SPIEGEL ONLINE: Herr Koenen, die deutsche Öffentlichkeit erregt sich tagelang vor dem G-8-Gipfel in Heiligendamm über "Stasimethoden" der deutschen Polizei - während der Weg Venezuelas in die Einmann-Diktatur von Chávez kaum wahrgenommen wird. Warum ist das so?
Koenen: Der Effekt ist nicht untypisch für demokratische Gesellschaften im Verhältnis zu autoritären Regimes: Man verliert im Eifer notwendiger Selbstkritik leicht die Maßstäbe eines angemessenen Vergleichs. Das naheliegendere Beispiel ist ja vielleicht weniger Chávez als die Gegenattacke von Putin in Sachen G-8-Razzia. "Seht her", sagte er auf der Pressekonferenz mit Angela Merkel maliziös, "Ihr macht das ja auch, wenn es um die Sicherheit geht." Und dann kommen eben auch ganz liberale und reflektierte Leute ins Schwimmen bei der Frage, wo der Unterschied liegt -nämlich im gesamten gesellschaftlichen Kontext. Es gibt so etwas wie einen Narzissmus des eigenen westlich-kritischen Geistes.
SPIEGEL ONLINE: Auf der "eigenen" Seite ist man ganz skrupulös in Sachen Rechtsstaat, und das ist prinzipiell auch gut so, auf der anderen Seite demonstrieren gerade einmal 200 Leute vor der russischen Botschaft, wenn eine Moskauer Schwulen-Demo von der Polizei zusammengeprügelt wird.
Koenen: Der klarste Unterschied ist ja offensichtlich: Hier gibt es jeweils eine breite demokratische und mediale Öffentlichkeit als Resonanzboden, in Russland eben nicht. Und auch in Venezuela geht es im Augenblick um die Ausschaltung jeder pluralen Öffentlichkeit. Die gab es bis jetzt noch.
SPIEGEL ONLINE: Durchaus erstaunlich für Lateinamerika.
Koenen: Venezuela war und ist ein relativ entwickeltes Land mit einer recht pluralen Gesellschaft. Chavez, der sich vom Putschisten zum legitimen Inhaber des zentralen Machtpols durchgeboxt hat, ist nun dabei, die Instrumente dieser pluralen Gesellschaft Zug um Zug auszuschalten. Als Populist kann er da durchaus von Fall zu Fall mit aktuellen Stimmungsmehrheiten in der Bevölkerung agieren. Die Opposition dagegen wird jetzt systematisch und prophylaktisch ihrer Instrumente und Aktionsmöglichkeiten beraubt.
SPIEGEL ONLINE: Lateinamerika kann auf eine lange Tradition von populistischen Herrschern, Militärdiktatoren und so genannten "Caudillos" zurückblicken. Chávez ist als eine Art neuer Simon Bolivar angetreten und endet nun in den Armen von Despoten wie Castro, Lukaschenko und Ahmadineschad. Gibt es ein Latino-Modell für die Entstehung von Diktaturen?
Koenen: Es gibt sicherlich ein ganz spezifisch lateinamerikanisches Muster. "Caudillo" ist ja selber schon ein militärischer Begriff: der Anführer einer Truppe. Historisch waren es ja immer wieder Militärs, die sich dann allerdings mit den Mitteln eines demagogischen Populismus ihre eigenen Massenbewegungen geschaffen haben. Der klassische Prototypus war der argentinische Oberst Peron...
SPIEGEL ONLINE: ... auch wenn viele nur noch seine berühmte Frau Evita kennen werden...
Koenen: ... ja. Peron hat es aber trotz des recht gewaltsamen Auftretens seiner "peronistischen Bewegung" nie geschafft oder auch nicht angestrebt, die vergleichsweise plurale argentinische Öffentlichkeit völlig auszuschalten. Fidel Castro dagegen, der seine Macht ursprünglich als Speerspitze einer breiten Volksbewegung erobert hat, hat nach Ausschaltung aller realen oder möglichen Opponenten sehr rasch ein Regime der Commandantes etabliert, das von Anfang an ein militärisches Regime war. Aber er hat dann einen entscheidenden Schritt weiter getan, und das ist wohl Chávez’ Vorbild: Er hat seine eigene kommunistische Staatspartei als Unterbau geschaffen, obwohl er selbst gar nicht Kommunist war, und hat unter dem Titel des Sozialismus alle materiellen Ressourcen der Gesellschaft und alle Medien von Öffentlichkeit, Politik und Kultur in den Händen seines persönlichen Regimes versammelt.
Insofern ist Castro das genuine Vorbild von Chávez. Manchmal hat man fast den Eindruck, als ginge das bis hin zu Vorstellung einer "Seelenwanderung", einer geistig-ideologischen Machtübertragung. Der Geist des sterbenden Commandante ist in ihn, Chávez, übergangen.
Dem entspricht aber auch eine materielle Realität: Venezuela hat Kuba Huckepack genommen. Es ist fast eine Union entstanden. Chávez sieht sich als den legitimen Erbe und schaut Castro alle Methoden ab – vor allem diese ungeheure Art, die Massen oratorisch, als Redner und als Telekrat, in den Bann zu schlagen. Wie einst Castro scheint Chávez jetzt daran zu gehen, sich um den Pol eines Staatssozialismus herum eine neue, eigene Nomenklatura heranzuziehen. Und wenn man dann in die Welt schaut, dann bleiben eben nur noch Länder wie Nordkorea, Weißrussland und der Iran als Verbündete. Allerdings darf man nicht wohl unterschätzen, dass er als Antipode und Gegenspieler von Bush auch in Lateinamerika selbst eine beträchtliche Anziehungskraft hat. Auch wenn einige andere linke Regierungen auf dem Kontinent starke Reserven oder sogar Angst vor Chávez mit seiner prallen Devisenkasse haben, ähnlich wie arabische oder afrikanische Regierungen früher vor den Umtrieben des Obersten Ghadafi.
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Es es schon komisch. Es vergeht kaum ein Sonntag wo Chavez in seinem Fernseh Marathon "Halo Presidente" Fidel und Kuba in den Himmel lobt. Aber Herr Koenen bildet sich das alles nur ein??? Herr Chavez ist Bush [...] mehr...
Herr Koenen setzt mit dem Interview "Chavez nimmt Kuba huckepack" eine Reihe von verfälschten Vergleichen fort und unterminiert die Chance, dass auch westlichen Demokratien sich über sinnvolle, pluralistische Reformen [...] mehr...
Sehr geehrte Leser Chavez ist mit überzeugender Mehrheit demokratisch gewählt und eine Glücksfall für Venezuela, Südamerika und die Welt. Der Helmstedter Chirurg Christoph Krämer war als Wahlbeobachter dabei und war [...] mehr...
Ich war zu dem Zeitpunkt der in diesem Film "Dokumentiert" wird in Venezuela. Schade dass viele Menschen auf diese (wie ich vermute von der Venezolanischen Regierung mitfinanzierten) Propaganda reingefallen sind. [...] mehr...
Sehr interessante Doku zu dem Thema: "The Revolution will not be televized" Einfach mal bei Google gucken.Bringt das Ganze mal in nen ordentlichen Kontext. mehr...
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