

Eines Tages jedoch fand er nach seiner Rückkehr einen Zettel an seiner Haustür. "Wir wissen, dass Du für die Amerikaner arbeitest" stand darauf geschrieben "und dafür wirst Du bestraft werden." Am unteren Rand des Zettels war noch eine Sure über Rache aus dem Koran angeführt. Anwar wurde klar, dass es nun an der Zeit war, seine Familie über seine Pläne zu informieren. Er flüchtete über den gefährlichen Landweg nach Syrien, bevor er vor acht Monaten schließlich nach Schweden aufbrach. Momentan wartet er auf seine Aufenthaltsgenehmigung, die es ihm erlaubt, seine Familie nachzuholen.

Es ist nicht schwer in Alvesta auf Geschichten wie die von Anwar zu stoßen. Dazu muss man eigentlich nur einen 10-minütigen Spaziergang den Hang hinauf machen: Vom Bahnhof durch die Stadtmitte, am einzigen Hotel vorbei und über den Wohnbezirk mit seinen zweistöckigen Holzhäusern hinaus. Dort, am Waldesrand, stehen drei Apartmenthäuser. In ihnen: Iraker - frisch aus der Todeszone. Vier Personen wohnen in jedem Zwei-Mann-Appartement - gemeinsam mit Flüchtlingen aus anderen Krisengebieten.

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