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26.05.2007
 

China und Taiwan

Zank ums olympische Feuer

Aus Taipeh berichtet Anne Seith

Vor den Olympischen Spielen bemüht sich China um das Image von Weltläufigkeit - doch im Umgang mit dem benachbarten Taiwan zeigt sich das Regime unnachgiebiger denn je. Der lange in Vergessenheit geratene Konflikt mit der Insel brach schon bei der Planung des Fackellaufs auf.

China will nicht mehr nur Wirtschaftssupermacht sein: Bei den Olympischen Spielen 2008 soll Pracht und Weltläufigkeit demonstriert werden. Die Spiele sollen alles Dagewesene in den Schatten stellen - angefangen mit dem Fackellauf, bei dem die 22.000 Träger nach derzeitiger Planung insgesamt 137.000 Kilometer zurücklegen. Sogar auf den 8850 Meter hohen Mount Everest und wieder hinunter soll die Flamme getragen werden. "Reise der Harmonie", taufte Peking den symbolträchtigen Vorlauf.

Schon bei dessen Planung allerdings geht es alles andere als harmonisch zu. Die benachbarte Insel Taiwan, die von China nach wie vor als abtrünnige Provinz betrachtet wird, will die derzeit skizzierte Strecke nicht akzeptieren. Die Fackel soll, wenn es nach Peking geht, von Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam in die taiwanische Hauptstadt Taipeh und von dort direkt nach Hongkong getragen werden. Ein fatales Symbol, findet die taiwanische Regierung: Es würde der Eindruck entstehen, Taiwan sei die erste Station in China, erklärte Taiwans Präsident Chen Shui-bian jetzt vor Journalisten in Taipeh. Er will deshalb, dass die Flamme von Taiwan aus erst erneut in einen Drittstaat geht.

Chen, der Peking im Laufe seiner siebenjährigen Amtszeit immer wieder mit Äußerungen zu einer möglichen Unabhängigkeit Taiwans provoziert hat, bemüht sich vor den anstehenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen um einen beschwichtigenden Ton. "Wir haben absolut nicht die Absicht, die Olympischen Spiele für Störaktionen zu nutzen", betont er. Sport sei Sport und Politik sei Politik. Die Insel sei jedoch "ein souveräner Staat" und wolle nicht "erniedrigt" werden.

Zurzeit ist Chinas Kurs gegenüber der vermeintlich abtrünnigen Provinz unnachgiebiger denn je. "China nutzt jede noch so kleine Gelegenheit, den internationalen Spielraum Taiwans einzuschränken", sagt Hermann Halbeisen, Politikwissenschaftler an der Uni Köln. Jedes Land, das mit der Volksrepublik diplomatische Beziehungen pflegen will, muss Taiwan die Anerkennung verweigern - sogar um die Gunst des Tschad wurde gerungen. Mittlerweile verkehren gerade einmal zwei Dutzend Länder offiziell mit Taiwan, meist kleine lateinamerikanische oder afrikanische Länder. Der Beitritt der Volksrepublik zur Weltorganisation für Tiergesundheit - zu der auch Taiwan gehört - muss schon als internationaler Erfolg der Insel gelten.

Die taiwanische Bevölkerung fühlt sich deshalb von der internationalen Staatengemeinschaft im Stich gelassen - das ist vielerorts im Land zu spüren. "Es wird immer gesagt, der kalte Krieg sei vorbei", empört sich etwa ein Radio-Journalist. "Dabei tobt er zwischen China und Taiwan weiter." Und niemand kümmere sich darum.

In der Soochow Universität in Taipeh fragen Politikstudenten ausländische Besucher als erstes misstrauisch, ob diese Taiwan für unabhängig halten oder nicht. Dann erzählt eine Studentin, wie sie bei einer Rucksacktour durch die USA immer für eine Chinesin gehalten wurde. "Das hat mich schon ärgerlich gemacht." Eine andere erklärt rundheraus, sie könne sich mit Chinesen nicht einmal anfreunden, wenn sie sie im Ausland treffe. "Die denken immer, Taiwaner sind nichts."

"Taiwan ist eine sehr frustrierte Demokratie", sagt Politikprofessor Chih-cheng Lo. Umfragen zufolge glaubt beispielsweise nur noch eine Minderheit der Taiwaner daran, dass die USA im Falle eines Angriffs durch China Taiwan die zugesagte Militärhilfe auch tatsächlich gewähren würde. Zugleich wird der riesige Nachbar China mit seiner boomenden Wirtschaft, die jedes Jahr über zehn Prozent zulegt, in der Wahrnehmung der Taiwaner immer übermächtiger.

Pragmatismus und Angst

Ökonomisch gesehen ist Taiwan mit seinen rund 23 Millionen Einwohnern schon jetzt vollkommen von China abhängig. Über 70 Prozent der Auslandsinvestitionen werden im Reich der Mitte getätigt. Bis zu 80 Prozent der Produkte, die taiwanische Firmen verkaufen, werden Schätzungen zufolge von den viel billigeren Arbeitskräften auf dem Festland gefertigt. Etwa 40 Prozent der Ausfuhren gehen über Hongkong nach China.

Die Frage, wie die Regierung mit dem Riesenreich umgehen soll, beherrscht deshalb auch den Alltag in Taiwan - und die Vorbereitungen für die anstehenden Parlaments- und Präsidentenwahlen. Präsident Chen, der selbst nicht mehr antreten darf, trommelt je nach Tagesform mehr oder minder laut für die formale Unabhängigkeit und mahnt die Unternehmer des Landes, ihr Geld nicht nur nach China zu tragen.

Auch bei den seit Monaten stockenden Verhandlungen für ein Tourismusabkommen mit dem Festland und für die Einrichtung von direkten Passagier- und Frachtflügen gibt er sich stur. "Wir wollen chinesische Touristen willkommen heißen, aber China hat bisher immer betont, es handle sich um inländische Besuche einer inländischen Provinz", erklärt er. Natürlich sei es wichtig, dass die wirtschaftlichen Beziehungen sich normalisieren. Aber man müsse auch auf die nationale Sicherheit achten.

Ökonomen und Unternehmer werfen ihm und seiner Demokratischen Fortschrittspartei DPP vor, das Wirtschaftswachstum des Landes zu behindern. "Taiwan hat sich in den letzten sieben Jahren zu sehr um Politik und zu wenig um wirtschaftlichen Aufbau gekümmert", sagt etwa der Chef des weltweit viertgrößten PC-Herstellers Acer, J. T. Wang.

Die zweite große Partei des Landes, die Kuomintang (KMT), will deshalb einen weniger provokativen Kurs gegenüber Peking einschlagen, wenn sie die anstehenden Wahlen gewinnt, und so die wirtschaftliche Annäherung voranbringen. "Die gegenseitige Abhängigkeit muss gestärkt werden", sagt Politikprofessor und KMT-Mitglied Szu-yin Ho. Doch trotz des pragmatischen Anstrichs - auch in der KMT herrscht Unsicherheit. Es bleibe immer das Risiko, dass Peking eines Tages das nationale Interesse über das wirtschaftliche stelle und versuche, Taiwan gewaltsam zur Rückkehr zu zwingen, sagt Ho. Er wisse nur nicht, wie hoch dieses Risiko ist.

Dass China in nächster Zukunft auf den Alleinvertretungsanspruch verzichten könnte - daran glaubt in Taiwan fast niemand. Zwar ist manchmal zu lesen, dass durch den internationalen Flair der Olympischen Spiele in China Aufbruchstimmung, ganz neue Freiheiten und regimekritische Kunst entstehen.

Doch an der Haltung zu Taiwan werde das nichts ändern, davon ist nicht nur Chen überzeugt. 980 Raketen habe China an der Küste derzeit auf Taiwan gerichtet, sagt er in dem Interview: "Jährlich kommen etwa 150 dazu." Es sei sehr unwahrscheinlich, dass China diese Raketen nach den Spielen abbaut.

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